Graphic Novel

Der lange Schatten

Aktuelle Graphic Novels kreisen um die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs. Es geht um Neonazis, das Schicksal eines jüdischen Mädchens und bewaffneten Widerstand in der Tschechoslowakei

Tschechenkrieg Foto: Jaromir 99/ Voland & Quist

Vorbei ist gar nichts, der zweite Weltkrieg wirkt nach. In aktuellen Comicerscheinungen und Ausstellungen geistert nachhaltig das Thema der großen, von Berlin ausgehenden Verbrechen. In der Galerie Neurotitan wird noch bis zum 9. März die autobiografische Story des Zeichners Nils Oskamp gezeigt. Er arbeitet darin seine Jugenderfahrungen mit der Dortmunder Neonaziszene auf. Oskamps Graphic Novel „Drei Steine“, die auch an Schulen behandelt wird, spielt zwar in der Jetztzeit; die Wurzeln des Bösen reichen aber weit zurück.

Nämlich direkt ins Dritte Reich, wie die Arbeit von Brigitta Behr und Sandra Wendeborn. Ihre Graphic Novel „Susi, die Enkelin von Haus Nr. 4“ nimmt die wahre Geschichte eines kleinen jüdischen Mädchens auf, die mit ihren Eltern, vor den Nazis versteckt, in einem Berliner Mietshaus überlebt. Auch hierzu ist aktuell eine Ausstellung zu sehen.

Während Oskamp seine Geschichte in Blautönen und expressivem Strich festhält, ist das dramatische wie von Hoffnung und Mitmenschlichkeit geprägte Schicksal der kleinen Susi ein behutsam in Beige- und Brautönen erzähltes und von erklärenden Texten begleitetes Dokument, das gleichermaßen im Unterricht Verwendung findet.

Susi, die Enkelin von Haus Nr. 4 Birgitta Behr/arsEdition, Abbildung vom Nikolsburger Platz, um 1926 © Museum Charlottenburg-Wilmersdorf

Schultauglich ist das Werk des tschechischen Künstlerduos Jan Novák und Jaromír 99 eher nicht. Letzterer erlangte durch seinen abgründigen Comic „Alois Nebel“ hierzulande Bekanntheit, nicht zuletzt durch die gelungene Filmadaption aus dem Jahr 2011.

In „Tschechenkrieg“ führen die Autoren ins Prag der frühen 1950er. In den Nachwehen des Zweiten Weltkrieges gehen die Brüder Josef und Ctirad Mašin mit Waffengewalt gegen das kommunistische Regime vor. Mit Mord und Sabotage suchen sie vergeblich nach einer Alternative zum Stalinismus und blicken einer rigorosen Verfolgungsjagd entgegen, die sie schließlich nach West-Berlin verschlägt.

Wieder einmal beweist Jaromír 99, dass großartige Comickunst auch jenseits der klassischen Comicländer Frankreich, Japan oder USA entstehen kann. Spannend, tiefgründig und in eindrücklichen Bildern beleuchtet er ein auch in Tschechien wenig bekanntes Kapitel der Nachkriegszeit.
Unabhängig voneinander lässt sich an diesen Einzelschicksalen vermeintlich ganz normaler Menschen – eines Mädchens in Berlin, zweier Brüder in Prag und eines Jungen in Dortmund – eine Erzählung des europäischen Ex­tremismus im 20. Jahrhundert ablesen.

Susi, die Enkelin von Haus Nr. 4 von Brigitta Behr & Sandra Wendeborn, ars Edition, 110 S., 13 € 3325
Ausstellung: Museum Charlottenburg-Wilmersdorf, Schloßstr. 55, Charlottenburg, Di-Fr 10–17 Uhr, Sa+So 11–17 Uhr, bis 16.6.

Drei Steine von Nils Oskamp, Panini, 144 S., 20 € 3325
Ausstellung: Neurotitan Gallery, Rosenthaler Str. 39, Mitte, Mo-Sa 12–20 Uhr, bis 9.3.

Tschechenkrieg von Jan Novák & Jaromír 99, Voland & Quist, 200 S., 26 € 12