Kultur & Freizeit in Berlin

Der Berliner Startup-Boom – Teil 2

Lustige Nerds mit Club-Mate-Suchtproblematik, die nebenbei irgendwas mit Internet ­machen: ?So reimte man sich den Berliner Startup-Boom zusammen. Doch nun kommt mit ­internationalen Risiko-Kapitalgebern immer mehr Geld ins System. Und Berlins Startups machen ernst.

Berlin oder Silicon Valley? Das war die Frage für Ijad Madisch, als er mit dem amerikanischen Investor Matt Cohler in Boston den Standort für sein Startup Researchgate diskutierte, genannt „Facebook für Wissenschaftler“. Damals, vor sechs Jahren. „In Berlin gab es schon die Anfänge eines Startup-Ökosystems, aber nichts Bahnbrechendes„, schreibt der syrischstämmige Doktor der Virologie und Informatiker, der in Havard studiert hat und dem tip per Mail antwortet. Im Valley hätten viele bereits beim Aufbau großer Unternehmen mitgearbeitet, seien müde vom Erfolg. In Berlin dagegen hätte er damals schon diesen Hunger verspürt, sich selbst zu verwirklichen und an etwas Wichtigem zu arbeiten.
Jetzt ist Researchgate – mit 200 Mitarbeitern, darunter 60 Prozent internationalen Leuten, in Mitte präsent – ein Vorzeigeunternehmen der Stadt. Weltweit laden acht Millionen Wissenschaftler Forschungsergebnisse und Profile auf der Plattform hoch. Bill Gates hat persönlich in Researchgate investiert. Ob sich Madisch, einer der drei Gründer, irgendwann vorstellen könnte, die Firma zu verkaufen? „Nein, einen Exit würde ich als persönliches Versagen ansehen.“  Wie hatte er doch dem Investor Cohler, als der ihn  nach seinen Zielen fragte, geantwortet: Er wolle „den Nobelpreis gewinnen“. Darunter geht’s nicht. Schätzungen kommen auf 2000 Berliner Startups. Alle 20 Stunden, schreibt die Unternehmensberatung Roland Berger in einer Studie, gründet jemand in der Stadt ein neues. „Berlin hat die Chance, das ‚Labor‘ für digitale Geschäftsmodelle in Deutschland zu werden“, sagt Tim Dümichen von der Unternehmensberatung KPMG, die zusammen mit dem Bundesverband Deutsche Startups alljährlich die Studie Deutscher Startup Monitor herausgibt. „Entsprechende Fachkräfte aus dem digitalen Umfeld dürfte man in Berlin deutlich leichter finden als an klassischen Industriestandorten.“
Man kann es aber auch andersherum sehen: Viel mehr geht auch nicht in Berlin. Es gibt kein Dax-Unternehmen mit Hauptsitz in der Stadt. Tourismus geht gut, zicher. Freuen sich auch nicht alle drüber. Ist einfach so. Ist die Digitalisierung Berlins einzige Chance? Retten die Startups die Stadt? „Krass gesagt: ja“, sagt Nikolas Samios.
Die Berliner Beteiligungsgesellschaft German Startups Group, die Samios mit Christoph Gerlinger leitet, hat in 50 Startups investiert. Ihr Büro liegt im Flughafengebäude Tempelhof. An der Wand flimmert in Neonlicht-Buchstaben
der bitterböse Startup-Erfolgsplan, den Cartman in der Zeichentrickserie „South Park“ entwarf: „Start up. Cash in. Sell out. Bro down.“ Die Folge hieß übrigens: „Go Fund Yourself.“ Der Weg zur German Startups Group ist ein Orientierungssuchlauf
durch den – anders als die Flüchtlingshangars – überschaubar belegten Gebäudeteil, für den die Presseabteilung vorab hilfreicherweise eine Wegbeschreibung geschickt hat. „Hier denkt jeder, er wäre der einzige Mieter“, grinst ?Samios. Schwarzer Anzug, lange Haare, rote Turnschuhe. Er lässt sich in einen Sessel mit spektakulärem Blick über das Rollfeld fallen.
Rund 1000 Firmen schauen sich er und seine Kollegen pro Jahr an. „Natürlich gibt es darunter auch viel Ausschuss“, sagt Samios. „Vor fünf Jahren reichte es aber noch, eine große Klappe und eine Powerpoint-Präsentation zu haben. Das ist jetzt vorbei. Heute müssen Sie Ihre These beweisen.“
Man kann mit Samios lange über das Berliner Startup-Ökosystem reden. Warum Berlin dabei derzeit eine Spitzenstellung in Europa hat. Es sind nicht nur die (noch) bezahlbaren ?Lebenshaltungs- und Bürokosten, Samios hat vorher in München gelebt, da rollt der Immobilien-Rubel ganz anders. „Ich kenne ausländische Unternehmensgründer, die kommen ohne ein Wort Deutsch her und werden sofort Berliner“, sagt er. „Die könnten überall hingehen, gehen aber nach Berlin, suchen sich einen Coworking Space und werden sofort aufge-?sogen – internationales Talent, Networking!“ Andockstationen wie das Agora Collective in Neukölln, das in einer Online-Umfrage des Freiberufler-Online-Marktes Twago zum beliebtesten Coworking Space Deutschlands gewählt wurde und gerade einen zweiten Standort in der Kindl-Brauerei aufbaut. Oder wie das Betahaus am Moritzplatz und das Ahoy!Berlin in Treptow, wo IBM einen Innovation Space eröffnet hat. Oder aber die Factory nahe der Mauer-Gedenkstätte. Die U8, die Zufall oder nicht, reihenweise Gründer-Hot-Spots verbindet, firmiert in der Szene längst als „Start­up-Line of Berlin“.
Als Deutschlands erster Startup-Campus 2011 nahe des U-Bahnhofs Bernauer Straße öffnete, waren erst fünf Startups dabei. Mittlerweile sitzen in der umgebauten Oswald-Brauerei von 1869 auf 12.000 Quadratmeter 70 Firmen mit 800 Arbeitsplätzen. Die Musikplattform Soundcloud und den Taxi-Schreck Uber findet man hier. Und Twitter hat gerade seine Bürofläche verdreifacht, der Tischkicker haut die Spielergebnisse über
den Kurznachrichtendienst automatisch in die Welt hinaus. „Die Berliner Startup-Szene professionalisiert sich“, sagt Lukas Kampfmann, 29-jähriger Factory-Manager. „Wir glauben, dass Berlin London als europäische Tech-Haupstadt überholen kann.“

