Gesellschaft

Der neue Feminismus

Sie kämpfen für Inklusion und gegen Rassismus. Sie wollen Freiheit, Spaß – und guten Sex. Die neuen Protagonist*innen der Frauenrechtsbewegung wenden sich gegen Dogmen. Wer sie sind – und warum ihr Kampf gerade jetzt ist

Sookee, Foto: Eylul Aslan/ eylulaslan.com

Am ersten Tag meines Studiums lerne ich, dass die Welt beschissen ist. Ich sitze im Politikinstitut der Freien Universität, die Fachschaft stellt sich vor, und ich möchte wissen, wo man den besten Kaffee kriegt. Sagt mir aber niemand. Dafür erfahre ich: Diese Hochschule ist ein Ort der Unterdrückung, und wir befinden uns im Kampf gegen das Patriarchat. Dann wird die Salve abgefeuert: Machtstrukturen! Sexismus! Irgendwas mit Gender! Rums. Revolution, volle Breitseite. Ich bin irritiert, dann werde ich böse. Warum spüre ich sie nicht, diese Fesseln, von denen alle sprechen? Für wessen Rechte soll ich meine Nachmittage opfern?

Ich wuchs auf mit Frauen, die nie höflich fragten, ob sie Männerdomänen betreten dürfen. Meine alleinerziehende Mutter: mag Kettensägen und kann Höhere Mathematik. Meine Großmutter: Elektrikerin mit Hang zum Pragmatismus. Meine Tante: Ärztin. Die Cousine: Motorradfan und Businessfrau. Ich glaubte mich frei von Zwängen. Feministinnen – oder aber: Emanzen, wie man in meinem Umfeld gern sagte – stelle ich mir als verhärmte Frauen in Latzhosen vor, die nach Kernseife riechen und Fencheltee trinken. Dann kommt Rainer Brüderle und glotzt Laura Himmelreich auf die Brüste.
Es ist 2012, die Sexismus-Debatte um den FDP-Politiker Brüderle entspinnt sich, und ich beobachte, wie Deutschland überschnappt. Ein junge Journalistin, eine Frau, an deren Stelle ich mich in einigen Jahren auch befinden könnte, erlebt Unrecht – und wird dafür verspottet, dass sie es benennt. Als die Medienberaterin Anne Wizorek den Hashtag „Aufschrei“ lanciert, beginne ich, in meinem Gedächtnis zu kramen. Und ich erinnere mich: an den Mann, der mir auf offener Straße ins Gesicht schlug – weil ich herumlaufe „wie eine Schlampe“. An meinen Physiklehrer, der sagte, nun erkläre er alles nochmal ganz simpel – „für die Mädels“. An schmierige Kommentare, an Diskussionen, in denen mir Männer das Wort abschnitten.
Wie viele Rainer Brüderles habe ich getroffen?

Ich wache nicht auf und bin plötzlich – zack, peng – Feministin. Doch wird mir klar, dass ich vieles übersehen habe. Also setze ich die Feminismusbrille auf. Erst sporadisch, dann immer häufiger. Manchmal schmerzt die neue Sehschärfe, meist aber entdecke ich Entscheidendes. Zum Beispiel, dass ich – trotz allem Ärger über Macker – ziemlich gut dran bin. Nicht alle Frauen haben Eltern, die ihnen ein Studium bezahlen können. Manche von uns erleben täglich Rassismus und Ausgrenzung.
Was mich schließlich davon überzeugt, mich stolz als Feministin zu bezeichnen, sind nicht die Texte, die ich an der Universität lese. Es sind die Menschen in Berlin, die sich für Frauenrechte einsetzen. Es werden immer mehr.
Und sie sind laut.

Sookee ist eine von ihnen. An einem Februartag sitzt Nora Hantzsch, wie Sookee wirklich heißt, 33 Jahre alt, in einem Kreuzberger Hinterhofbüro. Sie ist gehüllt in Lilatöne: Violett sind die Muster, mit denen sie ihren Laptop verziert hat, violett die Tattoos auf ihren Armen, violett Pullover und Rock. Die Farbe der Frauenbewegung. Sookee ist Rapperin, ihr Beiname: „Quing of Berlin“. Ein Kunstwort, zusammengesetzt aus „Queen“ und „King“, das die Aufschneider-Rhetorik des amtlichen Hip-Hop mit Diskussionspotenzial auflädt: Kann man nur Königin oder König sein, oder gibt es Identitäten dazwischen? Feminismus ist Sookees Thema, Rap ihr Medium. In wenigen Tagen wird ihr neues Album „Mortem & Makeup“ erscheinen.
Wie ist man nun eine gute Feministin: Mit Make-Up oder ohne? Sookee winkt ab. Mode und Feminismus, Make-Up und Herrschaftskritik: Was vielen wie eine Antithese erscheint, schließt sich für sie nicht aus. „Das Problem ist doch, dass Leute ständig an Frauen und Transmenschen herantreten und bewerten, wie sie sich kleiden und schminken: zu viel, zu wenig, zu schlecht, zu billig, zu grell. Irgendwas ist immer“, sagt sie. Feminismus, so vermittelt Sookee, geht in Jogginghose genauso gut wie im Kleid.

