Digital isst besser

Data Kitchen von Heinz „Cookie“ Gindullis

Digital isst besser, spätestens dann, wenn unter der virtuellen Oberfläche ganz analog und ­saisonal-regional gekocht wird. Zu Besuch im Data Kitchen von Heinz „Cookie“ Gindullis und dem Software-Giganten SAP

Foto: Stefan Wolf Lucks

Im Jahr 1769 hatte der österreichisch-ungarische Hofbeamte Wolfgang von Kempelen die ganze Welt genarrt. Oder zumindest alle, die damals von seinem wundersamen Schachroboter gehört hatten. Die Apparatur gewann alle Partien. Am Ende aber kam raus: Da steckte ein Mensch in der Maschine.
Ungefähr so funktioniert auch das Data Kitchen in einem leisen, sehr angenehmen Innenhof gleich neben den Hackeschen Höfen: Zwar kommen die Senfeier mit den wunderbar dehydrierten Kartoffelschalen als crunchiges Topping oder die Polenta mit dem Brandenburger Grillgemüse aus einem, nun ja, Automaten. Einem sogar, den der Gast ausschließlich mit seinem Smartphone navigiert. Aber das Küchenteam um den saisonal-regionalen Handwerker Alexander Brosin hat die frisch zubereiteten Teller gerade erst von hinten in diesen Automaten gestellt.

Bis dato gab es ungefähr zwei Möglichkeiten den Lunch convenient, also bequem und praktisch, so die wortwörtlichen Übersetzungen, aber eben auch möglichst flink abzufertigen. Entweder man orderte etwas, dessen Zubereitung quasi zeitlos ist. Ein Sandwich am besten. Oder man entschied sich für die gebräuchliche Bedeutung von Convenience Food: für Essen, das vorgekocht, warmgehalten, kurz, das in diesem wie in jenem Sinne fertig war.
Gastro-Entrepreneur Heinz „Cookie“ Gindullis – in der Friedrichstraße führt er das vegetarische Cookies Cream und das aus seinem Club Cookies hervorgegangene Crackers, beides auf ihre Weise sehr kulinarische und auch sehr coole Orte – versucht sich nun an einem dritten Weg. Er lässt der Küche und dem Gekochten alle Zeit, alles ist frisch und sowieso handwerklich zubereitet, und optimiert stattdessen die flankierenden Abläufe. Das Data Kitchen macht App-läufe daraus. Am Smartphone werden Essen und Getränke  geordert, wird eine Uhrzeit festgelegt, wird bezahlt und noch das Trinkgeld, zwei, fünf oder zehn Prozent, angeklickt. Kommt man dann ins Lokal, warten die Teller schon im Automaten.
Auch zum Kaffee danach klickt man sich wieder durch die App. Immerhin: Der wird dann von einem echten Barista den aktuellen Berliner Kaffeestandards entsprechend zubereitet. Es gibt also doch noch Menschen in diesem Data Kitchen, nicht bloß in der Küche. Nur eine Kasse, eine Kellnerbörse gibt es eben nicht mehr.

Es war der Vermieter, der Cookies und den Software-Giganten SAP, Hauptmieter in der Rosenthaler Straße 38, zusammengebracht hat. Liegt ja auch nahe. Unter den Linden gibt es bei Volkswagen nicht nur das Brotzeit, sondern auch das Fine-Dining-Restaurant Zeitgeist. Microsoft beherbergt die Digital Eatery. Und in der Run Base von Adidas am Kreuzberger Schleusenufer gefällt das Lab Kitchen mit soulfoodiger Sportlernahrung. Ohne Essen – und vor allem ohne die richtige Haltung zu diesem Thema – kann man bald gar nichts mehr verkaufen.
Apropos: Das Data Kitchen verkaufte sich bei unserem ersten Besuch eindrücklich gut. Womit wir, das digitale Konzept und den einnehmend gut und nicht zu technologietrunken gestalten Raum abgehakt, doch wieder bei der Küche angekommen wären.

Küchenchef Alexander Brosin war bereits Sous-Chef bei Michael Hoffmann im Margeaux und überhaupt eng mit dem Sternekoch und dessen Idee einer gemüsegrünen Saisonalküche verbunden. Worauf etwa die vielen Einmachgläser in der Küche des Data-Kitchen hinweisen, Vorräte für den nahen kulinarischen Winter. Nach dem Ende des Margeaux hat Brosin den Hoffmannschen Gemüsegarten betreut und schon einmal, in der Kreuzberger Kantine der Markthalle Neun, zum Lunch gekocht. Mit den Senfeiern und dem Grillgemüse finden sich im Data Kitchen auch zwei Gänge, die wir schon von damals kannten. Jetzt kommen sie noch ein wenig raffinierter, ausformulierter aus dem „Automaten“. Bei sechs Euro startet der per Paypal oder Kreditkarte bezahlte Lunch, die Fleisch- und Fischgänge werden zehn bis 15 Euro kosten.
Erwähnt werden sollte noch eine vom Kuratorenteam der Ars Electronica entwickelte Wandinstallation, eine netzbasierte Assoziations- und Verweismaschine. Alleine für dieses unterhaltsame Tool würde es sich dann doch wieder lohnen, bereits im Data Kitchen auf sein Essen zu warten.

Data Kitchen Rosenthaler Str. 38, Mitte, tgl. 9.90-16.15 Uhr (Lunch ab 11.30 Uhr) datakitchen.berlin

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