Stadtleben und Kids in Berlin

Der anonyme Agenturlobbyist

Der Geschäftsführer einer Politikberatungsagentur, ?der anonym bleiben ?möchte, erzählt...

Lobbyisten in Berlin

„Ich schätze, von den rund 1?000 Politikberatungsagenturen in Berlin arbeiten zwei Drittel bis drei Viertel ethisch korrekt. Beim Rest gibt es viele, die in einer Grauzone agieren – und zehn bis 20 würden für Geld in der Tat alles tun. Das sind die Hardcore-Lobbyisten. Ich muss auch öfter im Gespräch mit Klienten auf meinen Ehrenkodex verweisen. Das Dreisteste, was je an mich persönlich herangetragen wurde, war der Wunsch eines Unternehmens, direkt auf ein Gesetz Einfluss zu nehmen. Ich sollte dafür sorgen, dass eine bestimmte Regelung implementiert wird. Dabei sorge ich eigentlich nur dafür, dass im Chor der vielen Stimmen die meines Klienten gehört wird. Konkret läuft das dann so ab: Ich mache dank meines Netzwerks für meinen Kunden einen Termin bei dem jeweiligen Referatsleiter im Ministerium, in dessen Fachbereich das Anliegen des Unternehmens fällt. Dort kann mein Kunde dann sein Problem vorstellen. Verläuft dieses Gespräch gut, folgt ein Termin beim Fachpolitiker. Es ist also mehr so eine Art Inszenierung, die ich organisiere. Für mich ist das größte Problem, dass die Ministerien immer mehr intellektuelle Arbeit auslagern – das macht den massiven Einfluss von Interessenvertretern erst möglich. Denn seit in den Ministerien die akademischen Stellen so extrem gekürzt wurden, ist die Fachkompetenz ausgehöhlt. Plötzlich sind nur drei, vier Akademiker für ein Fachreferat zuständig, dessen Gebiet ständig wächst. Deshalb wird outgesourced: an große Rechtsanwaltskanzleien, die vom Ministerium nur kurz gebrieft werden. Die verfügen so mit einem Mal über enormes Insiderwissen – und bieten dann natürlich eine Angriffsfläche für Interessenvertreter.“

Text: Notiert von Johanna Rüdiger

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