Autobiografischer Roman

„Der Abfall der Herzen“ von Thorsten Nagelschmidt

Mit sich in Rheine: Einmal Sommer 1999 und zurück: Der Ex-Punkmusiker und Autor Thorsten Nagelschmidt spürt ­seiner Biografie nach – und ergründet, wie Erinnerungen trügen

Foto: Harald Hoffmann

Nagel. Er hieß immer: Nagel. Nicht Thorsten. Nicht Nagelschmidt. Nur: Nagel.
„Nagel“ wurde Thorsten Nagelschmidt schon gerufen, als er mit 14 den Punk für sich entdeckte. Ein Jahr darauf hatte er ein Fanzine, spielte in einer Punkband, veranstaltete Konzerte. Begann, Tagebuch zu schreiben. Damals, in Rheine, Westfalen, 70.000-Einwohner.

Jetzt, wo Thorsten Nagelschmidt seit elf Jahren in Neukölln lebt, immer noch in derselben Altbauwohnung, allerdings mit gerade angekündigter Eigentumsumwandlungs-Aussicht, wo seine Band Muff Potter seit fast zehn Jahren Geschichte ist, er mittlerweile in der Fahimi-Bar einen Literaturtalk hat, „Nagel mit Köpfen“, und als Nagel auch schon ein paar literarische Bücher veröffentlicht hat – jetzt erst hat er beschlossen, dass auf seinem neuen Roman „Der Abfall der Herzen“ doch endlich mal sein richtiger, vollständiger Name stehen soll, Vor- und Nachname. Und wenn nur aus dem Grund, damit Leute bei der Anrede nicht mehr grübeln. Du, Nagel? Sie, Herr Nagel?

Wobei „Nagel“ schon verdammt nach Punk klingt. Nach: Einfach mal machen. Kopf durch die Wand. Trial and Error. Ihr könnt mich mal. Alles jetzt. Keine Kompromisse. Nach ihm.
Im neuen Roman heißt die Hauptperson allerdings wieder „Nagel“. Denn Nagelschmidt steigt Nagel hinterher, geht 16 Jahre mit ihm, mit sich, zurück, nach Rheine, ins Jahr 1999. Die „Dorfpunks“-Variation als Kleinstadt-Wahnsinn. Als sich ein paar irre, wirre Geschichten auf einen einzigen Sommer verdichteten.

Überhaupt: 1999. Letztes Jahrtausend. Vor der Agenda 2010. Vor Master- und Bachelor-Studiengängen. Kaum Handys, kein Facebook, kein Twitter. Noch kein 9/11, kein Irak-Krieg.
Dieses „1999“ fühlt sich eher wie ein Prince-Song an als wie ein Jahr. „So tonight I’m gonna party like it’s nineteen ninety-nine.“ Party. Disco. Kneipen auf der „Meile“. Dicht sein, drauf sein. Austrinken. Rummachen. Prügeln.

Auf die Fresse. In die Herzen.

Es sind Geschichten von Knalltüten, Freaks, und Außenseitern um die 20, die Schacke, Richter oder Tommi heißen und sich oft grandios verpeilte Dialoge liefern. Die in WGs mit Schimmel hausen und „Ihr könnt uns nicht kaufen, denn wir sind wertlos“ von der Punkband Tin Can Army an die Wand taggen. Die Korn mit Wurstwasser trinken, in Bong-Pfeifen kotzen und die dann weiterreichen. Für die Monogamie eine Sitte von Langweilern ist.

Und die doch, tief innen, auch Romantiker sind, Liebende. Oder Verlassene, Verlorene.
Kaum einer von ihnen wird ein Studium abschließen. Oder ist qua Herkunft für sonderliche Karrieren prädestiniert. In Nagelschmidts Elternhaus gab es genau fünf Bücher. Drei Konsaliks, zwei Simmels. „Ich habe nie jemanden darin lesen sehen“, sagt er.

Alles beginnt im Möbel Olfe in Kreuzberg, irgendwann 2015. Das Buch und die ganze Geschichte. Da trifft Nagelschmidt einen alten Kumpel, im Buch heißt er Sascha. Sie reden über einen Brief. Den hätte Nagel damals an ihn, Sascha, geschrieben, sagt Sascha, im Sommer 1999. Als Sascha Nagel hasste. Weil der ihm, dem Freund, die Freundin ausspannte, Laura.

Wie ihm, Nagel, vorher von diesem Timo, dem Kifferbubi, seine Nina ausgespannt wurde.
Und der Nagel im Buch, der Schriftsteller Nagelschmidt in echt, beginnt, nach dem Brief zu suchen, in seinen Tagebüchern, die er fast manisch vollschreibt, immer noch, 143 Bücher bis heute. Dabei seien die nie als literarischer Fundus gedacht gewesen, sagt er. Aber jetzt ist es gut, dass es sie gibt. Sein dürftiges Erinnerungsvermögen braucht jede Hilfe. „Ich glaube, mein Gedächtnis ist so schlecht, nicht obwohl, sondern weil ich Tagebuch schreibe. Es geht nicht ums Festhalten, es geht ums Loswerden.“

So ist dieses Buch, „Der Abfall der Herzen“, kein in Sepia zeitkolorierter Entwicklungsroman aus der Provinz-Subkultur und erst recht keine Florian-Illies-hafte 90er-Jahre-Nummernrevue. Sondern vor allem auch ein Buch über das Schreiben. Und über Erinnerungen. Wie trügerisch die oft sind. Weil sie nicht eine einzige Vergangenheit formen. Sondern Varianten, Interpretationen.

Denn es gibt eine zweite Ebene im Buch. Die spielt im Jahr 2015. Da hat der Autor Nagel ein Romanprojekt im Kopf, über ein Pärchen in Kuba, das sich mit Tavor, einem Beruhigungsmittel, wegballert. Dafür wirft er selbst ein Wochenende lang Lorazepam ein.

Aber es fügt sich einfach nichts zusammen. Und dann überkommt ihn der Sommer 1999 in Rheine. Und er beginnt, die Leute von damals wieder zu treffen, Kumpels, Ex-Freundinnen, er führt 40, 50 Gespräche. Hinterher ergibt vieles Sinn, was damals nur Chaos schien.
Ein guter Buchtitel, schreibt Nagelschmidt an einer Stelle, wäre auch: „Ich war schon nostal­gisch, da hatte ich noch gar keine Vergangenheit.“ Ziemlich guter Satz, übrigens.

Eines hat der Schriftsteller Thorsten Nagelschmidt seiner Figur Nagel noch gegönnt: einen intakten Geruchssinn. Ihm selbst fehlt der nämlich, eine medizinische Seltenheit. Aber so ist das mit der Vergangenheit. Wer Romane über sie schreibt, kann sie auch ändern.

Der Abfall der Herzen von Thorsten Nagelschmidt, S. Fischer, 22 €