Carl Zuckmayer

„Der Hauptmann von Köpenick“ am Deutschen Theater

Sachliche Verzweiflung: Jan Bosse inszeniert den zu Unrecht verachteten Klassiker von Carl Zuckmayer

Foto: Arno Declair

Ein Mann läuft gegen eine Wand. Eigentlich ist er eher ein Männchen. Er humpelt, er ist schlecht anzogen, er kommt in der Welt offenbar nicht sehr gut zurecht. Aber er gibt nicht auf. Er stürmt immer weiter an gegen die Ordnung der Welt, die keinen Platz für ihn hat. Vielleicht wird sie ihn ja irgendwann aufnehmen. Dass er unbedingt durch die Tür will, dass er einen Pass und eine Arbeitserlaubnis und seinen Platz in der Ordnung der Bürokratie braucht, bedeutet nicht, dass er die Regeln akzeptiert. Er will nur irgendwie durchkommen. Das Männchen ist der Schuster Voigt, ein entlassener Häftling.

So beginnt am Deutschen Theater Jan Bosses Inszenierung des etwas zu Unrecht verachteten Volksstücks „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer. Das erste Bild zeigt eine große Einsamkeit und eine ziemlich fürchterliche Sinnlosigkeit. Dass diese Szene so traurig ist, liegt auch an Milan Peschel, einem erschreckend autarken Schauspieler. Er spielt den Häftling Voigt mit einer Härte und Lakonie und Deutlichkeit, die keine Sentimentalität aufkommen lässt. Die Verzweiflung der Figur ist sachlich.

Aus der Wand, gegen die er anrennt, kommt dann kein Ausweg, sondern ein Bühnenbild – oder das Signal eines Gefängnisses. Auf Sperrholzplatten aufgezogene Fotos der Hochhäuser und Machtdemonstrationsbauten des neuen Berlins zeigen, dass die Wände, an denen Voigt zu Beginn des letzten Jahrhunderts abgeprallt ist, heute etwas moderner aussehen, aber immer noch recht undurchdringlich sind (Bühne, wie fast immer bei Bosse: Stéphane Laimé).
Das Problem der Inszenierung ist, dass sie die Klarheit und Härte dieses Prologs nicht durchhält. Der haftentlassene Voigt hat eine brutale Sachlichkeit: Der Mann weiß, was Sache ist. Und Sache ist, dass sein Leben seit seiner ersten Inhaftierung wegen einer Lappalie zerstört ist. Dass Milan Peschel mit schöner Spielfreude überzieht und zwischendurch die beiden anderen berühmten Hauptmann-von-Köpenick-Darsteller, Heinz Rühmann und Harald Juhnke, zitiert, tut der Härte seines Spiels keinen Abbruch.

Leider sind die anderen Darsteller, bis auf die große Steffi Kühnert, nicht durchgehend auf diesem Niveau. Bosses Regie macht sie zu Kabarettfiguren mit angeklebten Bäuchen und bizarrem Äußerem. Peschel als Sträfling Voigt ist als hass- und verzweiflungsgelenkter Outcast so ziemlich der einzige nicht von Bürokratie, dem Glauben an „Papiere“ und den eigenen Ordnungshörigkeitslebenslügen deformierte Mensch. Was ja auch eine Aussage ist.

Die Versuche mittels der Protokolle aus dem Leben von Flaschensammlern und Obdachlosen aktuelle Verweise herzustellen, wirken etwas bemüht. Die Inszenierung weiß nicht, ob sie aggressiv und verstörend sein oder doch lieber gefallen möchte. Dieses Schwanken zwischen sehr gut gemachtem Handwerk und kurzen Impulsen von Aggression oder Traurigkeit verpasst die Chance einer Inszenierung, die die Frage nach dem sozialen Ausschluss und dem nicht erklärten, aber sehr effizienten Krieg der Reichen und der Bürokratie gegen die Deklassierten in ­etwas ungemütlicherer Deutlichkeit stellt.

„Der Hauptmann von Köpenick“ am Deutschen Theater Eintritt 5–48, erm. 9 €

Kommentiere diesen Beitrag