Sozialdrama 

„Der Klavierspieler vom Gare du Nord“ im Kino

Am Pariser Nordbahnhof steht ein Klavier, an das sich jeder setzen darf, so auch der junge Mathieu Malinski, der schwierigste Kompositionen spielt und entdeckt wird

Neue Visionen

Junger Mensch aus heutzutage gern „prekär“ bezeichnetem Umfeld schafft es dank einer ganz besonderen Begabung, diesem Milieu zu entfliehen und sich in einer Welt der Bürgerlichkeit und des Erfolgs zu beweisen. Dieses Grundgerüst einer Geschichte ist mindestens so alt wie das Musical „My Fair Lady“, man denke nur an „Pretty Woman“ mit Julia Roberts oder „Blind Side“ mit Sandra Bullock; selbst „Ziemlich beste Freunde“ hatte einen ähnlichen Ansatz.

Ludovic Bernard liefert nun eine weitere Vari­ante: Am Pariser Nordbahnhof steht ein Klavier, auf dem jeder zum Spielen eingeladen ist. Genau dort beobachtet Pierre Geithner (Lambert Wilson), Leiter des Pariser Musik-Konservatoriums, wie der junge Mathieu Malinski (Jules Benchetrit) virtuos schwierigste Klavierstücke spielt. Es kommt, wie es jeder ahnt: Mittels sozialer Strafstunden lotst Geithner seinen Schützling aus dem Banlieue ins Konservatorium, wo er unter der strengen Leitung der „Gräfin“ (Kristin Scott Thomas) für einen internationalen Klavierwettbewerb gedrillt werden soll. Mathieu verliebt sich in die Cellistin Anna (Karidja Touré), muss aber natürlich noch ausgiebig mit seinem Schicksal hadern und an sich zweifeln, bis es zum musikalischen Showdown kommt.

Dass sich tatsächlich noch immer jemand an diesen uralten Hut einer klassenüberwindenden Erzählung traut, ist fast schon wieder sympathisch. Schön auch, dass Mathieu nicht als der zu erwartende Vorstadt-Rabauke charakterisiert wird, sondern als eher introvertiert. Die gediegene Inszenierung und die tollen Pianopassagen machen diesen „My Fair Pianoman“ letztlich durchaus goutierbar.

Der Klavierspieler vom Gare du Nord F 2019, 106 Min., R: Ludovic Bernard, D: Jules Benchetrit, Lambert Wilson, Kristin Scott Thomas; Kinostart: 20.6