Lyrik im Strandbad

Der beste Poetry Slam der Welt in Charlottenburg

„Völliger Unsinn“: Im Freibad Jungfernheide steigt Der beste Poetry Slam der Welt, Wolf ­Hogekamp und Julian Heun moderieren – und reden darüber

Reif für die Insel: die Poetry-Slammer und Moderatoren Julian Heun (l.) und Wolf Hogekamp
Foto: Tim Keweritsch @offenblen.de

Herr Hogekamp, Herr Heun, eine Poetry-Slam-Zeile, die Ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht?
WOLF HOGEKAMP „Willkommen in der Konjunktiv-Welt. Hier könnte es so schön sein“, von Sebastian 23.
JULIAN HEUN „Ich gehe heute zu einem Poetry Slam. Vielleicht wird es ja trotzdem ein schöner Abend“, von Till Reiners.

Sie veranstalten jetzt zum vierten Mal im Strandbad Jungfernheide den „besten Poetry Slam der Welt“. Wie kommt man auf die Idee für eine solche Location?
HEUN Wir haben früher ein, zwei kleine Open Airs mit Freunden gemacht. Bisschen Musik, Party. Ich saß dann irgendwann da und dachte: Wie wäre das, wenn da ein Poetry Slam wäre auf dieser schwimmenden Insel? Und dass es Quatsch ist. Wer verlegt denn ein Kabel durchs Wasser? Völliger Unsinn. ­Irgendwann haben wir einfach mal beim Strandbad nachgefragt.
HOGEKAMP Und es gab diese Hamburger Geschichte.
HEUN 2015 wollten Hamburger Veranstalter den größten Poetry Slam der Welt machen, mit Guiness-Buch-Eintrag. Die haben das auch geschafft. 5.000 Leute auf einer Trabrennbahn. Wir dachten, wir können uns das nicht bieten lassen von Hamburg. Wir machen einfach den besten Poetry Slam der Welt.

Herr Hogekamp, Sie veranstalten seit 1994 Poetry Slams, als ein Vorreiter der deutschen Szene. Was hat sich seitdem geändert?
HOGEKAMP Es ist heute größer, klar. Und die Poeten und Poetinnen haben sich professionalisiert. Früher war der Faktor Idealismus höher.

Einige, teils frühere Poetry Slammer haben jetzt fast Star-Appeal. Felix Lobrecht, Till Reiners, Hazel Brugger, Sie selbst ja auch.
HEUN Beim Poetry Slam ist es eigentlich immer so: Du bist nicht der Star. Der Star ist das Format.

War Julia Engelmanns millionenfach geklicktes „Eines Tages, Baby“ Fluch oder Segen für die Szene?
HOGEKAMP Ich fand das okay. Das war ein Ausreißer nach oben, der letztendlich für sich alleine steht, aber keine großen Auswirkungen auf die Szene hatte.
HEUN Ich finde es gut. Poetry Slam hat dadurch nochmal im Bekanntheitsgrad dazugelegt. Wie man sich persönlich ästhetisch über das Gedicht äußert, ist irrelevant. Und Julia kann jetzt viel Geld verdienen, indem sie Lieder singt in großen Hallen.

Die Hallen werden auch beim Poetry Slam größer. Gibt’s bei den Texten dann eine Art Stadionrockeffekt?
HOGEKAMP Das mag bei einigen so sein. Trotzdem empfehle ich: Man sollte bei sich und seinen Texten bleiben. Selbst bei einem großen Publikum ist die Antenne gut.
HEUN Ein Raum verändert natürlich die Wirkung eines Textes. Das hat nicht nur mit der Größe zu tun. Sondern auch mit dem Moment, als Poetry Slam ein bisschen mehr den Mainstream betrat. Vorher war das Publikum sehr viel studentischer. Jetzt kommen einfach alle. Angestellte, Berufstätige, Künstler.
HOGEKAMP Mich haben mal die Straßenbahnfahrer Berlins gefragt, ob ich für ihre Betriebsfeier was machen will.
HEUN Wolf Hogekamp und die lyrischen Straßenbahnschaffner!

Was waren sonst so Ihre seltsamsten Slam-Venues?
HOGEKAMP Unter Autobahnbrücken.
HEUN Ich musste mal in der Kantine eines Pariser Bürgeramtes auftreten. Während der Mittagspause. Ganz schlimm. Bei einer WM.

Wie stellen Sie das Line-Up für den besten Poetry Slam der Welt zusammen?
HOGEKAMP Wir laden Leute ein, die schon was gewonnen haben. Primär die, die schon mal deutschsprachiger Meister waren. Darüber hinaus haben wir mittlerweile auch starke Landesmeisterschaften. Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Berlin, Bayern. Auch die laden wir ein.

Es ist diesmal nur eine Frau dabei, Leonie Warnke, die 2014 die sächsische Meisterschaft gewann. Dabei haben Clara Nielsen und Nora Gomringer unlängst die Poetry-Slammerinnen-Anthologie „Lautstärke ist weiblich“ herausgebracht.
HOGEKAMP Für die Ü20-Seite gibt es tatsächlich mehr Slam-Poeten als -Poetinnen. Aber im Nachwuchsbereich scheint es eher umgekehrt zu sein. Von daher habe ich die Hoffnung, dass sich das in zwei, drei Jahren gewaltig verschiebt.
HEUN Da verändert sich gerade viel in der Szene, es wird auch viel Aufmerksamkeit geschaffen für geschlechterrepräsentative Line-Ups. Gerade beim besten Slam ist das aber ein bisschen schwierig. Es gibt tatsächlich bisher nur eine deutschsprachige deutsche Meisterin. Und die war nicht zu erreichen.

Nur eine? Wie ist denn das Geschlechterverhältnis im Publikum?
HOGEKAMP Grundsätzlich zwei Drittel Frauen, ein Drittel Männer.

Das heißt, Frauen finden Männer lustiger?
HEUN Ich glaube, dass eigentlich mehr Frauen schreiben als Männer. Aber der Unterschied ist dieses Sich auf der Bühne reproduzieren – und im Wettbewerb, in Anführungsstrichen, die lyrischen Hoden auf den Tisch zu legen. Dieses Motiv, sich auf der Bühne zu messen, sagt, glaube ich, vielen Männern einfach zu. Aber es gibt viele tolle Slammerinnen!

Der beste Poetry Slam der Welt mit Alex Burkhard, Sebastian Krämer, Laurin Buser, David Friedrich, Leonie Warnke, Patrick Salmen, Strandbad Jungfernheide, Jungfernheideweg 60, Charlottenburg, Freitag 13.7., 20.30 Uhr (Einlass: 17 Uhr), Tickets: 18 €