Stadtpolitik

Debatte um Eugen Gomringers Gedicht

Eugen Gomringers Gedicht muss nicht an der Hochschulwand stehen. Die Begründung, es zu entfernen, ist aber falsch

Eugen Gomringers Gedicht heißt nicht einmal: „Avenidas“. Sondern „Ciudad“, Stadt.

Das ist nicht der einzige Irrtum in der Debatte um die Wand-Dekoration der Alice Salomon Hochschule. Von der Wand verschwinden soll es trotzdem. Der AStA hatte sich einen Reim darauf gemacht. Und zwar keinen guten.

Von mir aus können sie dort in Hellersdorf jeden Monat ein neues Gedicht an die Wand pinseln. Das ist ihr gutes Recht. Ich würde an deren Stelle dann allerdings die Anschaffung einer LCD-Wand nachdenken, das rechnet sich auf Dauer. Außerdem kriegt man in Berlin derzeit kaum Handwerker, daran hat aber nicht der AStA Schuld.

Das in spanischer Sprache abgefasste Gedicht von 1951, das seit 2011 überlebensgroß an der Wand stand, handelt in fünf Worten von der Stadt. Von Straßen, Blumen, Frauen. Und einem Bewunderer. Daran störten sich die Studierenden. Das Bild vom Bewunderer reproduziere nicht nur die „klassische patriarchale Kunsttradition“, sondern erinnere an sexuelle Belästigungen, denen Frauen täglich ausgesetzt sein. Der ersten Interpretation kann ich folgen. Die zweite finde ich extrem fragwürdig. Weil sie Gomringer unterstellt, sich mit Frauenbelästigern gemein zu machen. Das ist nahe am Rufmord.

Es hat ja seinen Grund, dass gute Kunst in viele Richtungen interpretierbar ist. Eben nicht eindeutig sein will. In diesem Fall wird eine mögliche, bestmöglich skandalisierbare Interpretation gegen alle andere möglichen Interpretationen in Stellung gebracht. In einer Debatte, wo man sich wünscht, jemand hätte zwischendurch mal den Stecker gezogen, sie ein paar Tage auf der Yoga-Matte zwischengelagert.

Ruhig. Tief durchatmen. Es ist alles nicht so schlimm. Wir kriegen das hin. Ommm.

Denn die Frage bleibt, welche Reizschwelle im öffentlichem Raum, in der Kunst, im Film, in der Literatur noch tolerabel ist. Wenn wir jetzt beim eher harmlosen Gomringer-Gedicht finden: Dieses muffige Bewundertum ist sowas von Fünfziger, das muss jetzt weg. Alles. Es könnte sich davon jemand verstört fühlen.

Wo also ist die Grenze, bis zu der Verstörung ertragbar scheint? Oder werden jetzt Widersprüche, Debatten, Irritationen lieber einfach weggepinselt? Frische Farbe drauf, und gut ist es? Aus den Augen, aus dem Sinn?

Jetzt soll ein Gedicht von Barbara Köhler, die, wie auch Gomringer, von der Hochschule bereits den Lyrik-Preis erhielt, an die Wand gemalt werden, und das Gedicht des Schweizers klein auf einer Tafel verbleiben. Es ist noch nicht klar, welches Köhler-Gedicht es sein wollt.

Aber vielleicht denkt Barbara Köhler mal darüber noch, Fußnoten einzufügen. Als Interpretationsvorgabe. Vorauseilend. Deeskalierend.

Sicher ist sicher.

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