Was sich nach Freiheit anfühlt, muss möglich sein – so ließe sich der Leitsatz moderner Feminist*innen zusammenfassen. Nackt mit Silikonbrüsten posieren wie die „Jennifer Rostock“-Sängerin Jennifer Weist: geht klar. Mit Kopftuch eine Podiumsdiskussion moderieren: auch gut. Rosafarbene „Pussyhats“ gegen Trump stricken: warum nicht? Sookee und ihre Mitstreiter*innen vermitteln, dass es nicht nur eine Art gibt, selbstbestimmt zu leben. Sondern unzählig viele.
In Berlin durchdringt Feminismus alle Lebensbereiche, von den Straßen, wo zum „Frauenkampftag“ in den letzten Jahren tausende Menschen demonstrierten, über die Universitäten bis in die Bezirksparlamente. Etwa in Friedrichshain-Kreuzberg, wo die Bezirksverordnetenversammlung über ein Verbot sexistischer Werbung diskutierte, lange bevor das Thema das Bundesjustizministerium erreichte. Film- und Musikfestivals feiern feministische Kulturschaffende, Verlage und Medien mit emanzipatorischer Agenda – wie die an die lesbische Community adressierte Zeitschrift „Libertine“ oder das Popkulturmagazin „Missy“ – sind in Berlin ansässig. Und auch Party geht politisch, etwa in Nächten im Szeneclub SchwuZ oder beim Musikfestival „Yo Sissy“, das queeren Musiker*innen ein Podium bietet.

Sookee hat ihr eigenes Genre mitbegründet. „Zeckenrap“ nennen sie und Musikerkolleg*innen ihren Hip-Hop mit linker Haltung und Rhetorik, gewillt, sich den diffamierenden Begriff „Zecke“ zurückzuerobern. In ihren Texten sinniert Sookee darüber, wie es wohl wäre, einen Penis zu haben, erzählt von Machos, die sich für Weltverbesserer halten, und von Olympe de Gouges, die als Frauenrechtlerin im 18. Jahrhundert guillotiniert wurde. „Ich fänds unanständig, kein*e Feminist*in zu sein“ steht auf ihren Merchandise-Shirts. Hip-Hop als Vehikel für feministische Inhalte: Ihre Radikalität bescherte Sookee viele Fans, brachte ihr jedoch auch den Vorwurf ein, ihre Texte seien in Soziologievorlesungen besser aufgehoben als auf der Bühne.
Ein harter Vorwurf in Zeiten, in denen man mit simplen Botschaften Präsident der USA wird. Mit ihrem neuen Album sucht Sookee deshalb Anschluss an ein breiteres Publikum außerhalb linker Szenekreise. „Ich habe an meiner Sprache gearbeitet“, sagt sie. Worte wie „Sozialisation“ und „Diskurs“ – abstrakte, theorielastige Begriffe – habe sie weitestgehend gestrichen.  „Wenn man sich in einer Debatte zu Wort meldet, kann man entweder in die Tiefe oder in die Breite gehen”, sagt sie. „Ich habe mich an der Diagonale versucht.“ Lieber als Nischenkünstlerin zu sein, wolle sie eine Einladung formulieren, statt zu dozieren, Party und Politik zusammendenken. Denn sie, die Gender Studies studiert hat, will von möglichst vielen verstanden werden. Und sie will allen Raum bieten: „Es ist wichtig, sich gegenseitig Platz zu machen“, sagt Sookee.

Solidarisch sein, auch darum geht es. Dafür wollen die neuen Feminist*innen stehen. Zu dogmatisch waren viele ihrer Vorgänger*innen, zu fixiert auf die Sichtweise weißer Frauen. Denn Diskriminierung können Menschen nicht nur erfahren, weil sie keinen Penis haben. Sondern auch, weil sie schwarz sind oder arm, eine Behinderung haben oder einen Körper, der nicht den gängigen Schönheitsstandards entspricht. Weil sie queer sind, mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, nicht leben möchten und können, oder weil sie sich weder als Frau noch als Mann definieren. Oder aber: Männer sind, die sich nicht „männlich“ verhalten mögen. Weil sie Jüd*innen oder Muslim*innen sind oder einem Beruf nachgehen, den manche anstößig finden – Stripper*in oder Sexarbeiter*in etwa.

