Literaturadaption

„Der Mensch erscheint im Holozän“ am Deutschen Theater

Klarer Fall von Altersdepression: Im Deutschen Theater eröffnet Thom Luz die Spielzeit mit Max Frischs „Der Mensch erscheint im Holozän“

Der Mensch erschein im Holozän
Foto: Arno Declair

Ganz am Ende steht Ulrich Matthes als altersdepressiver Herr Geiser im Bühnennebel und zieht eine vorläufige Bilanz seiner Habseligkeiten: „Zucker ist keiner mehr da, aber Knäckebrot.“ Knäckebrot ist ein gutes Stichwort für diesen trockenen Abend, der langsam zerbröselt und nach nichts schmeckt. Thom Luz hat Max Frischs späte Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“ für die Bühne adaptiert, seine Inszenierung eröffnet die Spielzeit am Deutschen Theater.
Frischs vergrübelte Prosa ist denkbar handlungsarm. Ein alter Mann sitzt in seinem abgelegen Haus im Tessin und hört dem Regen zu. Wie an letzten Wirklichkeitssplittern hält er sich an Zufallsfunden aus alten Zeitungen, kurzen Artikeln aus einem zwölfbändigen Lexikon und einzelnen Erinnerungen fest, während er den Kontakt zu seinem eigenen Leben verliert. Sein Gedächtnis wird brüchiger, er scheint sich selbst dabei zu beobachten, wie er sich langsam auflöst. Das ist eine faszinierende Lektüre; als Theaterabend, der keine Form für diesen Stoff findet, ist es vor allem eines: quälend langweilig.
Dabei ist der junge Schweizer Thom Luz eigentlich Experte für atmosphärisch betörendes Theater ohne Handlung. Spätestens seit seine schön versponnene Inszenierung „Atlas der abgelegenen Inseln“ im vergangenen Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, dürfte er den Geheimtipp-Status hinter sich gelassen haben und als aufstrebendes Talent gelten. Für die Atmosphäre müssen am Deutschen Theater viel Bühnennebel und hintereinander gestaffelte Gazewände sorgen, hinter denen die Bühne am Ende des Abends nur noch zu ahnen ist. Das ist eine recht plakative szenische Übersetzung für das Verdämmern des Bewusstseins, das Herr Geiser an sich beobachtet. Dass gebündelte Lichtstrahlen über Spiegel gelenkt werden, die Drehbühne gelegentlich in Gang gesetzt wird und das kleine Bühnenbildmodell die Bühne mit den an der Seite aufgereihten Klavieren neckisch verdoppelt, sorgt auch nicht für größere Reize. Die szenischen Aktiönchen (wenn etwa eine Fremdenführerin eine Gruppe Touristen über das abgelegene Tal im Tessin informiert oder aus verstimmten Klavieren Bachs „Kunst der Fuge“ scheppert) sind seltsam hilflos und beliebig.
Auch dass Ulrich Matthes aus dem lakonisch nüchternen Beobachter Geiser jemanden macht, der etwas zu sehr von sich selbst ergriffen ist, kann beim Zusehen keine nennenswerten Empfindungen auslösen. Als Petitesse in einem kleinen Hinterhof-Theater hätte diese Fingerübung möglicherweise ihren Charme. Bedeutungshubernd und prätentiös zur Saisoneröffnung auf der großen Bühne des größten Berliner Theaters aufgeblasen, verpufft dieses Gestocher im Nebel und ist schon während der sich arg lange hinziehenden 80 Minuten der Aufführung vergessen.

Deutsches Theater Fr 7., Do 13.10., 20 Uhr, Eintritt 5-48 €

Bewertungspunkte5