Multitalent der Sprache

Der Berliner Schriftsteller Jakob Nolte

Nolte findet, dass Literatur nicht zum Schmökern da ist, sondern um die Gedanken anderer zu haben. Auch in seinem zweiten Roman „Schreckliche Gewalten“ kann das schmerzhaft sein

Foto: RachelIsraela

Jakob Nolte will sich ungern festlegen lassen. „Das habe ich jetzt nicht gesagt“ ist so ein Satz, der im Gespräch so oder ähnlich mehr als einmal fällt. Jedes seiner Worte wählt er mit Bedacht, zumindest wenn es nach außen dringen soll. Seine Vorsicht ist durchaus begründet. Nichts geht heute schneller, als einen jungen Schriftsteller in eine der vorgefertigten Kategorien zu stecken – erst recht, wenn Tonlage und Struktur wie bei Nolte so überbordend sind, dass Vergleichbares in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur rar ist.

Der im niedersächsischen Barsinghausen geborene Nolte gehört mit seinen 28 Jahren zu dieser blutjungen Autorengeneration, deren tiefschürfende Texte man gierig verschlingt, an denen man mitunter aber auch verzweifelt. Leif Randt, Clemens Setz oder Dietmar Dath wären weitere Namen der Liste… – aber diese Schublade bleibt jetzt besser geschlossen.

Vor wenigen Wochen ist sein zweiter Roman erschienen. In „Schreckliche Gewalten“ geht es um Rausch und Kontrolle, Sex und Gewalt, Einsamkeit und Sprachlosigkeit. Die Erzählung handelt vom Leben der Geschwister Edvard und Iselin Honik, die als Kinder der Kriegsgeneration in Norwegen aufwachsen und nach einem animalischen Gewaltexzess plötzlich ohne Eltern dastehen. Während die sexuell-aufgeschlossene Iselin im Laufe der Erzählung erst als Feministin und dann als Terroristin gegen die Verhältnisse ankämpft, sucht ihr Bruder Edvard sein Heil in der Ferne. Er macht sich auf nach Afghanistan, wo er am Ende des Romans mutmaßlich seinem wahren Schicksal begegnet. Mutmaßlich deshalb, weil man sich so ganz sicher nicht sein kann.

Man hat es hier mit einem surrealistischen Gruselmärchen zu tun, das sowohl im Horror der Ereignisse als auch in der bewusst gesetzten Leerstelle, die Deutschland dabei einnimmt, Ähnlichkeiten zu Noltes Debüt „Alff“ aufweist. In diesem Roman trieb ein mysteriöser „Vollstricker“ im amerikanischen Niemandsland sein Unwesen und webte Teenagerleichen in Zaunfelder.

Noltes Literatur ist immer Glück und Zumutung zugleich. Sie ist spielerisch leicht, aber auch schwindelerregend kompliziert, verführerisch hell und abgründig düster. Das rückt ihn in die Nähe freier Radikaler wie Georges Bataille oder William S. Burroughs. Da er beide liest, droht die nächste Schublade. Vergessen Sie das also besser.

„Schreckliche Gewalten“ ist auch eine Erkundung der Frage, was Terrorismus eigentlich ist. Dafür seien die Siebziger das zentrale Jahrzehnt, erklärt Nolte. Zur Zerstörungskraft von RAF und Co. gehört aber auch die kraftvolle Vision einer anderen Gesellschaft, die Nolte fasziniert. „Wenn man sich nicht in einem Zeitstrahl befinden, sondern sich aussuchen könnte, wann man in welchem Alter leben würde, dann wäre ich gern in den Neunziger-Jahren Teenager gewesen und in den Siebzigern 20 bis 30. Wo 30 bis 40 sein wird, weiß ich noch nicht so genau.“

Neben der Literatur ist das Theater die zweite Keimzelle seiner Autorschaft. „Es ist toll, in einem dunklen Raum zu sitzen und Leute zu beobachten, die sich in interessanten Situationen befinden“, erklärt er seine Leidenschaft für die Bühne. Beim Radfahren fiel ihm sein erstes Stück ein, noch bevor er an die Universität der Künste szenisches Schreiben studierte. Seit 2013 erobert er (zum Teil mit Michel Decar) die deutschen Bühnen. 2015 lief „Der neue Himmel“ am Deutschen Theater Berlin, im vergangenen Jahr „Gespräch wegen der Kürbisse“ bei den Autorentagen.

Mit Leif Randt hat er kürzlich „Tegel Media“ ins Leben gerufen, eine Website für literarische Formen, die keiner ernst nimmt, wie er selbst sagt. In seiner schlichten Aufmachung ist die Seite „ein Gegengewicht zur unerträglichen Monstranz des Internets“.
Literatur, Theater, Kunst, Musik und Comic – all das fließt bei Nolte zusammen. Sein Element aber bleibt die Sprache. „Mein Arbeitsfeld besteht zu 95 Prozent aus Wörtern. Mal gibt es eine Zeichnung dazu und mal gebe ich bei einer Probe meine Meinung kund, aber was mich genuin interessiert, wo ich immer dran bin, sind Wörter.“ Zwischen denen kann man sich auch am besten verbergen.

Schreckliche Gewalten von Jakob Nolte, Matthes & Seitz Berlin, 340 S., 22,- €

Kommentiere diesen Beitrag