Berlin Art Week

Der Neue Berliner Kunstverein macht Schluss mit dem Mythos von arm, aber sexy

Aufgewacht im Investoren-Traum

Papierposter auf der Fassade der Temporären Kunsthalle Berlin: Bettina Pousttchi, „Echo 19“, 2009/2010 © Bettina Pousttchi, Courtesy die Künstlerin und Buchmann Galerie

Dass Berlins Nachkriegs-Raumordnung in Ost wie  West nach dem Mauerfall in gleichem Maße genauso obsolet werden würde wie seine hochsubventionierte Industrie als Arbeitgeber, zeichnete sich schnell ab: In dem Maße, in dem freien Flächen im Zentrum auftauchten, gingen finanzielle Sicherheiten in beiden Stadthälften unter.

Beides hing eng zusammen, und für beide Entwicklungen gab es nach dieser historisch einmaligen Zäsur keine Blaupause. Was dann bis heute folgte, könnte aber durchaus eine werden: Eine verarmte, aber aufregende Stadt umarmt Künstler*innen wie Investor*innen gleichermaßen. Verscherbelt dabei allerdings auch das Immobilien-Tafelsilber, schafft es aber eine Zeitlang, diese Gemengelage aus Kunst und Kapital wie ein Gleichgewicht der Kräfte aussehen zu lassen, auch mittels vorgeblicher Zauberlösungen wie Zwischennutzung und temporärer Kunsträume. Und wacht nach ein paar guten Jahren auf: ohne Freiflächen, ohne einen Ersatz für einen großartigen Ort wie die Temporäre Kunsthalle,  dafür mit akuter Wohnungsnot und teuren Stadtarchitekturen. Aber auch die Künstler*innen sind vor ein paar Jahren aufgewacht, fordern Bleiberechte ein und wenden sich gegen das Zwischennutzung-Konzept, das sie zumindest für einen Teil dieser Misere verantwortlich machen.  Es führte auf  Investorenseite zur immer weiteren Aufwertungen von City-Immobilien – und sie selber an den Stadtrand.

Die DDR-Moderne als Feind

Was zusätzlich zu dem derzeitigen Berliner Immobilienboom geführt hat, welche Stadtmythen neben dem der „kreativen Stadt“ dafür bemüht wurden, zum Beispiel der des„historischen Berlin“, will die Ausstellung „1989-2019: Politik des Raums“ im Neuen Berlin“ im Neuen Berliner Kunstverein n.b.k. aufzeigen. Denn zunächst gab es nach der Wende ja „eine sehr offene Ausgangslage“ wie Anh-Linh Ngo, Herausgeber der Architekturzeitschrift „Arch+“ und Co-Kurator der n.b.k.-Ausstellung sagt: „Zumindest dachte man, es könnte sich etwas Neues entwickeln.“ 

Aber statt diesen Schwebezustand zu nutzen, wurde, wie er sagt, vor allem an einer Überschreibung der eigenen Entwicklung der beiden Stadthälften gearbeitet: „Die DDR-Moderne wurde zum Feind erklärt, es wurde schnell eine Architekturpolitik betrieben, die im Grunde genommen auf eine Vereinheitlichung und Glättung des Raums hinauslief, die sich dann kritische Rekonstruktion nannte.“

In der Ausstellung wird diese neue Art der Berliner Architektur unter anderem durch eine Fotografie-Serie von Daniel Poller visualisiert, die verdichtet zeigt, dass es sich bei den dann entstandenen Bauten neben der berüchtigten Berliner Rasterarchitektur auch um Objekte wie die Fellini-Höfe und ähnliche Crèmetorten-Fassaden handelt. Sie stehen nicht nur stellvertretend für eine spezifische Investorenästhetik, sondern zeigen auch, wie markttauglich und in jeder Hinsicht exklusiv in der Stadt jetzt oft gebaut wird. In der Ausstellung setzen sich dazu die Gestalter vom Büro Schroeter & Berger auch mit der berühmten Marketingkampagne „be Berlin“ auseinander – denn dass es heute einen exklusiven Immobilienmarkt in Berlin überhaupt gibt, hängt auch, wenn auch nicht nur, mit dem damals von Klaus Wowereit sofort aufgenommen Begriff der „Creative City“ zusammen. Er nahm so die Kulturen und Subkulturen Berlins mit seinem „arm, aber sexy“ mit und schuf damit „in einer Stadt, die industriell nichts anzubieten hatte“, wie Anh-Linh Ngo sagt,  „ein politisches Programm, dass dem Berliner Sparzwang genauso entgegenkam wie dem Stadtmarketing.“

Ein eigentlich smarter Move, aber, wie man heute weiß, zu einem hohen Preis: Verdrängungseffekte, Mietsteigerungen, keine alternativen Flächen mehr. Und einhergehend mit dem Verkauf von Berliner Liegenschaften zu einem „heute völlig lächerlichen Preis“, wie Anh-Linh Ngo sagt.  In der Ausstellung lädt Andrej Holms „Glossar der Privatisierung“ dazu ein, sich die Instrumentarien und Vorgänge, auf deren Grundlage dieser umfangreichen Verkäufe vollzogen wurden, näher anzuschauen.

Und wie viel überhaupt in Berlin in den vergangenen 30 Jahren  verkauft und privatisiert wurde, wird im n.b.k. auch erstmals etwas klarer: Man gelangt in den Ausstellungsraum über eine große Fußboden-Berlin-Karte, in der über 7.500 dieser Grundstücke verzeichnet sind, ermittelt und in mühevoller Arbeit kartiert von Florine Schüschke: „Das allein gibt uns die Grundlage, darüber nachzudenken, was diese Politik in der Stadt verursacht hat“, sagt Anh-Linh Ngo.

Gerade den künstlerisch arbeitenden Besucher*innen gibt diese Ausstellung auch einiges zum Nachdenken mit nach Hause. Sofern er oder sie noch eins hat in Berlin.

Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.) Chausseestr. 128–129, Mitte, Di–So 12–18, Do bis 20 Uhr, 12.9.–13.10.