Ungeziefer aus dem Urlaub

Bettwanzen und andere Insekten: Der Feind in meinem Bett

Sie verstecken sich in Dielen, im Lattenrost oder gar im Wecker: Bettwanzen und andere Insekten. Und sind oft ein Mitbringsel aus dem Urlaub. Wie wird man die lästigen Krabbeltiere wieder los?

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Rote, juckende Punkte an Armen und Beinen: Lästig, diese Mückenstiche, dachte ich im September. Im Oktober kratzte ich mich immer noch und wurde misstrauisch: Sollten die letzten Mücken nicht längst verschwunden sein? Da krabbelte eines Abends ein braunes, plattes Tier über mein Bett. Als ich es zwischen den Fingern zerquetschte, spritzte Blut heraus. Mein Blut.
Diese Szene spielte sich 2003 ab. Damals war ich noch recht allein mit meinem Pro-
blem. Seit Mitte der Nuller-Jahre – vielleicht lag es an der Fußball-WM 2006, vielleicht am Easyjet-Aufschlag in Berlin – machen jedes Jahr immer mehr Menschen in Berlin die Bekanntschaft mit äußerst unbequemen Mitbewohnern: Bettwanzen. Sie sitzen in den Ritzen von Dielen, Lattenrosten, hinter der Tapete – daher auch ihr Spitzname „Tapetenflunder“ – oder im Wecker. Nachts saugen sie am Menschen herum und verschwinden wieder in ihre Verstecke.
Sie loszuwerden erfordert eine Menge Nerven und auch eine Menge Geld. Je nachdem, wie groß die Wohnung, wie schlimm die Lage ist und welche Methode man wählt, kann eine Bekämpfung um die 1.000 Euro oder sogar noch deutlich mehr kosten. 1.229 Bettwanzenbekämpfungen wurden im Jahr 2017 gezählt, und das sind nur die Einsätze, die der Landesverband des Deutschen Schädlingsbekämpferverbands (DSV) erfasst.

Die Rückkehr der Ausgestorbenen
Die etwas unseriös wirkende Firma, die ich in meiner Not damals anrief, war kein Mitglied im DSV. Die Beratung fiel knapp aus, mein Zimmer wurde mehrmals im Abstand von einigen Wochen eingesprüht, ohne dass ich etwas zur Seite geräumt hätte.
Der korrekte Weg sieht anders aus, wie ich erst viele Jahre später erfuhr. Die Profis sprühen nur sehr gezielte Barrieren-Kreise, die den Wanzen die Wege zum Saugobjekt abschneiden. „Wir mussten alle Möbel in die Zimmermitte stellen, damit die Schädlingsbekämpfer an Fußleisten und Tapeten herankamen“, sagt Maria Schilling, die es im vorletzten Winter mit den Blutsaugern zu tun bekam. „Zum Leben blieb über Monate lang nur eine sehr begrenzte Fläche übrig.“ Besonders hart war das für ihre Tochter, die keinen Raum mehr zum Spielen hatte. ­Maria Schilling und ihre ­Familie, die wie alle Betroffenen in diesem Text nicht ihre richtige Namen nennen will, hat die Bettwanzen als blinde Passagiere aus ihrem Griechenland-Urlaub mit nach Hause gebracht.
Reiselust ist der wohl wichtigste Grund, warum sich die in Deutschland weitgehend ausgerotteten Tiere überhaupt wieder so weit ausgebreitet haben. „Anfang der 80er-Jahre habe ich meine Facharbeit über Bettwanzenbekämpfung geschrieben“, sagt Mario Heising, Schädlingsbekämpfer und Erster Vorsitzender des DSV-Landesverbandes Berlin-Brandenburg. „Damals musste ich meine älteren Kollegen befragen, weil ich die Tiere selber gar nicht kennengelernt habe.“
Heute kann seine Firma kaum noch neue Bettwanzen-Kunden annehmen, so gut beschäftigt ist sie mit den Insekten – die übrigens keinen Unterschied machen zwischen ranzigen Absteigen oder Luxushotels. Zunächst mal sind Bettwanzen also kein Anzeichen für mangelnde Hygiene.

WG mit Würmern
Anders sieht es aus, wenn man nichts unternimmt. „Der schlimmste Fall, den ich hatte, war eine Frau, die elf Jahre lang mit Bettwanzen gelebt hat“, erzählt Mario Heising. „Weil die Verstecke voll waren, saßen die nachtaktiven Wanzen im hellen Sonnenschein auf der Gardine. Die Bilder drückten sich von der Wand, weil sich die Larvenhäute so weit stapelten.“
Maria Schilling hat inzwischen ein ganz anderes Problem: Seit den Bettwanzen-Einsätzen leidet sie immer wieder unter Atemwegserkrankungen. Ob die von den Insektiziden herrühren, ist zwar unklar, ihre Ärztin bestätigte ihr aber, dass das verwendete Mittel sich zumindest auf die Leber auswirken kann.
Man kann Bettwanzen zwar auch mit Wärme zu Leibe rücken. Bei dieser Form der „Entwesung“, so lautet der gruselig-nüchterne Fachjargon, werden die Räume über zwei bis drei Tage auf über 50 Grad aufgeheizt, so dass die Eiweiße der Insekten gerinnen. Diese Methode ist aber meist teurer und funktioniert nur in Wohnungen ­zuverlässig, die sich gut abdichten und auf 400-Volt-Strom umrüsten lassen.
Drastische Mittel, ob mit oder ohne Gift, hätte gerne auch Nele Lindner eingesetzt, als sie von anderen ungebetenen Gästen heimgesucht wurde. Während eines Auslandsaufenthalts hatte sie ihre Kleidung in Tüten verpackt und in einer WG zwischengelagert. Als sie die Tüten in ihrer neuen Wohnung öffnete, kroch aus Pullis und Schals eine Armee an Käfern und Würmern hervor: Larven von Pelz- und Teppichkäfern. Was sich retten ließ, steckte Nele Lindner drei Tage lang ins Tiefkühlfach, anschließend in die Waschmaschine und zur Sicherheit nochmal ins Kühlfach. Ihr Staubsauger lief im Dauerbetrieb. „Ich wollte meine Wohnung auf keinen Fall mit diesen Tieren teilen“, sagt sie.
Nele Lindner schrieb verzweifelte Mails an Schädlingsbekämpfer, die unbeantwortet blieben. Zwar hatte sie Pech mit dem Ausmaß ihrer Käferpopulation, ein Fall für den Profi sind Speckkäfer, so der Oberbegriff, aber meist nicht. Man muss auch nicht zur Giftflasche greifen. Zwar gibt es Biozide für den Hausgebrauch frei im Baumarkt zu kaufen. Anders als Pestizide für den Garten müssen sie nicht einmal hinter Glas geschützt werden. Das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) aus Hamburg warnt aber schon seit Jahren vor unreflektiertem Gebrauch von Insektensprays, zumal viele Biozide bislang nicht ausreichend behördlich getestet wurden.