Startup: Factory

Einer der führenden europäischen Business-Angel, Klaus Hommels, hat in der Factory eine Million Euro investiert, in der Startup-Szene fällt sein Name mit ähnlich bedeutungsschwangerer Betonung wie der von Peter Thiel. Google hat sich die Factory als Basis für die deutsche Startup-Szene ausgesucht, die Lufthansa dort ein
Innovations-Hub eingerichtet.
Nur mit Rocket Internet gibt es wenig Berührungspunkte. Rocket, sagt Kampfmann, lege nicht viel wert, sich mit der Szene außerhalb des Imperimus zu vernetzen. „Es ist ja nicht so, dass hier Oliver Samwer mal auf ein Bier vorbeikommt.“ – Habt ihr ihn denn mal eingeladen? „Nee, auch nicht.“ Kampfmann grübelt kurz. „Wäre ja vielleicht mal eine Idee.“ In den nächsten Jahren soll die Factory drei weitere Standorte in Berlin eröffnen, als erstes demnächst in der alten Gummifabrik am Tempelhofer Ufer in Kreuzberg. „Wir wollen Old und New Economy zusammenführen„, sagt Lukas Kampfmann. „Software wird in die letzten Lebenswinkel eindringen. Wir werden in 15 Jahren ein Smartphone angucken wie heute die Leute einen Gameboy.“ Allmählich merken sie auch in den Chefetagen der etablierten Großunternehmen im tiefen Westdeutschland, dass ihnen dieses Digitalisierungs-Dings noch Probleme bereiten könnte.
So sitzen die  meisten FinTech-Startups – für „Finanztechnologie“– nicht etwa in der Bankenmetropole Frankfurt/Main, sondern in der Stadt der Länderfinanzausgleich-Nehmerqualitäten an der Spree. Großunternehmen wie RWE oder Deutsche Bank beteiligen sich an Labs oder machen selbst welche auf.
Aber auch im Mittelstand geht die Unruhe um. Berlin, Berlin, wir müssen nach Berlin. „Die etablierten Unternehmen sind überaus interessiert zu verstehen, was gerade in Berlin passiert“, sagt Bastian Halecker, der seit mehr als einem Jahr Startup-Touren durch Berlin organisiert, zuletzt etwa zum Thema Energie und Mobilität, unter anderem zu Gast beim Climante-KIC auf dem Euref-Campus am Schöneberger Gasometer. Er spricht von einem „Kalte-Dusche-Effekt“ beim Thema Digitalisierung. „Die Unternehmen wollen wissen: Wie denken die Startups? Wie arbeiten diese?
Was steckt hinter der Idee?“ Der Kölner Internet-Unternehmer Thomas „Tom“ Bachem sagt: „Es ist eine verrückte Zeit, wo sich Leute in Busse setzen und sagen: Wir müssen dringend gucken, was in Berlin los ist.“ Bachem ist gerade dabei, in Berlin eine praxisnahe Bachelor-Ausbildungsstätte für Softwareentwicklung, digitales Design und Produktmanagement voranzutreiben. Diese Woche wollte er beim Senat über die „Code-University“, so der Arbeitstitel, reden. „Ich bin autodidakischer Entwickler, seit ich zwölf wurde“, sagt Bachem. „Warum gibt es keine Business-School für Informatiker?“
50 Studenten sollen im Wintersemester 2017/18 starten, als Standort ist eine der neuen Kreuzberger Factory-Locations im Gespräch. Aber auch Nordrhein-Westfalen wirbt heftig mit. „In allen Städten gibt es dieses Berlin-Bashing“, amüsiert sich Bachem. In Berlin säßen keine Großunternehmen als Kunden für Startups, Nordrhein-Westfalen da sei viel interessanter. „Aber Tech-Startups ist es doch scheißegal, wo ihre Kunden sitzen.“
