Liebesdrama

„Der andere Liebhaber“ im Kino

Durch Übertreibung entwertet: „Der andere Liebhaber“ sieht bei François Ozon aus wie der erste

Foto: MANDARIN PRODUCTION – FOZ – MARS FILMS – FILMS DISTRIBUTION – FRANCE 2 CINÉMA – SCOPE PICTURES – JEAN-CLAUDE MOIREAU

Die junge Chloe kommt mit Bauchschmerzen zum Arzt. Da sich keine organische Ursache feststellen lässt, versucht sie es mit einer Psychoanalyse. Aber auch der ­attraktive Therapeut Paul Meyer findet nicht heraus, was es mit dem Symptom von Chloe auf sich hat. Eine Lösung ergibt sich auf anderem Weg: Paul und Chloe verlieben sich ineinander, schon bald ziehen sie in eine Wohnung mit Blick über Paris. Einem gemein­samen Glück sollte nichts im Wege stehen, nur der Kater von Chloe trübt ein wenig die Laune: Er verschwindet einfach.

Das haarige Tier, das im Französischen so deutlich mit dem weiblichen Geschlecht ­assoziiert wird, geistert fortan in verschiedener Gestalt durch François Ozons Psychothriller „Der andere Liebhaber“. Präziser als der deutsche Titel ist der originale: „L’amant double“, also der doppelte Geliebte oder der Geliebte als Doppelgänger. Das Motiv der Verdopplung zeigt sich schon in den Bildern zu Beginn, als Chloe und Paul einander noch in der analytischen Konstellation gegenübersitzen. Danach wird die Sache zunehmend mysteriöser. Chloe findet heraus, dass Paul eigentlich einen anderen Familiennamen hat, und schließlich stößt sie auf einen ­Zwillingsbruder namens Louis, der ebenfalls von Jérémie Renier gespielt wird: ein Darsteller für zwei Männer, die kaum zu unterscheiden wären, die Chloe gerade aber in intimen Angelegenheiten doch ganz unterschiedlich erlebt. Mit Louis, dem (wenig) älteren, hat sie wilderen Sex, mit Paul, den sie betrügt, hat sie das beständigere Leben. Louis treibt sie an ihre Grenzen, Paul möchte mit ihr alt werden.

Vor wenigen Wochen erst ist François Ozon 50 Jahre alt geworden. Mit knapp 40 Filmen seit 1988 zählt er zu den produktivsten Filmemachern Frankreichs, und auch zu den vielseitigsten. Er wechselt ständig die Genres, manchmal überrascht er mit einem historischen Schwarzweißfilm („Frantz“), dann ­wieder mit einer Komödie („Das Schmuckstück“). In „Der andere Liebhaber“ spielt wieder ­Marine Vacth, die er mit „Jung und schön“ quasi entdeckt hatte, die weibliche Hauptrolle. Sie muss hier alle Register ziehen zwischen filigraner Psychologie und ekligen Splatterszenen. Denn Chloe gerät zunehmend tiefer in eine Konstellation, in der zwischen Körper und Seele, Erinnerung und Projektion und vor allem zwischen Wirklichkeit und Wahn nicht mehr leicht zu unterscheiden ist.

Ozon präsentiert seine Thriller (zuletzt „In ihrem Haus“) immer mit einer gewissen Süffisanz. Und tatsächlich fällt es bei „Der andere Liebhaber“ allmählich immer schwerer, die Geschichte vollständig ernstzunehmen – schließlich geht Ozon mit den Verdopplungen so weit, dass Chloe auch noch in einer Ausstellung, in der sie als Aufseherin arbeitet, mit Geschwulsten präsentiert wird, die direkt aus ihren Vorstellungen zu kommen scheinen. So könnte man schließlich das Gefühl bekommen, dass es Ozon mit seinem neuen Film um eine Art Doppelgänger ging, um einen illegitimen Zwilling, der eine große Tradition (Hitchcock!) zwar nicht verleugnet, sie aber tendenziell durch Übertreibung entwertet. „Der andere Lieb­haber“ eignet sich eher für eine flüchtige Begegnung. Etwas Großes wird daraus eher nicht.

L’amant double (OT) F/B 2017, 108 Min., R: François Ozon, D: Marine Vacth, Jérémie Renier, Jacqueline Bisset, Start: 18.1.

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