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Bei Motten und Käfern ist es auch deutlich einfacher als bei Bettwanzen, chemiefreie Alternativen zu finden. „Am wichtigsten ist, erst mal genau zu bestimmen: Welches Insekt habe ich überhaupt?“, sagt Sabine Prozell. Sie leitet seit 1998 die Biologische Beratung in Berlin, die sich darauf spezialisiert hat, Schädlinge durch natürliche Gegenspieler, sogenannte Nützlinge, zu eliminieren.
Zum Beispiel stellt sie Karten mit Trichogramma-Schlupfwespen her, die man für neun Wochen in den Küchenschrank legen kann, wenn der von Lebensmittelmotten befallen ist. Schlüpfen die 0,3 Millimeter kleinen Wesen, legen sie ihre Eier in die der Motten und vertilgen sie. Nach sechs Tagen sterben auch die Wespen, wenn sie keine Nahrung mehr finden.
Was bei Lebensmittelmotten gut funktioniert, klappt bei der Kleidermotte nicht so zuverlässig. „Ihre Entwicklungsdauer hängt stark vom befallenen Produkt und der Temperatur ab und kann bis zu einem Jahr betragen“, sagt Sabine Prozell. Stattdessen kann man die Kleidung mit einem Öl behandeln, das aus dem indischen Niembaum gewonnen wird, oder die Kleidermottenschlupfwespe freilassen. Diese kann im Gegensatz zu Trichogramma fliegen und attackiert die Larven der Kleidermotte.

Der Sinn des Ekels
„Schädling“ und „Nützling“ sind keine Begriffe aus der Biologie, sondern zeigen nur die menschliche Perspektive: Ökonomische Interessen aber auch ästhetische Ansprüche. Zwar gehören Motten biologisch betrachtet zu den Schmetterlingen, wer aber in seiner Müslipackung Motten-Gespinste entdeckt oder in der Schüssel eine Larve herumschwimmen sieht, findet das meistens eklig.
„Einzelne Insekten zu essen, wäre gesundheitlich kein Problem“, sagt Cornel Adler, Experte für Vorratsschutz am Julius-Kühn-Institut in Dahlem. „Dieser Ekel hat dennoch einen biologischen Sinn, weil durch größere Massen von Insekten Feuchtigkeit und damit gesundheitsgefährdender ­Schimmel entsteht.“ Besser als unliebsame Tiere zu bekämpfen, ist aber, sie gar nicht erst an die Vorräte zu lassen. Adler empfiehlt zum Beispiel, insektendichte Behältnisse für die gefährdeten Lebensmittel zu nutzen.Tiere folgen schließlich auch nur ihrem natürlichen Trieb nach Essen, Trinken und einem gemütlichen Schlafplatz.
Maria Schilling und Nele Lindner entwickelten im Laufe der Zeit eine Art Killerinstinkt gegenüber ihren Wanzen und Käfern. „Mir half es, zu wissen: Wenn die Tiere drei Tage lang in der Tiefkühltruhe stecken, dann sterben sie, und zwar alle“, sagt Nele Lindner.
Bei mir wanderten die Wanzen aus dem Bett allmählich in den Kopf. So sehr ich mich auch über mich selbst wunderte: Dort blieben die Tiere noch Jahre, nachdem sie aus der Wohnung verschwunden waren. In meinen Träumen verwandelten sie sich in orangefarbene Würmer, die sich immer weiter aufblähten, bis sie die Größe eines prall gefüllten Müllbeutels erreichten – und schließlich platzten.

Wichtige Adressen
DSV (Deutscher Schädlingsbekämpferverband), Landesverband Berlin-Brandenburg, Danziger Str. 172, Prenzlauer Berg, Tel. 440 498 51, www.dsvonline.de

Ortung durch Bettwanzen-Spürhunde: Dogtracy, Argentinische Allee 188a, Zehlendorf Tel. 895 804 30, www.dogtracy.com

Biologische Beratung, Storkower Str. 55, Prenzlauer Berg, Tel. 428 595 85, www.biologische-beratung.de

Liste der Berliner Gesundheitsämter:
www.berlin.de/sen/gesundheit/themen/gesundheitsaemter

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