Der Geschmack der Straße

Berlins spannendste Straßen für kulinarische Entdeckungen

Man sagt ja dieser Tage gerne, dass das kulinarische Berlin auf dem richtigen Weg sei. Spricht von der Food-Metropole, zu der die Hauptstadt längst geworden ist. Nun, in einer Großstadt wie Berlin ist der Weg eine Straße. Wir haben uns durch diese ­Straßen geschmeckt und gefragt, wo die Berliner ­Küche herkommt und wo sie hinführen wird. Vom ersten China-­Restaurant, damals in den 1920er-Jahren, bis zu den Aromen ganz gegenwärtiger Migrations­bewegungen. Von der Sonnen­allee über die Kant– und Torstraße bis zur Potsdamer Straße. Vier kulinarische Straßenporträts

Texte: Aida Baghernejad, Felix Denk, Clemens Niedenthal

Bilder


Die Kantstraße

Es gibt diese ganz besonderen Kantstraßenmomente. Nachts um zwei, wenn im Aroma von den bodentiefen Glasscheiben das Wasser tropft, wenn zwischen Aquarium, goldenem Drachen und grauem Büroteppich die Tische voll besetzt sind und die Belegschaften der umliegenden chinesischen Restaurants sich treffen, um noch ein paar Dim Sum zu verdrücken.

Oder Sonntagmittag um eins. Im Good Friends sitzen chinesische Familien um die runden Tische und lassen die Lazy Suzy in der Mitte kreisen, die lokale Jeunesse Doré vergleicht ihre Armbanduhren und ein paar russische Männer blättern in den Folianten mit den hunderten von Gerichten, die man hier ganz unzeitgeistig zubereitet.

Die Sonnenallee in Neukölln mag die arabischste Straße Berlins sein, die Kantstraße ist die asiatischste. Vor allem ist es die Straße von The Duc Ngo, Berlins umtriebigstem Gastronom. Karriere in Stichworten: Boatpeople, McDonald’s-Mitarbeiter, Japanologie-Studium-Abbrecher, Sushi-Revoluzzer, Zehnfachwirt.

Apropos McDonald’s: „Das war auf seine Art schon eine gute Schule. Straightes, sauberes Arbeiten, ich habe viel mitgenommen aus solchen Läden.“ Sagt er.

Im ehemaligen Kantcafé hat er gerade das Funky Fisch eröffnet. Es ist schon sein viertes Restaurant in der Kantstraße. Sein erstes, das Kuchi, läuft immer noch auf Hochtouren. Und das seit bald 20 Jahren. Als er es 1999 eröffnete, machte er zwei Dinge anders als die anderen. Einmal der Look: Statt irgendwie japanisch-folkloristisch ranzugehen, setzte er auf smarten Minimalismus. Und dann das Essen. Das dachte er weiter. Er brach mit der Vorstellung, dass japanische Küche puristisch und produktfokussiert sein müsse – und frittierte die Sushi-Rollen, füllte sie unter anderem mit Mandarine und servierte sie mit Mayonnaise. Das funktioniert bis heute. Was ihn bisweilen selbst überrascht.

Chinesisch, seit 1920

Was spitze Konzepte angeht, macht ihm seither niemand etwas vor. Mit seinen Cocolo-Ramen-Restaurants in Mitte und Kreuzberg setzt er auf japanische Nudeln in Suppen, im Madame Ngo auf vietnamesische Suppen, im 893 Ryotei auf die Nikkei-Küche, die die japanischen Einwanderer in Peru begründet haben. Im Funky Fisch wiederum isst man polyglott: Neben gegrilltem Fisch von der Plancha gibt es Ceviche, Poke, Austern und Bouillabaise.