In der Startup-Szene gilt es als ausgemacht, dass der Berliner Boom nicht wegen, sondern trotz der Politik funkioniert. Gut immerhin, dass Berlin in der Agenda „Berlin auf dem Weg zur Digitalen Hauptstadt“ 30 neue IT-Professuren plant. „Smart City“ klingt als Fernziel auch prima. Jedenfalls, so lange es einen nicht gerade aufs Bürgeramt verschlägt. Der Unternehmer, Business-Angel und Tech-Startup-Gründer Benjamin Rohй las dort neulich auf einen Aufkleber: „Wer viel macht, macht viele Fehler. Wer wenig macht, macht wenige Fehler. Wer gar nichts macht, macht gar keine Fehler.“
Rohй sitzt, als er die Geschichte erzählt, in einem Starbucks am Potsdamer Platz, er sieht für einen Moment ehrlich fassungslos aus: „Da hat es mir fast die Sprache verschlagen.“  Sein Credo: „Wenn ich niemals scheitere, heißt das, ich bin nie über meine Grenze gegangen. Nur wer über seine Grenze geht, kann wirklich Großes erreichen.“ Rohй sagt, ihn interessiere „der Quatsch“ nicht, ob Berlin bei den Startups Nummer eins oder zwei in Europa sei. „In zehn Jahren reden wir nicht mehr von Berlin oder London. Sondern ob Warschau, Kiew oder Bukarest vorn liegt.“ Dort seien die IT-Ausbildung gut, Talente kostengünstig verfügbar und die Infrastruktur-Investitionen erheblich. Noch hapere es dort an der Rechtsicherheit und Infrastruktur. Aber eben: noch. Schon vorletztes Jahr habe Berlin doppelt so viele Büroflächen vermietet wie Frankfurt/Main, sagt Rohй: „Real-Estate-Experten sagen: Startupper sind die Preistreiber bei der Mietentwicklung.“
Benjamin Rohй hat nie studiert, aber mit 17 sein erstes Unternehmen gegründet. Als er vor
14 Jahren nach Berlin kam, sprach man noch von der „Silicon Chaussee“ und meinte die Chausseestraße zwischen Mitte und Wedding. „Bei Banken sagte man: too big to fail. In Berlin hieß das: too cheap to fail.“
All seine sechs selbst gestarteten Firmen hat Rohй an Tischtennisplatten aufgebaut. Nicht aus Hipster-Image-Erwägungen. Sondern weil sie die ideale Höhe hätten, flexibel und erschwinglich seien. „149 Euro für vier Arbeitsplätze! Unschlagbar!“ Und zwischendurch ein paar Ballwechsel. Wer es mag. Solche Platten hat Rohй jetzt auch in der vierten Etage des ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude aufgestellt. Dort gründete Rohй vor einem Jahr das German Tech Entrepreneurship Center (GTEC), gemeinsam mit der dort ansässigen European School of Management, der Wirtschaftskanzlei, zwei Unternehmerstiftungen sowie mit RWE und Henkel.
Eine zweite Dependence in Schöneberg ist in Planung. Rohйs Vorbild ist die interdisziplinäre Stockholm School of Entrepreneurship. „Wenn man sich die schwedischen Gründer anschaut: Die waren alle dort“, sagt Rohй. „Stockholm und auch Waterloo in ?Kanada (Gründungsort von Blackberry, Anm. d. Red.) sind uns Lichtjahre voraus.“
