Musik & Party in Berlin

Der Damensalon in Berlin-Neukölln

Neukölln ist schon länger einem stakren Wandel ausgesetzt, auch der Damensalon zählt zu den neuen Attraktionen. Aber dessen Betreiber sehen den Kiez-Boom extrem gelassen.

Damensalon

Eine Wand in einem Ladenlokal in der Reuterstraße, Hausnummer 39, zwei Häuserblöcke entfernt von der Sonnenallee, fünf Minuten Fußweg vom Landwehrkanal, verrät viel über das neue Neuköllner Nachtleben. Sie ist vielleicht fünf Meter lang, liegt gleich rechts, wenn man die neue Bar betritt, die Damensalon heißt und seit Anfang Juni geöffnet hat. Die Wand ist alt. Und neu. Früher standen Theken davor, in denen eisgekühlte Fische lagen. Dann verschwanden die Fliesen hinter Tapeten, an denen die Reste von Haarspray kleben blieben. Und dann kamen Fabian, Sade und Irfan.
Fabian, Sade und Irfan gehören zu den unzähligen Neueröffnern, die gerade Neukölln ein neues Gesicht geben. Und die Geschichte ihres Damensalons ist so typisch: Es gibt neue Bars in ehemaligen Striptease-Kaschemmen, Galerien, wo früher Bordelle waren. Der Damensalon war mal ein Friseursalon, der mal ein Fischladen war. Er stand leer. Die drei, die zusammen ein Cafй ein paar Hauseingänge weiter betreiben, witterten, dass unter dem grauseligen PVC, den abgehängten Decken, den kreischigen Tapeten etwas ganz Zauberhaftes sein könnte. Sie rissen Mauern ein, fischten Zeitungen aus den Sechzigerjahren unter der Wandverkleidung hervor, fanden einen Reifen mit verbogenen und verrosteten Speichen im Keller und ein altes Reklameschild, auf dem „Alte Liebe“ stand. Den Reifen hängten sie über den Durchgang zum Hinterraum, wo sie einen Kicker hinstellten. Das Schild prangt jetzt gleich neben der Bar.
Damensalon2009 feierten sie ein paar Partys. Bis die Nachbarn anfingen, die Polizei zu rufen. Was sie verstanden. Sie leben selber hier. Fabian gleich um die Ecke in der Pflügerstraße, Sade und Irfan an der Admiralsbrücke hinter der Bezirksgrenze, die keine mehr ist, seit die Gegend Kreuzkölln genannt wird. Also machten sie wieder zu und werkelten weiter. Fabian meißelte die Fliesen ab, eine nach der anderen. Sie bauten Schallschutz an die Wand, denn die Nachbarn sind ihnen wichtig. „Der Damensalon soll ein Treffpunkt für Leute aus dem Kiez sein“, sagt Sade. Er ist ein stämmiger Glatzkopf, über seiner durchtrainierten Brust spannt sich das T-Shirt. Sade und Fabian, 25, zehn Jahre jünger, schmächtig, Kapuzenpulli, könnten unterschiedlicher nicht aussehen. Aber wahrscheinlich passen sie gerade deshalb zusammen. Sade, der Gastronom, der Geschäftsmann, der schon viel gemacht hat, wie er sagt, unter anderem mal eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, und Fabian, der Barkeeper, der irgendwann nicht mehr im Anzug hinter einer Hotelbar stehen wollte und in Sades und Irfans Cafй landete.
Mehr Konzept gibt es nicht im Damensalon, auch das ist typisch Neukölln. Wer hier eine Bar aufmacht, weiß, dass sie laufen wird, dank all der Reiseführer und Stadtmagazine, die diesen Bezirk gerade für hip erklärt haben. Wer hier eine Bar aufmacht, kann die Bar machen, in die er selbst gerne gehen würde. Hauptsache sie ist unprätentiös, kein Unterhaltungsprogramm, kein ausgefallenes Design nötig. Es trinkt sich am besten zwischen einem alten Kachelofen und einer Bar, die aus Türen zusammengezimmert ist, in einem engen Gang, der mit Holzdielen ausgeschlagen ist wie ein Westernsaloon und in dem es ein bisschen modrig riecht wie früher im Partykeller.
DamensalonHin und wieder soll es besondere Cocktails geben, die Fabian kreiert, mit Estragon zum Beispiel, und vielleicht auch mal einen DJ, darauf wollen sie sich noch nicht festlegen lassen. Auch wegen der Nachbarn, die nicht denken sollen, dass ein Club vor ihrer Haustür aufgemacht hat. Noch sind die meisten entspannt in Neukölln. Noch gibt es keine Anwohnerversammlungen wie im Wrangelkiez, wo die in die Jahre gekommene Hausbesetzerszene gegen das Nachtleben ein letztes Mal den Aufstand probt. Auch die Damensalon-Betreiber haben schon auf der Weserstraße gesessen und die Touristenbusse vorbeifahren sehen, haben von steigenden Mieten gehört. Aber sie zucken dann in wahrer Neuköllner Manier mit den Achseln. „Leute gehen, Leute kommen“, sagt Sade. Der Damensalon aber soll bleiben.

Text: Anne Lena Mösken

Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Damensalon, Reuterstraße 39, geöffnet Mo–Sa ab 18 Uhr

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