Und wieder ist das passgenau für die Kantstraße. Außerdem beliefert er von hier aus all seine anderen Restaurants mit Fisch. Bevor The Duc Ngo die Kantstraße aufmischte, fragte mal ein Wirt beim damals noch West-Berliner Senat an, ob man nicht ein Chinatown gründen könne. Immerhin wird hier schon seit den 1920er-Jahren chinesisch gekocht. Das Nanking war in der Hausnummer 130. Und im Tientsin servierten Kellner im Frack im Gasthausambiente chinesische Küche. Das mit Chinatown hat damals bekanntermaßen nicht geklappt, was zweierlei zeigt: den Kleingeist der Behörden. Und die Tatsache, dass Deutschland eine sehr, sehr lange Zeit nicht so selbstverständlich, ja selbstbewusst mit seiner Migrationsgeschichte – und seinen Migrationsgeschichten – umgegangen ist wie andere Nationen. Aber das war letztlich auch egal. Denn die Kantstraße hatte da längst ihre ganz eigene Dynamik.

Es haben sich ja nach und nach alle zu den Chinesen dazugesellt. Die Japaner, die Vietnamesen, die Thailänder. Im Papaya etwa gibt es höllisch scharfe Innereien-Gerichte aus dem thailändischen Norden. Was den europäischen Gaumen gleich vor eine doppelte Herausforderung stellt. Und all die Asiaten wiederum leben gut neben Klassikern wie dem Schwarzen Café, das nie schließt, der Paris Bar, die als Galerie interessanter ist denn als Restaurant, und der Schnitzel-Institution Ottenthal.

Wer hier nicht glücklich wird: die Fine-Dining-Fraktion, dazu ist die Kantstraße zu laut und zu räudig. Und Authentizitätsschnösel. Bei manchem Chinesen würden Chinesen jetzt vielleicht nicht unbedingt einkehren, wenn sie auf der Suche nach dem ursprünglichen Geschmack ihrer Heimatküche sind. Aber was soll’s. Etwas Neues zu entdecken, gibt es hier immer. Vor allem aber entdeckt man: eine angenehm diffuse Stadt.

Oder um es noch einmal in den Worten von Duc Ngo zu sagen: „Überall echte Menschen, nicht wie in Kreuzberg oder Mitte, wo nur junge Leute leben, die alle nur das Gleiche an und das Gleiche im Sinn haben. Das war für einen wie mich, der jetzt auch schon über 40 ist, eine gute Sache. Es ist wirklich ein schöner Kiez geworden hier, vielleicht ist es überhaupt erst wieder ein Kiez geworden.“

Bilder


Die Sonnenallee

Sonnenallee? Du meinst die arabische Straße!“, sagt mein Kollege und lächelt. Er ist Wissenschaftler aus Syrien, und wenn das Heimweh besonders laut klopft, verschlägt es ihn zur Arab Street, wie er sie nennt. Dass sich Neukölln in den letzten Jahren stark wandelte, ist kein Geheimnis. Doch an wenigen Orten zeigt sich dies so sehr wie an der Sonnenallee und der parallel zu ihr verlaufenden Weserstraße. Die Sonnenallee zum Beispiel ist nicht erst seit gestern arabisch geprägt, schon die Geflüchteten des libanesischen Bürgerkriegs gaben der Straße ihr heutiges Gesicht. Doch seit dem langen Sommer 2015 haben sich viele der libanesisch und türkisch orientierten Imbisse auf die syrischen Varianten von Schawarma und Co verlegt. Die parallel verlaufende Weserstraße dagegen ist der Hot Spot des neuen hippen Berlins mit Weltstadt-Attitüde. Co-Working Cafés, schicke Bars und Delis mit New York-Vibe haben sich rund um den Rütli-Campus angesiedelt, der doch vor einigen Jahren noch die Chiffre für gescheiterte Integrations- und Bildungspolitik war.

