DDR-Designsammlung in Spandau

Hannah_BauhoffRegale bis unter die Decke, voller Kisten, unendliche viele. Darin Tassen, Vasen, Spielzeug, Plattenspieler, Staubsauger, Fotoapparate, Badmintonschläger. Aber auch Entwürfe und Werbeplakate. Etwa 160?000 Gegenstände aus der ehemaligen DDR sowie Entwürfe von realisierten und nichtrealisierten Objekten lagern in einer Halle in einem Gewerbegebiet in Spandau. Das, was sich nicht in Kisten und Regalen verstauen lässt, steht auf dem Boden, wie die mit Plastikplanen abgedeckten Autos und Motorräder. „Ich wusste gar nicht, dass auch von mir Sachen in der Halle sind“, sagt Erich John. Erich John hat die Weltzeituhr am Alexanderplatz entworfen sowie zahlreiche Elektrogeräte, wie das Radio „Undine II“. Und er hat die Türgriffe des Wartburg-Pkws, eines der Autos unter der Plastikplane, gestaltet. Vielleicht ist auch sein verschollenes Weltzeituhr-Modell irgendwo in den Kisten verstaut. „Wo das abgeblieben ist, weiß ich nicht“, sagt er. „Ich hatte es damals für den Wettbewerb für die Bebauung des Alex eingereicht.“

Die Halle in Spandau mit den geschätzten 160?000 Objekten beherbergt die größte Sammlung an Designobjekten aus der ehemaligen DDR. Die Gegenstände sind allesamt Relikte der DDR-Alltagskultur, vom Teelöffel bis zum Wartburg-Pkw. Und sie sind Zeugnisse einer bis heute nicht aufgearbeiteten Geschichte der DDR-Produktgestaltung. Bis 1990 unterstand die „Sammlung Industrielle Gestaltung“, wie das in Spandau untergebrachte Archiv offiziell heißt, dem Amt für industrielle Formgestaltung (AiF) der DDR. Seit zwei Jahrzehnten nun, seit der Wende und seit der Auflösung des AiF, schwelt um die Sammlung ein Streit. Und dieser Streit hat viele Protagonisten und noch mehr Ursachen. Da ist die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, der 2005 die „Sammlung Industrielle Gestaltung“ übergeben wurde. Zuvor hatte die Sammlung mehrfach den Besitzer gewechselt. Da ist der Sammler, Publizist und ehemalige Chefredakteur der im Osten gegründeten und bis zur Wende vom AiF herausgegebenen Design-Fachzeitschrift „form+zweck“ Günter Höhne. Der 68-Jährige kämpft seit Jahren für die Anerkennung der DDR-Gestalter. Da ist die Hamburger Designjournalistin Hannah Bauhoff, Jahrgang 1974, die seit 2008 zusammen mit der Berliner Gestaltergruppe anschlaege.de das Projekt „überholt und unerreicht“ betreibt und ein ähnliches Ziel wie Günter Höhne verfolgt: Mit ihrem Forschungsprojekt will sie zeigen, dass die früheren ostdeutschen Designer Antworten auf aktuelle Fragen der Gestaltung haben. Und da sind nicht zuletzt diejenigen, die einst in der DDR die Gegenstände entworfen haben, die Designer.

Hannah_BauhoffWas alles in der Halle auf dem Gewerbegebiet eingelagert ist, weiß niemand so genau. Johanna Sänger, die wissenschaftliche Leiterin der „Sammlung Industrielle Gestaltung“, und ihr Team sind dabei, die Gegenstände auszupacken, zu identifizieren und zu katalogisieren. Noch sind nicht einmal zehn Prozent der Objekte erfasst. Über ihre Arbeit gibt Sänger der Presse keine Auskunft, sie verweist an Mike Lukasch, den Berlin-Koordinator der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn. Seitdem die Sammlung der Stiftung in Bonn untersteht, also seit sechs Jahren, gab es keine Ausstellung mehr. Die hatte es zuvor immer mal wieder gegeben, in der Kulturbrauerei. Der Nordflügel war seit 1993, ungeachtet der vielen Besitzerwechsel, Standort der „Sammlung Industrielle Gestaltung“. Im Juli nun ist der Mietvertrag um 20 Jahre verlängert worden. „Für 2014 planen wir dort eine Dauerausstellung“, sagt Lukasch. „Aber es wird keine Design-Ausstellung“, betont er. „Es soll um die DDR-Alltagskultur gehen.“ Eine Zusammenarbeit mit den DDR-Gestaltern findet nicht statt.

Viele von ihnen, wie Erich John, kennen zwar den Standort Kulturbrauerei, aber bis vor Kurzem wussten sie nichts von der Existenz des Lagers in Spandau. „Ich habe davon erst im Zusammenhang mit dem Projekt von Hannah Bauhoff erfahren“, sagt der 79-Jährige. Bauhoff hat das Filmteam Emil Futur engagiert und Interviews mit Erich John und sieben anderen Produktdesignern der DDR, darunter Christa Petroff-Bohne, Lutz Gelbert und Clauss Dietel, geführt. Als Drehort haben sie die Halle in Spandau gewählt. Überwältigt seien die Designer beim Anblick ihrer Objekte gewesen, sagt die 36-Jährige. Hannah Bauhoff hat John und die anderen auch zu Hause besucht und Skizzen, Notizen und alte Fotos eingescannt.  
Begeistert zeigt Hannah Bauhoff an einem sonnigen Nachmittag im Frühling in einem Cafй in Mitte Fotos und erste Filmausschnitte. Ewig könne sie über ihr Projekt reden, sagt sie und strahlt. Wie viele Stunden Arbeit sie bisher schon investiert hat, will Hannah Bauhoff lieber nicht ausrechnen. Auch nicht, wie oft sie gedacht hat, dass sie es nicht wird verwirklichen können. Weil Geldgeber und Unterstützer fehlten.

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