Auch Alexander Ljung und Musiker Eric Wahlforss studierten an der Stockholmer Unternehmer-Uni. Aber dann gingen sie nach Berlin. Und schufen Soundcloud. Einer von Rohйs Lieblingssätzen über den Berliner Startup-Hype geht so: „Wir reden immer von der Roof-Top-Party. Eigentlich sind wir gerade mal bei der Bodenplatte.“ Und Benjamin Rohй sagt nüchtern: „Bis wir in Berlin nicht zwei, drei solcher Startups
haben, die an die Börse gehen und wo dann – wie damals bei Apple – 300 Leute Millionäre werden, kann man nicht von einem sich selbst erhaltenden Ökostystem reden.“ Denn diese Neu-Reichen stecken ihr Geld in aller Regel in neue Startups. Als Business-Angels. Oder selbst als Gründer. Hat man es einmal geschafft, will man es immer wieder.
Christian VollmannChristian Vollmann (38) ist einer dieser vielen Berliner Gründer, die bei Rocket das Handwerk lernten – und dann weiterzogen, ihr Ding machten, eines nach dem anderen. Er sitzt in einem Souterrain-Büro in Prenzlauer Berg, als er sagt: „Grundsätzlich investiere ich in Gründer, in Personen. Ich will das Feuer in den Augen der Leute sehen.“
Vollmann fing 1999 bei Alando an – dem Ebay-Klon, den Oliver Samwer an Vollmanns erstem Praktikumstag
an den Ebay-Gründer Pierre Omidyar verkaufte, für 43 Millionen Euro. Er hat bei der Samwer-Gründung Jamba gearbeitet, die dem Land mit Schnappi-Klingeltönen auf den Zeiger ging, zog dort das Dating-Portal iLove.de  mit 20 Millionen Euro Umsatz im Jahr auf, steckte mit 200.000
Euro sein gesamtes Geld in seine erste Eigengründung MyVideo und war der erste externe Investor bei Researchgate, „immer noch mein Lieblingsinvestment„.  Auch an Movinga ist er beteiligt. Bei Researchgate stieg er sogar mal als Head of Sales mit ein. Kurzes Intermezzo.
„Ich habe gemerkt, ich will mein eigenes Ding machen“, sagt er. „So ist das, wenn du eine Idee hast, die dich nicht loslässt.“
Gerade hat Vollmann gemeinsam mit dem Betterplace.org-Gründer Till Behnke vom Souterrain-Büro aus das Nachbarschaftsportal Nebenan.de gestartet, man muss sich dafür mit Namen und Adresse anmeldeten. „Du kannst dich bei uns darauf verlassen, dass du dich mit echten Nachbarn unterhältst.“ Nach und nach bringen die beiden die Berliner Kieze in Schwung. 50 Nachbarschaften haben sie bereits drin. Es geht wieder los.
Wie bei vielen Leuten in der international denkenden Startup-Szene mischen sich auch bei Vollmann englische Floskeln in die deutschen Sätze.  Das klingt dann so: „Startups wollen den Status Quo disrupten. Es geht nicht darum, fünf Prozent besser zu sein als die anderen. Sondern zehn Mal so gut.“ Vielleicht, grübelt er, solle man nicht mehr von Startups reden. Sondern besser von ?“Scale-ups“. Etwas zu starten sei einfach. Es aber richtig groß zu machen, das wäre die Kunst. Rasantes Wachstum. Volle Kanne. Jetzt oder nie. „Das trennt die Spreu vom Weizen.“ „Eine Gründung ist ein wahnsinniger Rollercoaster“, sagt Vollmann. „Man fängt bei Null an, alle Welt lacht einen aus, keiner glaubt an einen.“  Und
dann geht die Fahrt wieder los. Steil nach oben. Wenn es läuft. Der Wahnsinn, genau. Man kriegt einfach nicht genug davon.

Text: Erik Heier

Foto: Franz Brück/ www.franzbrueck.de; Benjamin Pritzkuleit

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