Kino & Film in Berlin

Der Horrorfilm „German Angst“

Genrefilme haben es traditionell schwer in Deutschland. Mit ihrem Horror-Episodenfilm nehmen die Berliner Regisseure Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski und Andreas Marschall einen neuen Anlauf zum Ruhm.

German Angst

Horror aus Deutschland, das waren bisher eher amateurhafte Splatterfilme. Dass das Genre hierzulande in den 1920er-Jahren mit Filmen wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“, „Das Wachsfigurenkabinett“ und „Nosferatu“ eine auch international beachtete Blüte erlebt hatte, schien vergessen. Mit „German Angst“ könnte sich das nun ändern: Im März sorgte der Film bei den Fantasy Filmfest Nights für volle Kinosäle, davor und danach stand er bei internationalen Filmfestivals (unter anderem in Rotterdam, Linz und Karlsbad) sowie zahlreichen ausländischen Genrefestivals auf dem Programm.
Manchmal muss man in die Ferne reisen, um die Nähe zu erkennen. Bei einem Filmfestival traf der Berliner Filmemacher Andreas Marschall („Tears of Kali“, „Masks“) seinen Kollegen Michal Kosakowski („Zero Killed“). Dabei stellten sie fest, dass sie beide Genrefilme schätzen – und zudem in Berlin im selben Viertel wohnen. Dass das Festival in Transsilvanien stattfand, kann man als gutes Omen auffassen, schließlich ist dies die Heimat von Graf Dracula.
German AngstMit Jörg Buttgereit verbindet Andreas Marschall bereits eine lange Bekanntschaft, seit er 1984 für dessen Film „Hot Love“ zum ersten Mal ein Plakat entwarf. So konnte er Buttgereit jetzt davon überzeugen, bei „German Angst“ ebenfalls mitzuwirken. Was schon allein deshalb bemerkenswert ist, weil Buttgereit nach Beschlagnahmungen seiner Filme dem Kino zwischenzeitlich abgeschworen und sich als Filmkritiker, Hörspielautor und Theaterregisseur (aktuell „Nosferatu“ in Dortmund) eine neue Karriere aufgebaut hatte. Die Idee für einen Episodenfilm war geboren, drei Geschichten unter individueller Verantwortung der Regisseure, die gleichwohl mit wiederkehrenden Teammitgliedern wie Kameramann, Ausstatter, Komponist, Cutter und Sounddesigner arbeiteten.
„German Angst“ erzählt von deutschen Befindlichkeiten in drei sehr unterschiedlichen Arbeiten. Jörg Buttgereits „Final Girl“ ist ein karges Kammerspiel für zwei Personen, Vater und Tochter, die sich in einer engen Wohnung fern und nah zugleich sind. ?Aus dem Off hört man per (nachinszenierter) Radionachricht von einem realen Mordfall: Ein Mann islamischen Glaubens enthauptete seine Frau vor den Augen der Kinder, weil er glaubte, sie sei vom Teufel besessen.
„Als das passiert ist, habe ich in derselben Straße gerade ein Hörspiel gemacht, denn dort liegen die Hansa Tonstudios“, sagt Buttgereit. „Ich konfrontiere die Leute immer gern mit dokumentarischen Elementen, mit ‚echtem Leben‘. Als ich es jetzt wiedersah, ist es mir kalt den Rücken heruntergelaufen, weil es ja gerade diese Islamismus-Debatte gibt.“
German AngstFür Michal Kosakowski, der aus Polen kommt und in Österreich groß geworden ist, „war es naheliegend, eine Geschichte zu machen, welche die polnisch-deutsch-österreichische Vergangenheit aufarbeitet“ und in die auch persönliche Erlebnisse eingeflossen sind. „Make a Wish“ wechselt zwischen zwei Zeitebenen: dem Berlin der Gegenwart und dem während des deutschen Überfalls auf Polen 1939. Die Episode verknüpft Zeitgeschichte mit Mythologie und enthält die drastischsten Szenen des Films.
Andreas Marschalls „Alraune“ stellt schon im Titel die Verbindung zur deutschen Filmgeschichte her, wurde doch der gleichnamige Roman von Hanns Heinz Ewers um die als Aphrodisiakum wirkende Wurzel mehrfach verfilmt. Hier geht es um das Ausleben sexueller Gier in einem exklusiven Club Berlins, das am Ende allerdings drastische Konsequenzen hat.
Gedreht wurde der Film übrigens in einer ungewöhnlichen Kombination: digital, im Cinemascope-Format und teilweise auf Super-8-Material. „Wir sind alle Fans von Super 8“, sagt Marschall, „deshalb war es uns wichtig, Teile auf diesem Material zu drehen. Gerade in Zeiten des Digitalen war uns das Haptische wichtig.“
Da die Filmemacher sich „nicht im Vorfeld dafür rechtfertigen wollten, was wir machen“, so Kosakowski, der den Film auch produziert hat, begann man die Finanzierung mit einer Crowdfundingkampagne, die in Deutschland den angepeilten Zielbetrag von 30?000 Euro erreichte. Später kamen dann private Investoren, ein Weltvertrieb und Pier-rot le Fou, der Genrearm des Münchener Filmkunstverleihs Alamode, ins Boot, der den Film herausbringt – parallel zum Kinostart als DVD und Blu-Ray, und damit den geänderten Sehgewohnheiten des Zielpublikums Rechnung tragend. Dass der Film dennoch, zumal in Berlin, in einer ganzen Reihe von Kinos läuft, freut die Filmemacher natürlich. Sie werden auch bei einigen der Vorführungen anwesend sein.

Text: Frank Arnold

Fotos: KOSAKOWSKI FILMS – Michal Kosakowski

Orte und Zeiten: „German Angst“ im Kino in Berlin

German Angst, Deutschland 2015; Regie: Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski, ?Andreas Marschall; Darsteller: Annika Strauss (Kasia), ?Milton Welsh (Eden), Daniel Faust (Gottfried); 112 Minuten

Seit 15.5. auch erhältlich als DVD und Blu-Ray (freigegeben ab 18 Jahren), erschienen bei Pierrot le Fou

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