Musik & Party in Berlin

Der ewige Teenagerrebell

Mit Micha Suurbier ist ein oft übersehener, aber doch maßgeblicher Musiker des deutschen Punk-Pop gestorben. Ein Nachruf von Hagen Liebing.

Michael Wahler aka Micha Suurbier
Michael Wahler aka Micha Suurbier
Foto: tip-Archiv / Marco Saß

„Suurbiers suchen Bassisten, Transfer zu einer erfolgreichen Popband innerhalb eines Jahres garantiert“ lautete die launige Anzeige, die Michael Wahler, genannt Micha Suurbier, 1987 im tip-Kleinanzeigenteil platzierte. Ein Witz, dem auch ein wenig Bitterkeit innewohnte. Denn nachdem der Hermsdorfer 1981 mit Schulfreunden seine Band Frau Suurbier gegründet hatte und zum Wegbereiter des Deutschen Funpunk wurde, verließen den Sänger und Gitarristen in den kommenden Jahren gleich drei Mitmusiker, um Popstar zu werden. Hans „Sahnie“ Runge, der zunächst noch parallel bei den Suurbiers und den Ärzten spielte, setze auf die erfolgversprechendere Karte, Wolfgang „Wölli“ Rohde wechselte von Herms- nach Düsseldorf, um fortan bei den Toten Hosen zu trommeln und Bassist Michael Beckmann gelangte mit den Rainbirds zu Ruhm („Blueprint“).

Suurbier blieb gelassen zurück und suchte sich stets neue Musiker. Und er schien zunächst auch gar nicht so unzufrieden zu sein mit seiner Rolle als ewigem Talenteförderer. Denn Suurbier war auch ein bekennender Querkopf. Ziemlich rüpelig, weil damals bei den Halbstarken aus Hermsdorf eben ein rauer Wind wehte, womit er  nicht gerade prädestiniert war für den langen Weg durch die Popkarriere-Instanzen.

Geistreich, unterhaltsam, impulsiv, als Beach-Boys- und Ramones-Fan zudem auch ein guter Melodienfinder – das war Suurbiers Sonnenseite. Aber im Schatten lauerte immer auch eine wütende Unkontrolliertheit, gepaart mit Ehrlichkeit, die nicht selten verletzen konnte. Dabei machte er auch vor sich selbst nicht halt: Für Suurbier – und das ist ungewöhnlich bei jemandem, der doch maßgeblich mit Funpunk in Verbindung steht – war das Glas meist schon nach dem Eingießen halb leer.

Als Ende der Achtziger Jahre eine Plattenfirma ihre Goldverleihungsparty im Kreuzberger „Exil“ feierte, jubilierte der Label-Chef über seine illustren Gäste: „Toll, dass heute nicht nur Kreti und Pleti gekommen sind!“ Suurbier meldete sich umgehend und lauthals zu Wort: „Doch hallo, hier ist Pleti!“ Mit den eigenen Plattenbossen ging er nicht weniger schroff um. So konnte das natürlich auch dann nichts werden, als eine weitere Suurbiers-Inkarnation 1991 mit Majorlabel-Vertrag zur Deutschen Einheit „Zwei Boys für jedes Girl“ versprach.

In den letzten zwanzig Jahren machte der ewige Teenagerrebell dann fast nur noch für sich selbst Musik, stellte allenfalls Hörproben ins Netz. Da litt er schon verstärkt unter schweren psychischen Problemen.
Am 14. Februar hat sich Michael Wahler mit Anfang fünfzig vor eine U-Bahn geworfen. Es gab anscheinend niemanden, der ihm ausreden konnte, dass sein Glas komplett leer sei.

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