Porträt

Berliner Exil: Der iranische Schriftsteller Abbas Maroufi

Eulen in der Kantstraße: Abbas Maroufi lebt in Berlin im Exil, seine ­persische Buchhandlung ist die größte Europas. Jetzt erscheint sein ­Roman „Fereydun hatte drei Söhne“ auf Deutsch. Im Iran ist er verboten

Foto: Privat

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Eulen, wo man hinguckt. Das Arbeitszimmer des Iraners Abbas Maroufi steht voller Eulenfiguren. Eine steinerne stamme aus eigener Handarbeit, sagt der Schriftsteller in flüssigem Deutsch. Natürlich hat es damit eine Bewandtnis. Vor rund 100 Jahren, so Maroufi, sei Sadegh Hedayat, „Irans Kafka“, in der Berliner Kantstraße abgestiegen und hatte die Idee, eine persische Buchhandlung zu eröffnen. Daraus wurde nichts. Aber Hedayat schrieb 1937 den berühmten surrealistischen Roman „Die blinde Eule“.

Über ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 2000, kam Maroufi samt Familie nach Berlin, wo er als Nachtportier im Hotel arbeitete, bis er 2003 Hedayats Traum realisierte. Seine persische Buchhandlung in der Kantstraße 76 heißt Hedayat, ist die größte ihrer Art in Europa und steht für Weltoffenheit. Plakatporträts von Hesse, Joyce und nicht zuletzt Kafka zieren die Wände – Autoren, die Maroufi, der hier auch einen Exil-Verlag gründete, geprägt haben. Sein Eulenarbeitszimmer befindet sich in einem Séparée, wo er Gästen Tee serviert. Im Persischen, sagt er, stehe die Eule für den Geistesmenschen. Der habe es im Iran nie leicht gehabt.
Abbas Maroufi wurde 1957 in Teheran geboren und erlebte hautnah die „Islamische Revolution“ von 1979, die bekanntlich die Schah-Monarchie durch das Mullah-Regime ersetzte. 1996 reiste der Erfolgsautor, dem das Arbeiten unmöglich gemacht wurde, aus und wählte Deutschland als Exil – auch, weil sein erfolgreichster Roman „Symphonie der Toten“ damals im Suhrkamp/Insel-Verlag erschien. Allein über die vom deutschen PEN und namentlich Günter Grass unterstützte Ausreise ließe sich ein Thriller schreiben.

Maroufi, der als Herausgeber der kritischen Zeitschrift Gardūn wegen „Beleidigung islamischer Grundwerte“ zu Gefängnis und Peitschenhieben verurteilt wurde – das Urteil blieb unvollstreckt –, hatte Angst vor der Ausreise, Todesangst. Er wäre nicht der erste, sagt er, den man am Flughafen direkt vorm Besteigen des Flugzeugs „abgeholt“, also festgenommen, womöglich exekutiert hätte. Aber der internationale Druck auf die Mullahs war groß und schließlich begleitete der deutsche Botschafter höchstselbst den Dissidenten in die Sicherheit.

Im Iran islamische Grundwerte zu beleidigen ist nicht schwer. „Es reicht, weibliche Körperteile literarisch zu beschreiben“, sagt Maroufi, der dadurch Ärger mit den Zensoren bekam. Als er den Körper einer ägyptischen Göttin statt einer Frau beschrieb, war es plötzlich okay. Maroufi, ein milder, zurückhaltender Mann, lächelt über diese Absurdität. Einige seiner Bücher erscheinen im Iran, andere sind verboten. So etwa sein jetzt ins Deutsche übertragener Roman „Fereydun hatte drei Söhne“, der von den Wirren der nicht eben in Rosafarben geschilderten Revolutionsjahre erzählt.

Der Buchtitel geht auf eine Episode aus dem Nationalepos „Schāhnāme“ des „persischen Homers“ Ferdausi (940-1020) zurück, das in der Hedayat-Buchhandlung auch in deutscher Übersetzung zu kaufen ist. Maroufis erklärtes Vorbild ist der Dichter Nizami (1141-1209), dessen romantisches Epos „Leila und Madschun“ im persischen Raum so bekannt ist wie bei uns „Romeo und Julia“.

Ein Moslem sei er nicht, seine drei Töchter habe er liberal erzogen, antwortet Maroufi auf Nachfrage. In Berlin sei er schnell heimisch geworden. Er fühle sich wohl hier, was auch an seinen deutschen Freunden liege. Vom Fremdenhass der Pegidisten und der AfD bekomme er wenig zu spüren. Seine Gedanken dazu verpackt er in ein Bild: „Im Magen jeder Gesellschaft befinden sich unverdauliche Dinge, die vor sich hin faulen und ab und zu hervorgewürgt werden.“ So sei es auch mit der Revolution im Iran gewesen.
Ob er denn die Angst des Westens, insbesondere Israels, vor einer iranischen Atombombe verstehe? Maroufi winkt ab. Das Wesen des gegenwärtigen iranischen Regimes sei vor allem Fassade, die Atombombe nicht mehr als ein Bluff. Maroufi ist ein kluger Mann. Hoffentlich behält er recht.

Fereydun hatte drei Söhne von Abbas Maroufi, aus dem Persischen von Susanne Baghestani, Edition Büchergilde 2016, 350 S., 22,95 €

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