Theater und Bühne in Berlin

Der Freien Theaterszene Berlins drohen massive Einschnitte

Kulturpolitik: Einige der innovativsten Musik-, Theater- und Tanzkünstler Berlins sollen ?ihre Basisförderung verlieren. Die verheerende Entscheidung muss revidiert werden

Die Jury für freie Gruppen hat bei der Entscheidung, welche Künstler in den kommenden zwei Jahren Basisförderung erhalten sollen, erstaunliche Maßstäbe angelegt. Künstler, die besonders erfolgreich, intelligent und experimentierfreudig arbeiten, wurden zielsicher aussortiert. Einigen der innovativsten und markantesten Projekte des Freien Theaters will die Jury die Basisförderung streichen. Wenn Kulturstaatssekretär Tim Renner seine Drohung wahr macht, dem Vorschlag der mit mehr oder weniger renommierten Experten besetzten Jury zu folgen, drohen dem Solistenensemble Kaleidoskop, der Vierten Welt, der Tanzcompagnie Rubato und der Zeitgenössischen Oper Berlin das Aus oder zumindest sehr schwierige Zeiten. Damit werden Künstler, die seit Jahren für die besten Möglichkeiten der Freien Szene stehen, ihrer Arbeitsmöglichkeiten und ohnehin bescheiden ausgestatteten Infrastruktur beraubt.

Zum Beispiel: ?Solistenensemble Kaleidoskop

Die Kaleidoskop-Musiker erkunden mit einer hinreißenden Offenheit und Experimentierfreude hochprofessionell neue Formen des Musiktheaters zwischen Konzert und Performance, Neuer Musik und Installation. In den vergangenen Jahren sind sie damit zu einer europäischen Avantgarde-Größe und einem der eigensinnigsten, schönsten Kulturexport-Artikel Berlins geworden. Längst treten sie bei den wichtigsten Festivals auf, erst Mitte Mai gaben sie ihr Debüt bei den Wiener Festwochen. Gerade dass sich Kaleidoskop gezielt zwischen den Genres bewegt und aus der guten alten Interdisziplinarität neue Funken schlägt, überfordert offenbar die Fördergremien: Weder die Geldgeber für Neue Musik noch die Jury für die Freie Szene fühlen sich so recht für sie zuständig. Neue Kunst droht zum Opfer anachronistisch verhärteter Förderstrukturen, vielleicht auch etwas altmodischer Kunstvorstellungen einiger Jurymitglieder zu werden. Besonders absurd ist, dass Kaleidoskop in der Jury offenbar zum Vorwurf gemacht wird, dass das Ensemble das großzügige Angebot der Berliner Festspiele, deren Räume und Technik für Proben zu nutzen, angenommen hat.

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Als würden die alten, dummen Reflexe gegen die Hochkultur und ihre Institutionen noch immer das Denken verwirren, scheint diese sinnvolle Kooperation in der Jury unter dem Verdacht zu stehen, damit zähle Kaleidoskop nicht mehr so recht zur Freien Szene – als wären solche Kooperationen nicht längst die Regel und oft die einzige Möglichkeit, knappe Ressourcen sinnvoll zu nutzen. Es wirkt, als würden Kleingeister Kaleidoskop für den Erfolg und die Innovationsfreude bestrafen.

Zum Beispiel: Rubato

Rubato sind eine der ältesten freien Tanzcompagnien Berlins, immer eigensinnig, nie gefällig, gerne auf eine feine, unspektakuläre Weise radikal in den ästhetischen Setzungen und seit vielen Jahren dabei, die eigene Kunst zum Beispiel mit Arbeitsaufenthalten in China interkulturell weiterzuentwickeln. Rubato ist schlicht eines der profiliertesten Avantgarde-Tanz-Projekte Berlins. Wenn Rubato keine Basisförderung verdient – wer dann?

Zum Beispiel: ?Zeitgenössische Oper Berlin

Für die Zeitgenössische Oper fühlt sich die Jury offenbar nicht zuständig, weil sie zu groß und zu professionell ist – Pech für die Oper.

Zum Beispiel: Vierte Welt

In einer kleinen Bühne im Hochhausblock am Kottbusser Tor hat Dirk Cieslak mit vielen Kollegen in den letzten drei Jahren das wahrscheinlich diskursstärkste Projekt der Freien Szene entwickelt. Hier kann man erleben, wie Performance und avancierte Theorie spannend aufeinander reagieren. Vielleicht war das der Jury etwas zu kompliziert und anspruchsvoll und nicht soziokulturell genug. Das drohende Auslaufen der Basisförderung „ist eigentlich das Aus für die Vierte Welt“, sagt Dirk Cieslak. „Innovation ist Kern des Freien Theaters. Wenn Freies Theater nur noch produktorientiert arbeitet, ist es einfach nur noch ein Dienstleister, ein Teil der Kulturindustrie. Ich verstehe nicht, dass das stärker gefördert wird als unsere Arbeit.“ Die Entscheidung der Jury ist ein Fehler, der die Freie Theaterszene Berlins massiv beschädigt. Sie muss revidiert werden.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Harry Schnittger

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