Musik & Party in Berlin

David Bowie: The Next Day

Meister der Überraschung: Nach zehn Jahren Funkstille zeigt das Pop-Chamäleon Experimentierwillen mit energetischer Frische.

David Bowie: The Next DayAm 8. Januar ließ David Bowie zu seinem 66. Geburtstag mit der Vorboten-Single „Where Are We Now?“ die Bombe platzen: „The Next Day“ beendet nach zehnjähriger Album- und Öffentlichkeitsabstinenz seine kreative Auszeit. In Zeiten digitaler Lauffeuerberichterstattung ist allein dies schon eine Meisterleistung. Kein Twitter-Pieps oder Studio-Status-Updates – das sogenannte Pop-Chamäleon hatte sich erfolgreich in der Camouflage-Kunst geübt. Sowohl jene zerbrechliche, spartanisch-sonore Berlin-Ballade „Where Are We Now?“ als auch das sukzessiv enthüllte Album-Artwork zwischen banal-radikaler „Heroes“-Reproduktion und minimalistischer Post-it-Plakativität befeuerten schnell die brennenden Fragen. Knüpft Bowie an seine Spree-Exil-Ära an? Ist „The Next Day“ eine resignative Alters-Retrospektive? Und: Kann es qualitativ in Bowies Klassiker-Kanon bestehen?
„Where Are We Now?“ war dabei eher eine Fangfrage. Moll und Zeitlupe geben auf Albumlänge weder Ton noch Takt an. Anders als bei den letzten beiden, ebenfalls in Kooperation mit Produzent Tony Visconti entstandenen und deutlich zugänglicheren Alben, exerziert Bowie Experimentierwillen mit energetischer Frische. Das lasziv schmutzige Saxofon zum knochigen Tom-Waits-Timbre von „Dirty Boys“ oder das schweinerockige Brat-Riff von „(You Will) Set The World on Fire“ stellen die stilistischen Extremwerte der Platte dar.
Dazwischen streift Bowie fragmentarisch Funk, Soul, Rock aber auch die Tin Pan Alley, Doo-Wop-Pop-Momente und Crooner-Coolness („Heat“). Kurzum: In Bowie-Diskografie-Jahren wird alles von 1974 bis 1980 tangiert, jedoch im zeitlosen Mix von heute. „The Next Day“ ist aber weder eine leicht konsumierbare ­Greatest-Hits-Neuauflage noch eine reine Puzzle-Platte für Bowielogen, sondern ein Album, dessen Detailliertheit schlicht eine ausführlichere Auseinandersetzung einfordert.

Text: Frank Thiessies

tip-Bewertung: Hörenswert (5/6)

David Bowie, The Next Day (Sony)