Vermischen sich diese Welten überhaupt? „Absolut, wir haben auch viele arabische und türkische Gäste, die an anderen Tagen vielleicht bei Azzam sitzen“, erzählt Richard Kirschstein, Mitinhaber des Beuster in der Weserstraße 32. Statt Halloumi steht im Beu­ster Steak Tartar auf der Karte, statt Schwarztee Pisco Sour und Crémant. Nebenan bietet die Pizzeria Monella Variationen neapolitanischer Pizzen in Disco-Atmosphäre an, gegenüber behauptet sich schon seit einigen Jahren die Tapas Bar Gastón, die zu den authentischsten ihrer Art in Berlin gehört. Immer mehr ambitionierte Gastronomen wagen sich auch auf die Sonnenallee: Neben arabischen Frühstücksläden und Altberliner Eckkneipen sind auch Restaurants wie das gefeierte Industry Standard hingezogen, das als eines der ersten Läden in Berlin das Produkt in den Fokus stellte und der Nose-to-Tail-Küche eine eigene, rotzige Handschrift aufdrückte.

Wo es einst wenig touristisch war, zieht es heute junge Menschen aus der ganzen Welt hin. Was natürlich auch für Konfliktpotential sorgt: Wenn über Nacht überraschend ein Hostel ins Hinterhaus einzieht, bekommen die urbanen Verteilungskämpfe eine ganz neue Dringlichkeit. „Wir haben aber ein ganz gemischtes Klientel, von Ur-Neuköllnern, die mit ihrer Oma hierher kommen, bis hin zu schicken Gästen, die mit dem Tesla vorfahren“, sagt Kirschstein. Aber trotzdem bleiben auch sie nicht verschont von den Konflikten: Über die Speisetafel an der Außenwand hat jemand „Berlin hates you“ getaggt.

Çay und Champagner

Ein paar hundert Meter weiter gibt es statt Hass Liebesbekundungen: Nähert man sich der Adresse Sonnenallee 93, duftet es schon nach Rosenwasser und Orangenblüten. Hier hat sich vor anderthalb Jahren die Konditorei Damaskus angesiedelt – und sich jetzt schon in die Herzen von Neu- und Altberlinern gebacken. „Wir haben natürlich unseren Laden auf der Sonnenallee eröffnet, weil hier viele Araber leben“, erzählt Sulaiman al-Sakka, ein Sohn der Betreiber. Doch mittlerweile gehören zu ihren Kunden auch viele der deutschen und internationalen Bewohner Neuköllns.

An diesem ruhigen Abschnitt der Sonnenallee ist der Erfolg keinem Laufpublikum, sondern ganz allein den Kreationen der al-Sakkas zu verdanken. Die Familie führte eine bekannte Patisserie in Homs, aber der syrische Bürgerkrieg zerstörte den Betrieb. Nach Stationen im Libanon und in Ägypten erreichten sie Berlin und beschlossen, ihr Familienbusiness wieder aufzubauen. Ihre Spezialität ist eine Grießrolle namens Halawat al-Jibn, die mit sahnigem Frischkäse und Pistazien gefüllt wird. Beißt man hinein, glaubt man sich gleich in den Urlaub versetzt, auf Erkundung in dunkle Souks und an sonnige Strände. Die Sonnenallee ist mittlerweile ihr Zuhause.

„In manchen Läden schmeckt es wie in Syrien“ sagt al-Sakka und empfiehlt das Yasmin Alsham, einen neuen arabischen Imbiss, in dem es wie in Homs schmecken soll: Die Schawarma-Rollen werden nach dem Befüllen in Fleischsaft gewendet, dann im Grill kross gebraten, zuletzt in Scheiben geschnitten und mit einem Berg Fritten serviert. Es schmeckt himmlisch nach Fett und schlechtem Gewissen – und liegt so schwer im Magen, dass man den Rest des Tages nur noch schlafen möchte.