Verschiedene Arten der Diskriminierung können miteinander verwoben sein, sich überlagern oder verstärken. Intersektioneller Feminismus: So nennt sich der Kampf an mehreren Fronten gleichzeitig. Und der impliziert, Mitstreiter*innen nicht ihren freien Willen abzusprechen, weil sie dreimal am Tag beten, Gruppen- oder gar keinen Sex haben wollen.

Lange gaben weiße Aktivist*innen vor, was man sich unter Feminismus vorzustellen hat – nun aber erobern immer mehr People of Colour das Podium. In Berlin treffen und vernetzen sich viele von ihnen. Da ist die Autorin Fatma Aydemir, die mit ihrem kürzlich erschienenen Debütroman „Ellbogen“ über eine türkeistämmige Weddingerin selbst das konservative Feuilleton aufhorchen lässt. Die Bachmann-Preisträgerin und Antirassismus-Aktivistin Sharon Dodua Otoo. Die Youtuberin Nemi El-Hassan, die in ihren Videos mit der Satiregruppe „Datteltäter“ Klischees über Muslim*innen demontiert.

Oder die Kreuzberger „Boxgirls“, ein Boxverein, der jungen Frauen – unter ihnen 50 Prozent mit Migrationshintergrund – einen Trainingsort bietet. Und für ihre Rechte eintritt: So setzten die „Boxgirls“ durch, dass die gläubige Muslima Zeina Nassar, heute dreifache Berliner Meisterin, mit ihrem Kopftuch zum Kampf antreten kann. Eine Karriere, die mit dem Vorurteil aufräumt, eine Frau mit Kopftuch könne nur unterdrückt und bemitleidenswert sein.

Wer einen modernen Feminismus vertritt, hat seine Not mit jener Frau, die in Deutschland als Gesicht der Frauenrechtsbewegung gilt: Alice Schwarzer, Gallionsfigur und verdienstvolle Kämpferin für die einen, Feindbild für die anderen. Mit ihrer Zeitschrift „Emma“ und in ihren Büchern schreibt sie seit Jahrzehnten gegen Verschleierung und Prostitution an. Ein Affront für viele Feminist*innen, die sich nicht erklären lassen wollen, was Selbstbestimmtheit zu bedeuten hat.
Ein Affront auch für Kristina. In ihrem Studio in Neukölln sitzt die 39-Jährige – Typ: Stummfilmstar – in einem Samtsessel und trinkt grünen Tee. „Sexarbeit“, sagt Kristina Marlen, „ist eine Schule für das Leben im Patriarchat.“ Auf dem Futon in der Mitte des hellen Altbauzimmers hat sie Kissen drapiert, von der Decke hängen eine Bambusstange, Seile und Ketten. Hier empfängt Kristina Marlen, Sexarbeiterin aus Berlin, ihre Klient*innen.

Kristina Marlen, Foto: Harry Schnitger

„Ich bin ein Kind des 80er-Jahre-Feminismus“, sagt Kristina Marlen. Ihre Mutter war Frauenpolitikerin, mit 13 Jahren pinnte sich Kristina Marlen Feminismus-Aufnäher an die Jacke. Pornografie lehnte sie ab, Sex ohne Liebe, so glaubte sie, kann nicht richtig sein. Heute bietet sie „Sessions“ für Einzelpersonen und Paare an – ob Frauen, Männer oder Transgender –, ist Expertin für japanische Fesselkunst, kombiniert Tantra-Methoden mit Sexpraktiken, die mit Dominanz und Unterwerfung spielen. Sie ist Prostituierte und Feministin. Eine Sexarbeiterin, die von sich sagt, alle Geschlechter, alle Körperformen und Hautfarben willkommen zu heißen. Warum entscheidet man sich aus freien Stücken dafür, Sex zu verkaufen?
Sexarbeit habe sie immer fasziniert, irgendwann probierte sie es aus – aus Neugier. Ein Durchbruch für sie, kein Trauma, keine Reue. Kristina Marlen schreibt der „Emma“ einen Brief: Hallo Frau Schwarzer, ist etwas falsch mit mir? Ich habe eine sexuelle Dienstleistung angeboten und fühle mich nicht abgewertet. Die Antwort aus der Redaktion nennt sie „nichtssagend wie herablassend.“

