Neue Musik

Der Komponist Aribert Reimann im Gespräch

„Ich bin eine Sickergrube“ – Der Komponist Aribert Reimann über seine neue Oper L’Invisible und über das Komponieren als Trauma-Therapie

Foto: Gaby Gerster

tip Herr Reimann, der Symbolismus, für den Ihr Libretto-Lieferant Maurice Maeterlinck steht, ist lange her. Was soll das heute?
Aribert Reimann Ich habe beim Komponieren an überhaupt keine Stil-Richtung mehr gedacht – sondern es so geschrieben, als wäre das Stück von heute. Ich kann nicht anders. Schon früher, beim „Lear“ von Shakespeare‚ hätte ich keinen einzigen Ton herausbekommen, wenn ich anders verfahren wäre. Bei „L’Invisible“ ging es mir um die Tatsache, dass wir immer, zu jeder Zeit, vom Tod umgeben sind.

tip Wie kommen Sie darauf?
Aribert Reimann Zunächst: Die drei Stücke, die ich zu einer Oper zusammengebunden habe, leben von einem einheitlichen Thema: dem Tod. Sie haben drei verschiedene Orchesterbesetzungen: „Der Eindringling“ nur Streicher, „Interieur“ nur Holzbläser, „Tintagiles Tod“ das ganze Orchester. Inspiriert wurde ich von einer wunderbaren Inszenierung vor mehr als 30 Jahren an der Berliner Schaubühne. Ich wusste gleich, dass ich das machen muss.

tip Haben Stoffe bei Ihnen immer eine so lange Inkubationszeit?
Aribert Reimann Das ist nicht untypisch für mich. Das Libretto zu „L’Invisible“ war schon 2006 fertig. Das versackt dann wieder. Ich bin eine Sickergrube.

tip Warum interessieren Sie sich für den Tod?
Aribert Reimann Ich bin aufgewachsen mit ihm. Vor allem durch den Tod meines Bruders. Ich hing sehr an ihm, er war vier Jahre älter und meine absolute Bezugsperson. Das Krankenhaus, aus dem er am nächsten Tag entlassen werden sollte, wurde 1943 bombardiert. Da war er 12. Meine Kindheit war beendet. Alles geriet unter einen großen Schatten. Ich habe erst spät bemerkt, dass vier meiner Opern mit einem Brand enden. Gewiss spielt auch die Bombardierung Potsdams eine Rolle, die ich damals miterlebte.

tip Sind Sie ein traumageleiteter Komponist?
Aribert Reimann Der Gedanke drängt sich auf. Beim Komponieren von „Troades“ war es sogar ganz schlimm. Allnächtlich erschien mir meine Mutter im Traum. Ich begann zu denken: Vielleicht muss ich ihr das Stück widmen? Da kam sie nicht mehr. Und danach – war es vorbei. Komponieren hat ganz offensichtlich für mich auch eine therapeutische Funktion.

tip Da Sie für große Opernhäuser schreiben, sind Sie einer der wenigen Publikumskomponisten der Neuen Musik. Gute Sache?
Aribert Reimann Ich denke daran nicht. Andernfalls würde es mich irritieren. Denn ich kenne mein Publikum ja nicht. Ich denke an einen einzelnen, aber nicht konkreten Hörer.

tip Wann und wie oft schreiben Sie?
Aribert Reimann Wenn ich an etwas dran bin, schreibe ich jeden Tag. Ab Mittag. Mit dem Particell, welches den Gang der Musik festlegt, muss ich fünfzig Seiten vor der Partitur voraus sein. Das ist die kleine Peitsche. Tagsüber wird komponiert, das dauert, wenn ich Glück habe, bis zu fünf Stunden. Und das Abschreiben bis Mitternacht.

tip Ein Rausch?
Aribert Reimann Nein, dazu ist es einfach zu viel Arbeit. Auch Schreibarbeit! Das Schlimmste wäre, herauszukommen. Wenn ich einschlafe, denke ich daran, wo ich am nächsten Tag weiterarbeiten werde. Dann rotiert das. Wenn ich aufwache, weiß ich mehr.

tip Es gibt Menschen, denen Neue Musik, zumal atonale, völlig egal ist. Was denken Sie über Tante Emma?
Aribert Reimann Jeder, so denke ich, kann lernen, dass nicht alle Musik gleich sein muss. Ich gebe Tante Emma nie auf.

Deutsche Oper Bismarckstr. 35, Charlottenburg, So 8.10., 18 Uhr, Mi 18.10., 19.30 Uhr, So 22.10., 18 Uhr, Mi 25.10., 19.30 Uhr, Di 31.10., 18 Uhr, Karten 29–128 €

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