Da tut dann ein kurzer Spaziergang zu den zahlreichen Cafés der Weserstraße gut, wo im Ivy zum Beispiel ein Espresso aus Bonanza-Bohnen der Verdauung hilft. Auf diesen beiden Straßen haben sich die Probleme Berlins immer als erstes gezeigt – Teilung, Armut, Verdrängung –, aber hier verbirgt sich auch das größte Potential der Stadt. Neben all den Schwierigkeiten leben Menschen aller Nationen nebeneinander, essen, trinken Çay und Champagner zusammen.

Berlin verändert sich, zum Guten wie zum Schlechten. Aber zwischen Sonnenallee und Weserstraße, da schmeckt es auch nach Hoffnung.

Bilder


Die Torstraße

Vielleicht sollte man diese Geschichte der Torstraße mit ihren beiden kulinarischen Torbauten beginnen. Zwei gastronomische Landmarken, die, jede auf ihre Weise, Exklusivität behaupten. Da, Ecke Prenzlauer Allee, das Soho House, diese inszenierte Weltläufigkeit für Clubmitglieder, in dessen Erdgeschoss man, ganz ohne Clubmitgliedschaft, im Cecconi’s doch erstaunlich gut essen kann. Dort, Ecke Friedrichstraße, die besternte Produktküche des Einsunternull, das sich dem Trubel dieser Meile auch dadurch entzieht, dass man den Gastraum eine Etage unter die Erde verlegt hat. Eine minimalistische Küche, radikal konzentriert auf den Ort, die Saison, den puren Geschmack – das passt kaum zu einer Straße, die doch auch und lange Zeit vor allem das Versprechen der Zerstreuung gab.

Im Bandol sur Mer hatte man den dortigen Michelin-Stern im Herbst 2015 mit einem Döner-Spieß gefeiert. Weil dieses Bandol nunmal einen ehemaligen Dönerladen bespielt. So war eben das kulinarische Angebot, als man sich in der Torstraße noch für durchgetanzte Nächte gestärkt hat. Oder für durchtrunkene. Und tatsächlich ist dieser große, kleine Franzose vielleicht der berlinerischste unter den Sterneläden: Es spiegelt die Qualität dieser Stadt, verschiedene Dinge, Milieus und Atmosphären gleichzeitig zuzulassen. Das Vollmundig-Köstliche und die dezidierten Aromen, das halbfertig Lässige und das Kultivierte. Und nicht zuletzt die Stilsicherheit, es mit der Stilsicherheit nicht zu übertreiben.

Mit dem To the Bone hat das Bandol in diesen Tagen sein italienisches Pendant gefunden. Eine fokussierte Produktküche als so gut wie schön gemachtes Gesellschaftslokal: Berlin-Mitte im Herbst 2017 geht also durch den Magen. Nur eben anders als Unter den Linden oder am Gendarmenmarkt.

Zwischen SoTo und NoTo

Auf dem Weg vom Osten in den Westen war die Torstraße irgendwann in New York angekommen. Von SoTo und NoTo war jetzt die Rede, so wie es in Manhattan ja South of Houston Street (SoHo) heißt. Passenderweise gaben sich ein Modeladen (Soho) und ein Menü-Lokal (Noto) diese Namen. Nebenan im Themroc hatte das ja angefangen, mit dem täglichen wechselnden Menü von Leuten, die scheinbar gerade noch in Wiliamsburg gelebt haben. Damals, so vor kanpp zehn Jahren, war das heiß und neu. Das mit den Hipstern machte plötzlich die Runde. Heute erscheinen Craft-Beer-Läden wie Kaschk oder die Mikkeler Bar noch extraterrestrischer als das Soho House. Aber vielleicht sind diese Mikrokosmen auch nur ein weiteres Berlin, das sich zu all den anderen Berlinbildern gesellt.

