Stadtleben und Kids in Berlin

Der Mann mit dem Koks ist da

Kohlehändler in Berlin

Der Staub sitzt überall: auf den Kleidern, auf dem Fahrersitz, auf der Haut. Die Arbeit mit der Kohle ist ein schmutziges Geschäft. Und ein Knochenjob. Wenn die drei Männer mit den verrußten Händen und Gesichtern die 1?000 Kilo Kohle in den Keller verfrachtet haben, kann sich Marie Grunwald auf einen warmen Winter in ihrer Wohnung am Kollwitzplatz freuen. Vier Pakete mit Briketts – 100 Kilo – hat sich Arnd Teiche von der Pritsche seines Mitsubishi auf den schmalen Rücken geladen und steigt die Treppen zum düsteren Kellergewölbe hinab. Der 52-jährige Inhaber der Kohlenhandlung Helmut Braun macht seit fast drei Jahrzehnten für seine Kunden den Rücken krumm. „Früher bin ich sogar mit fünf Paketen auf dem Buckel gelaufen“, keucht Teiche.   
Wenn es so richtig kalt wird, steht das Telefon der Kohlenhandlung Braun nicht still. Arnd Teiche ist einer der letzten verbliebenen Kohlenhändler Berlins. Bis zum Ende des Winters fahren er und seine Männer ständig Kohlen und Briketts aus. Die Fahrten führen Teiche und seine Mitarbeiter bis ins tiefste Brandenburg – von den verbliebenen Berliner Wohnungen mit Kohleofen können sie nicht mehr leben. Denn die sterben aus. Doch selbst am schicken Kollwitzplatz gibt es immer noch Leute wie Marie Grunwald, die lieber morgens früher aufstehen, um einzuheizen, dafür aber mit rund 300 Euro Heizkosten über den ganzen Winter kommen. Das zumindest hofft sie. Der Händler ist skeptisch: „Ich glaube, das wird ein bisschen knapp.“

Bestellen auf den letzten Drücker

In den Sanierungsgebieten am Prenzlauer Berg wurden vor der Wende 90 Prozent der Wohnungen mit Kohle beheizt.  Nach 89 gab es in Berlin rund 470?000 Wohnungen mit Kohleöfen. 2010 heizten nur noch etwa 30?000 Haushalte mit Briketts. „In fünf Jahren ist Sense“, meint Teiche und steckt den Schlüssel in den Zünder. Jetzt knattern die drei mit der Kohle in die Danziger Straße. Das ist heute schon die zweite Tour, Teiche und seine Kollegen sind seit sieben Uhr unterwegs, acht bis zehn Kunden beliefern sie pro Tag. Der Chef hält mit Warnblinker am Straßenrand, und schon stapeln sich die drei Männer wieder die Briketts auf den Rücken, die Schultern schaukeln beim Gehen. Der junge Kunde steht vor der Haustür und guckt verlegen. 330 Euro zählt er am Ende in Scheinen ab, er gibt keinen Cent Trinkgeld.  
Zu Teiches Berliner Kundschaft zählen fast nur junge und sehr alte Leute. „In der Stadt bestellen sie meistens auf den letzten Drücker, weil sie nicht abschätzen können, ob nicht vielleicht doch auf Heizung umgerüstet wird.“ Die Kunden aus dem Umland, darunter auch Hausbesitzer, nutzten oft den Sommerrabatt. „Die sparen 100 Euro.“
Immer mehr Leute kaufen ihre Kohle mittlerweile im Baumarkt. Teiche liefert deshalb auch Brennholz aus.Kamine und alternative Heizmittel seien immer mehr gefragt. Früher hatte die Firma noch Großkunden: Die Wasserwerke, die Wohnungsbaugesellschaft, Kitas und Schulen. Die haben einen Großteil des Jahresumsatzes ausgemacht. Um den großen Verlust ein wenig auszugleichen, lässt Teiche seine Mitarbeiter jetzt Holz sägen und zerhacken. Von den Löhnen leben seine Mitarbeiter eher schlecht als recht: Boris Naumann ist arbeitslos gemeldet, den Lohn vom Kohleschleppen zieht das Amt von der Stütze ab. „Am Monatsende bleiben mir 165 Euro – und ein bisschen Trinkgeld“, sagt der 46-jährige gelernte Tischler. In seinem Beruf findet er keine Anstellung mehr: „Zu alt und keinen Führerschein.“ Warum er trotzdem die schweren Kohlen schleppt? „Ich hab schließlich ’ne Tochter.“

Text: Jasmin Takim

Bild: David von Becker

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