Entertainment

„Das Wunder vom Kudamm“ im Theater am Kurfürstendamm

Letzte Station Abriss: Die Santinis Production feiert nostalgisch untergegangene Theaterwelten

Santinis Production

Das Beste kommt zum Schluss: Zum Finale ihrer Gastspiel-Serie in der Komödie am Kurfürstendamm veranstaltet die Santinis Production ein kleines Festival, das sich den Freuden untergegangenen Entertainments widmet: „Abriss“. Es ist ein bitter-süßes Abschiedsgeschenk an den geschichtsreichen Theaterbau. Dieser Tempel des im Prinzip unzerstörbaren Boulevardtheaters konnte über Jahrzehnte sämtliche Hipster- und Trendstreber-Moden unbeeindruckt an sich abperlen lassen und hat mit einem Glas Himbeerbowle und einem großen Vorrat robuster Scherze noch jede Krise überstanden.

Weder die Nazis noch der Krieg, weder diverse System- und Währungswechsels noch Mauerbau und Mauerfall konnten dem Theater etwas anhaben. Aber dann kam das neue Berlin und die Dynamik der Gentrifizierung. Jetzt fällt es nach langen Auseinandersetzungen und einem kleinen Wirtschaftskrimi einem Investor und dessen Plänen zur rendite-steigernden Verwertung der Immobilie zum Opfer. Im Sommer, zum Ende der Spielzeit, ist Schluss – und die Abrissbirne macht das Theater samt seiner ruhmreichen Geschichte platt.

Da passt als eine Art trotziger Wunsch- und Rachephantasie die Adaption eines 1980er-Jahre-B-Movies: Aus „Das Wunder in der 8. Straße“, in dem ein nettes Café in New York mit Hilfe fliegender Untertassen fiesen Immobilienhaien trotzt, wird „Das Wunder vom Kudamm“. In der kleinen, musikalisch an lokale Verhältnisse angepassten Revue wird der Fundus eines Theaters zum Widerstandsnest gegen die Zumutungen der Marktwirtschaft und aus den Machenschaften eines Finsterling-Investors wird: Nimm das, Rendite-Wurm!

Dafür, dass das Märchen boulevardgerecht scheppert, ist unter anderem Barbara Schöne zuständig, eine offenbar unsinkbare Fregatte des Oldschool-Amüsierbetriebs, die in großen Zeiten an Harald Juhnkes beschwipster Seite auf der Bühne stand. Für die lässige Textfassung mit Zeit- und Berlin-Bezug sorgt die bewährte Schreibkraft Patrick Wildermann, den Lesern dieser Zeitschrift als langjährigen tip-Theaterkritiker kennen.

Im März folgt bei John Osbornes „Der Entertainer“ das posthume Comeback eines aus den Tiefen der Fernseharchive exhumierten Harald Juhnke – und ein virtueller Gastauftritt von Anke Engelke. Das Personal in Osbornes Stück, ein Theaterklassiker der Angry Young Men der 1950er Jahre, präsentiert sich angemessen alkoholimprägniert, gut abgehangen und so abgefuckt, dass alle heutigen Ennui-Sinnkrisen-Romantiker gerne einpacken oder im FAZ-Feuilleton weiterdösen können. Der abgewrackte Music-Hall-Entertainer ahnt, dass ihn das Fernsehen überflüssig macht. So wie er in Gin, Nostalgie und Selbstmitleid badet, gönnt man ihm diesen Rauswurf auf die Resterampe der Aufmerksamkeitsökonomie von Herzen. Am Kudamm macht Peter Lohmeyer daraus den Monolog eines Modernisierungsverlierers des Unterhaltungsgewerbes. Wenn schon Ende, dann mit Wumms!

Theater am Kurfürstendamm Kurfürstendamm 206, Wilmersdorf, „Das Wunder vom Kudamm“ 10.2. – 6.5., „Der Entertainer“ ab 9.3., Karten 20 – 42 €

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]