Denn dass das alles letztlich doch so gut nebeneinander funktioniert, liegt an der mal lustvollen mal getriebenen Bricolage spätmoderner Lebensstile, die in dieser Torstraße allesamt auf die Bühne gebracht werden können. Die gemüsegrünen Achtsamkeitsrituale etwa, dafür stehen Fechtner Delikatessen und erst recht das rohköstliche Daluma am Weinbergsweg, das dafür gar richtig Schelte bekommen hatte. „In Berlin-Mitte, dem Bullerbü der Besseraussehenden, ist dem Gesundheitssystem ein Gesunderhaltungssystem vorgeschaltet“, hatte Dirk Gieselmann in der „Zeit“ über das Daluma und einen dortigen Drink namens Supergreen geschrieben.

Aber man muss zur Ehrenrettung der Torstraße erwähnen, dass ihre Abende noch immer spät werden. Und dass die Barkultur nicht nur klasse, sondern, spätestens im schimmernden Art Deco der Bonbon Bar auch classy ist. Und dann sperrt dort ja Dieter Meier, der Dieter Meier, in den kommenden Wochen noch seine Torbar auf.

Dass das Proletarische, das Ostige, das Rustikale aus dieser Straße so grundsätzlich herausgewaschen sei, auch da ist sicher was dran. Dass die Neue Odessa Bar, Kaffee Burger oder das Muschi Obermaier inzwischen doch eher als tröstliche Retro-Phänomene goutiert werden. Oder halt als Absturzkneipen. Und dass der Rosenthaler Platz von Hostels übersäuert ist. Aber wir wissen auch: Die Torstraße, weiß sich zu behaupten.

Bilder


Die Potsdamer Straße

Das war ja immer der vielleicht größte Luxus von Berlin: seine Mitten so seltsam unbehaust zu lassen. Die Potsdamer Straße jedenfalls blieb eine entrückte Magistrale im Schatten der Stadt. Gleich nebenan die alte Eisenbahnbrache, aus der ja auch erst vor drei Jahren der wunderbare Gleisdreieckspark geworden ist. Auf der anderen Seite: die Lützowstraße mit ihrer eigenwilligen Postmoderne der zu unrecht fast vergessenen Bauausstellung von 1987. Und die Kurfürstenstraße mit dem Straßenstrich. Möbel Hübner soll sie schön grüßen. Ob die Menschen, die hier bald in neue Luxusapartments ziehen, ihr Interieur bei Hübner finden werden? Oder ob das ehemalige KaDeWe unter den West-Berliner Möbelhäusern dann auch längt an den Stadtrand gentrifiziert worden ist?

Noch immer ist die Potsdamer Straße keine Flaniermeile. Und auch zum Laufsteg wird sie nur, wenn wieder mal Gallery Weekend ist. Und die Siebener-BMWs des Mobilitätssponsors nicht durchkommen vor lauter Partylaune. Spätestens dann wünscht man sich, hoch oben aus dem achten Stock hinunter zu gucken auf diese urbane Choreographie. Vielleicht bei einem aufreizend perfekt gegarten Lammrücken. Oder einem Pflaumensorbet, das Golvet-Küchenchef Björn Swanson zwischen den Gängen schickt, um Geist und Gaumen zu beruhigen.

Das Golvet also ist das jüngste jener ambitionierten Läden, die in der Potse aufgemacht haben. Ein halbes Dutzend in den vergangenen 20 Monaten. Das Panama Restaurant hatte den Anfang gemacht, in einem der schönsten unter den wenigen erhaltenen Hinterhöfen der Straße. Und auch weil hinter diesem Panama eben Ludwig Cramer-Klett steckt, der schon im Katz Orange in Mitte den Nacken vom Duroc-Schwein so unermüdlich an eine internationale Hipster-Hautevolee verkauft, lag plötzlich dieses Aroma in der Luft: Wird die Potse für die Kunst und die Kulinarik eine neue Auguststraße?

