Stadtleben und Kids in Berlin

Der Lebensmittelindustrie-Lobbyist: Christoph Minhoff im Interview

Der Ex-Programmgeschäftsführer von Phoenix, Christoph Minhoff, vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde im Gespräch über Transparenz und Anrufe bei Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner.

Christoph Minhoff - Lobbyist in Berlin

Herr Minhoff, schon mal ein Gesetz gekippt?
Christoph Minhoff Ich persönlich? Nein. So funktioniert das auch nicht.

Ich dachte, das wäre Ihr Job? Gesetzesvorhaben möglichst im Vorfeld zu beeinflussen, die Ihrer Branche nicht behagen.
Christoph Minhoff Da treffen Sie ja eine semantische Vorfestlegung. Beeinflussen ist negativ besetzt.

Welche Bezeichnung wäre Ihnen lieber?
Christoph Minhoff Wir nehmen an der Willensbildung teil. Täten wir das nicht, würden wir nicht die Interessen mit 4,5 Millionen Arbeitnehmern einbringen. Dann hätte die Politik keine Messlatte, anhand der sie entscheiden kann. Das ist ein permanenter Gedankenaustausch.

Haben Sie die Handynummer von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner?
Christoph Minhoff Ja. Aber ich habe sie noch nie angerufen.

Wieso nicht?
Christoph Minhoff Als drei Wochen nach meinem Jobantritt die Sache mit dem Pferdefleisch in der Lasagne hochkam, wussten weder das Ministerium noch wir, was passiert war. Da rufe ich nicht Frau Aigner an. Da sprechen wir mit den Fachreferenten in den Ministerien.

Angenommen, die Fraktionen wollen ein neues Gesetz initiieren, das Sie nicht gut finden. Wohin geht Ihr erster Anruf?
Christoph Minhoff Das läuft nicht so mechanisch ab.

Jetzt enttäuschen Sie mich ein wenig.
Christoph Minhoff Die Arbeit ist wirklich unspektakulär. Beispiel: Bundestagswahl. Wir gucken uns natürlich die Wahlprogramme an. Dann artikulieren wir offen und frühzeitig unsere Position dazu: in Gesprächen mit der Öffentlichkeit, auch mit Abgeordneten, Stakeholdern, NGOs. Ich weiß, die meisten Leute stellen sich Geheimzirkel vor. Das ist nicht so.

In den China-Club kommt nicht jeder rein.
Christoph Minhoff Sie können einen Zirkel nehmen und einen Kreis von zwei Kilometer um den Reichstag ziehen. Darin sind alle Lokalitäten, wo Sie alle Menschen treffen, die hier miteinander ihre Gedanken austauschen. Der China-Club ist einer davon. Da kommen Sie deshalb nicht rein, weil es einen fünfstelligen Beitrittsbetrag dafür gibt.

Aber Sie schon?
Christoph Minhoff Ich käme da rein. Aber dort führe ich selten Gespräche. Wenn man unbedingt morgens seinen ersten Termin haben muss, geht man in eins der bekannten Frühstückscafйs. Ich will jetzt aber keine Werbung machen.

Die Chance, dass man dort von niemandem gesehen wird, dürfte gering sein.
Christoph Minhoff Wenn jemand Transparenz möchte, muss er sich nur jeden Morgen in der Gegend Unter den Linden/Friedrichstraße in ein Cafй  setzen. Da sieht man, wer mit wem redet.

Nur nicht, worüber.
Christoph Minhoff Im Lebensmittelrecht gibt es nichts, das nicht schon irgendwie reguliert ist. Da geht es dann um Detailfragen, um Halbsätze. Es ist eben leider doch sehr viel Kärrnerarbeit.

Dann müssen Sie mir aber erklären, weshalb einige Lebensmittelverbände vor zwei Jahren den Lobbyverein „Die Lebensmittelwirtschaft“ gegründet haben.
Christoph Minhoff Der Verein ist unsere Antwort auf die immer weiter um sich greifende, oberflächliche und oft von Unkenntnis geprägte mediale Berichterstattung über unsere Branche. Es ist aber kein Lobbyverein. Die politische Interessenvertretung, die Sie sicherlich mit „Lobby“ meinen, liegt weiter wie bisher in den Händen des BLL als Spitzenverband und Sprachrohr der Lebensmittelwirtschaft.

Und Sie hauen dazu zur Auflockerung Erklärungen raus, in denen Verbraucherschutzorganisationen „Angstindustrie“ heißen?
Christoph Minhoff Was ich mit Angstindustrie meine: Die Gesellschaft ist dazu übergegangen, ein bisschen locker mit ein paar Begriffen umzugehen.

Inwiefern?
Christoph Minhoff Vor einem Dreivierteljahr war ich noch ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft als Geschäftsführer von Phoenix, dem Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF. Dann war ich im Februar beim „Spiegel“ Drogenhändler („Die Suchtmacher“, Spiegel 10/2013) und im April beim „Stern“ Mafiaboss („Die Zuckermafia“, Stern 26/2013, Anm. d. Red.). Man ist manchmal etwas sehr leichtfertig mit solchen Begriffen.

Interview: Erik Heier

Foto: © Matthias Martin

Lesen Sie hier zum Thema:

Wer uns wirklich regiert

Lobby-Republik Deutschland

Lesen Sie hier die anderen Artikel zum Titelthema:

Die Kritikerin: Christina Deckwirth vom Verein „LobbyControl“

Ein anonymer Insider erzählt

Die Abgeordnete: Eva Högl von der SPD

Der Allgemeinwohl-Lobbyist: Stefan Krug von Greenpeace

Der anonyme Agenturlobbyist

Der Kanzlei-Lobbyist: Andreas Geiger

Der Offenleger: Christian Humborg

 

 

 

Kommentiere diesen Beitrag