Uraufführung 

„Der letzte Gast“ im Berliner Ensemble

Das ist das Reich des Pan: Boulevardtheater kann auch langweilig sein: Árpád Schilling und „Der letzte Gast“

Foto: JR Berliner Ensemble

Das Werk eines amtlich anerkannten „Staatsfeinds“ hat man sich irgendwie aufregender vorgestellt. Ein Künstler, dem das Parlament seines Landes in einem offiziellen Dokument bescheinigt, er sei ein „potenzieller Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten“, sollte vielleicht mehr zu bieten haben als schwerfälliges Typen-Kabarett. Zum Beispiel staatsfeindliche Aktivitäten.

Nun ist die rechtsautoritäre Regierung Ungarns nicht gerade um Fairness und Zurückhaltung bemüht, wenn es darum geht, liberale Kulturschaffende zu beleidigen und ihnen das Leben schwer zu machen. Der ungarische Regisseur Árpád Schilling, dem die von staatlichen Stellen verkündeten Denunziationen gelten, hat in Budapest mit seinem Theater Krétakör eine wichtige Plattform für unabhängige Kunst betrieben – ein Ort künstlerischer Gegenöffentlichkeit.

Das Orbán-Regime hat ihm Zuwendungen gestrichen, seine Arbeit wurde systematisch boykottiert, inzwischen lebt der bedeutende europäische Regisseur im selbst gewählten Exil in Frankreich. Dass ihm das Exil künstlerisch nicht unbedingt gut bekommt, kann man am Berliner Ensemble in seiner neuen, ein wenig überflüssigen Inszenierung „Der letzte Gast“ leider recht deutlich sehen. Dass er das form- und ziellose Stück mit dem Ensemble entwickelt hat, zeugt in diesem Fall eher von Ratlosigkeit als von innerbetrieblicher Teilhabe am kreativen Prozess.

Der klischeefreudige Plot, die grobklotzige Figurenzeichnung, die effektorientierte Spielweise und die stumpfe Oberflächenregie orientieren sich am Opportunismus des Boulevardtheaters, ohne dessen Unterhaltungsreize zu erreichen. Eine zickige Dame, typgerecht besetzt mit Corinna Kirchhoff, hat einen schlechtgelaunt im Rollstuhl den Lebensabend vermümmelnden Pflegefallgatten (Wolfgang Michael, ein Spezialist für Misanthropen aller Art). Die narzisstisch vor sich hin plappernde Freundin, die in besseren Zeiten mal was mit dem Gatten hatte und ihren Körper in einem Anfall von Selbstüberschätzung als „Reich des Pan“, ein „Arkadien auf zwei Beinen“ rühmt (Judith Engel) und die burschikose Besserwissertochter (Bettina Hoppe) machen das Leben des Nervensägenehepaars auch nicht leichter.

Für etwas Unruhe, wenn auch nicht für größere Erkenntnisse, sorgt die derbe Bauarbeitertruppe, die die Villa renovieren soll (Inka Friedrich, Nico Holonics, Sascha Nathan). Auch die bemühten Suff-, Fick- und Labereinlagen können den Unterhaltungswert des Abends nicht heben, vom Erkenntniswert mal ganz zu schweigen.

Termine: Der letzte Gast am Berliner Ensemble

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