Es folgten die Brasserie Lumières, Austern zum Frühstück. Und, gerade eben erst, die vielleicht kunstsinnigste unter den gastronomischen Unternehmungen: Die Grill-Royal-Familie hat aus dem Edd’s in der Lützowstraße das Kin Dee und wieder mal vieles richtig gemacht. Ein nonchalanter Laden, der seine Geschichte von einer unkomplizierten, fokussierten Thai-Küche aus saisonal-lokalen Grundprodukten schlüssig erzählt und mit Dalad Kambhu, Ex-Modell und Autodidaktin am Herd, auch die passende Frontfrau hat. „Wir haben mit diesem Laden und diesem Kiez ja auch eine spezifische Atmosphäre geerbt“, sagt Restaurantleiter Moritz Estermann, „uns ist bewusst, dass wir damit feinfühlig umgehen müssen.“

Kantine der Galeristen

Nur: Wohin treibt uns der Alltagshunger? Ins Mother, Maiden and Crone etwa, mit seiner so handwerklichen wie herzlichen Mittagsküche aus der Tajine, jenem tönernen, nordafrikanischen Kochgefäß. Dieser Ort sei so etwas wie die Kantine der Galeristen, sagt Thomas Fischer, der selbst einer ist. Nebenan auf dem ehemaligen Tagesspiegel-Gelände, mit dem eigentlich alles angefangen hat. Andreas Murkudis hatte 2012 seinen Konzeptstore dorthin umgesiedelt. Zur selben Zeit eröffneten auch die ersten Galerien. Zum Geschäftsdinner lud man da immer noch nach Mitte. Und als Thomas Fischer und Tanja Wagner, ihre Galerie findet sich ums Eck in der Pohlstraße, vor ein paar Jahren ihr erste Gallery-Weekend-Sause schmissen, feierte man, bei Grillwurst, am Kiosk vor der Neuen Na­tionalgalerie.

Inzwischen scheint das Kulinarische zu so etwas wie eine Leitkultur zwischen Kulturforum und Bülowbogen geworden zu sein, Seit diesem Frühjahr bespielt Sticks’n’Sushi, ebenfalls auf dem Tagesspiegel-Gelände, sogar einen eben noch als Galerie genutzten Beton-Kubus. So exakt die Küche hier ist und so entdeckungsdurstig die Bar und die Weine sind, bleibt das aus Kopenhagen transferierte Sticks’n’Sushi doch auch ein polyglotter, sehr internationaler Ort. Nur: Ist es das Restaurant, das diese Nachbarschaft verändert? Oder ist Berlin nicht auch gerade mal wieder dabei, ein anderes zu werden?

„Die Stadt ist jünger und internationaler geworden“, sagt, nebenan im Panama, Ludwig Cramer-Klett. „Es ist eine neue Generation in die Stadt gekommen, die spiritueller, achtsamer auf die Dinge, auch auf die Lebensmittel schaut.“ Gegenüber im Wintergarten Varieté welkt das alte West-Berlin.

Und doch sind da noch all die, die durchgehalten haben. Allen voran die Victoria Bar, Heimstatt des kultivierten Schwips nicht nur aufgrund jener Schule der Trunkenheit, deren, nun ja, Vorlesungen jährlich durch den Berliner Winter führen. Dann das Kumpelnest 3000, eröffnet ausgerechnet an jenem legendär brachialen 1. Mai 1987 und damals so etwas wie der Heimathafen der Tödlichen Doris und der ganz späten West-Berliner Avantgarde. Oder die wunderbare Joseph-Roth-Diele mit den Schmalzstullen, dem Sauerbraten, dem literarischen Interieur, den resoluten Bedienungen und dem in unserer optimierten Spätmoderne so raren Luxus, am Wochenende einfach zuzusperren.

Das erlaubt sich, ein paar Meter nördlich, sonst nur noch die exzellente Zwei-Sterne-Küche von Michael Kempf im Facil. Aber da ist aus der Potsdamer Straße ja schon der Potsdamer Platz geworden. Und der liegt immer noch nicht wirklich in Berlin.

Bilder

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare