Kunst und Museen in Berlin

Der Direktor des Kupferstichkabinetts Heinrich Schulze Altcappenberg im Gespräch

Die Experimentierfreude Pablo Picassos fasziniert den Direktor des Kupferstichkabinetts Heinrich Schulze Altcappenberg. Sein Haus zeigt jetzt 130 Grafiken und Zeichnungen sowie 40 Gemälde, Aquarelle und Keramiken

rof._DrHerr Schulze Altcappenberg, Picasso starb vor 40 Jahren. Was macht sein Werk bis heute attraktiv?
Heinrich Schulze Altcappenberg: Picasso ist vor allem durch die schillernden Kunstmarktpreise für viele Menschen zu einem Koloss, einer übergroßen Marke der Moderne geworden. Wir wollen mit unserer Ausstellung die Klischees wegräumen. Wir ziehen den Vorhang auf und sehen auf der bizarren Bühne des 20. Jahrhunderts einen äußerst vielseitigen, gewitzten, sentimentalen, hellwach mit all seinen Sinnen arbeitenden Künstler. Was gerade auch heute fasziniert, ist seine Menschlichkeit und seine ungeheure Experimentierfreudigkeit, die in der Zeichnung und Druckgrafik besonders schön aufscheint.

Das Kupferstichkabinett ist Deutschlands größtes Kunstmuseum mit über 700?000 Werken, davon 180 von Picasso. Die wenigsten wissen das.
In der Tat sind wir das Museum mit den umfangreichsten Kunstsammlungen in Deutschland. Und man könnte noch ein paar mehr Rubriken im Guinness-Buch füllen: das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin ist Europas großzügigster Leihgeber, es besitzt die weltbeste Zeichnungsgruppe von Rembrandt oder auch die älteste öffentliche Picasso-Sammlung überhaupt! Doch im Ernst und in aller Bescheidenheit: Die Grafischen Künste setzen mit der Schaulust vor allem auch den mitdenkenden, analysebegabten Betrachter voraus. Das macht den großen Zauber unseres Hauses und seiner Schätze aus – nicht allein jene Rekorde.

Im Bestand des Kupferstichkabinetts befinden sich Werke aus allen Schaffensjahren Picassos. Wo gibt es das sonst?
Damit können verschiedene Museen aufwarten. Einzigartig aber ist, dass unsere Picasso-Sammlung von der ersten Erwerbung im Jahr 1912 an historisch parallel mit dem Schaffen des Künstlers gewachsen ist. Sie spiegelt somit in besonders authentischem Maße das Interesse und die durchaus widersprüchliche Rezeption des Künstlers in der sehr abwechslungsreichen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Picasso_Portraet_eines_jungen_Maedchens_nach_Cranach_c_bpk_KupferstichkabinettSMB_JoergPUm farbige Akzente zu setzen, kombinieren Sie 40 bedeutende Leihgaben mit etwa 130 Werken aus dem Bestand.
Die Kuratorin in unserem Haus, Anita Beloubek-Hammer, hat aus verschiedenen Sammlungen Leihgaben zusammengebracht, die Picasso in allen Facetten beleuchten. Seine Leidenschaft galt bekanntlich nicht nur der technisch und künstlerisch höchst multiplen Grafik und Zeichnung, sondern gleichermaßen der Malerei, der Plastik, der Keramik, der Illus­tration. So erwarten den Besucher zwischen einem packenden Frühwerk des Jahres 1900 bis zu den erotischen Zyklen der 1960er-Jahre eine Reihe von Höhepunkten: darunter die „Saltimbanques“ (Seiltänzer) und leuchtende Aquarelle des frühen Kubismus, die schönsten Blätter vom Gipfel des Ruhmes aus der „Suite Vollard“ (1930-37) sowie repräsentative Bilder aus der Spätzeit des Künstlers – ein Reigen von vibrierenden Meisterwerken. Besonders spannend ist auch sein Dialog mit den Alten Meistern Cranach, Rembrandt und Goya. Diese Vorbilder kann man in unserer Schau direkt vergleichen.

Der Ausstellungstitel „Frauen, Stiere, Alte Meister“ deutet die thematische Vielfalt an. Was ist mit der stilistischen Vielfalt?   
Picasso zählt nicht nur zu den wichtigsten Künstlern der Klassischen Moderne. Er ist ihr Inbegriff. Ein traumsicheres Medium der ständigen Erfindung, Verwandlung und Anverwandlung von Bildstrukturen, Techniken, Materialien und Ausdrucksformen. Das brachte ihm nicht nur Lob, sondern auch Kritik ein – dass er keine Entwicklung zeige, sondern häufig und abrupt seine Formensprache ändere, im Kern also ein Eklektiker sei. Genau dieses Selbst-Umstürzen aber macht Picasso über seine eigene Zeit hinweg für die offene, diskursbezogene Gegenwart höchst interessant! Eigentlich für alle, die sich immer mal wieder neu erfinden.

Welche Ankaufspolitik verfolgen Sie heute?
Nicht die gleiche, aber doch eine ähnliche wie 1912 mit Picasso: der Gegenwart eine Chance geben, Talente entdecken, Entwicklungen aufspüren, Diskurse verfolgen und mitgestalten. 

Interview: Andrea Hilgenstock

Foto: bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Jörg P. Anders (Mitte),

Frauen, Stiere, Alte Meister Kupferstichkabinett am Kulturforum, Matthäikirchplatz. 4, Tiergarten Di–Fr 10–18, Sa+So 11–18 Uhr, 13.9.–12.1.

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