Kristina Marlen geht forschen. In Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“, erzählt sie, warnt Ronjas Vater das junge Mädchen: Hüte dich vor den Graugnomen, hüte dich vor dem Höllenschlund! Und Ronja geht los: Sie geht zu den Graugnomen, geht zum Höllenschlund – und hütet sich. Sie hütet sich als aktive Handlung. Ein Bild, das Kristina Marlen gefällt.
Kann eine Frau, die Sex verkauft, selbstbestimmt sein? „Seine Grenzen kennenzulernen, ist ein Teil von sexueller Selbstbestimmung“, sagt sie. „Sexualität ist Praxis – und Grenzen sind nicht einfach ,da’, sie lassen sich bewegen und verändern sich.“ Anderen wolle sie deshalb einen Forschungsraum bieten. In ihren Workshops zu Bondage, Tantra und BDSM können die Teilnehmer*innen experimentieren.  „Ein Schlüsselwort: Einvernehmlichkeit“, sagt sie.
Feminist*innen wie Kristina Marlen glauben an das Revolutionspotential von Sexarbeit und Pornografie. Als Reaktion auf Alice Schwarzers pornografiekritische „PorNo“-Kampagane aus den 80er-Jahren wird in Berlin seit 2009 jährlich der „PorYes“-Award verliehen, der Feministische Pornfilmpreis Europa. Beim Porn Film Festival zeigen Regisseur*innen aller Geschlechter verschiedenste Spielarten von Sex und Lust. Und im queeren Sexshop „Other Nature“ in Kreuzberg richtet sich das Angebot auch an Transgender-Personen.

„Es gibt keine per se frauenfeindlichen Sexpraktiken“, sagt Kristina Marlen. „Die Machtverhältnisse spiegeln sich dort, wo darüber verhandelt wird.“ Wer gern gefesselt wird, ist weder schwach noch eine schlechte Feministin. Wer sich verhauen lassen möchte, kann das tun – solange dabei vereinbarte Grenzen eingehalten werden. Die Sexarbeit, sagt Kristina Marlen, habe ihr auch dabei geholfen, mit männlichem Anspruchsdenken umzugehen.
Kristina Marlen hat ihre Berufung gefunden. Was aber ist mit Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden? „Das ist ein großes Problem“, sagt sie. Die Sexbranche sei Schauplatz sozialer Ungerechtigkeit, in der Herkunft, Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit eine Rolle spielen. Und: „Ein großer Teil der Sexindustrie ist patriarchal strukturiert. Das will weder jemand verleugnen noch verschweigen, das wäre dumm und auch schädlich.Aber die Frage ist, wie können wir das ändern? Ganz sicher nicht über Stigmatisierung und Verdrängung von Sexarbeiter*innen“, sagt Kristina Marlen.

Nicht nur symbolische, sondern auch rechtliche Anerkennung für Prostituierte fordert sie deshalb. Kristina Marlen ist Mitglied im Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen, eine der wenigen Organisationen, die Sexarbeiter*innen eine Lobby bieten. In Berlin engagiert sich auch der Verein Hydra e.V. für die Rechte von Kristina Marlen und ihren Kolleg*innen. „Verbote oder Repressionen wirken sich immer negativ für Sexarbeiter*innen aus“, sagt sie. Überhaupt: Wo Tabus seien, werde es Sprechverbote geben. „Und die braucht kein Mensch. Erst recht nicht in einer Befreiungsbewegung.“
Eine Bewegung schaffen, Frauen vernetzen: Betrachtet man, wie divers die Kämpfe feministischer Aktivist*innen sind, klingt das nahezu unmöglich. Anne Wizorek, beteiligt an Twitter-Kampagnen wie #Aufschrei und  #Ausnahmslos, versucht es dennoch: Inspiriert von den großen Protesten gegen die Abtreibungsgesetze in Polen und dem „Women’s March“ in den USA, hat Wizorek Ende Februar eine neue Webseite lanciert. Das „Feministische Netzwerk“ soll Aktivist*innen helfen, sich besser zu organisieren. Vernetzung statt Spaltung, Solidarität und Debattenkultur statt Grabenkämpfe, das fordern sowohl Wizorek als auch Sookee und Kristina Marlen.

Denn der Druck von außen ist groß. Immer wieder sehen sich Feminist*innen mit dem Vorwurf konfrontiert, Klientelpolitik zu betreiben. Mit der Kritik, ihre „Lieblingsminderheit“ vertreten zu wollen – und sich dabei in Egoismus zu verrennen.
Der moderne Feminismus, mit seinen Widersprüchen, seinem Willen zur Ambivalenz, steht vor einer Herausforderung: Wie kann er es schaffen, in die Mitte der Gesellschaft zu drängen, ohne seine Schlagkraft zu verlieren? Wie auch Männer davon überzeugen, dass Frauenrechte ihr Leben schöner machen – weil eine schablonenhafte Weltsicht auch die Möglichkeiten von Männern mindert?

Im Waschhaus in Potsdam sind die Scheinwerfer auf die Lesebühne gerichtet. Vor einem roten Samtvorhang sitzt Margarete Stokowski und liest aus ihrem ersten Buch  „Untenrum frei“, erschienen im letzten September.
Ein Sachbuch, das Freiheit verhandelt: Freiheit im Privaten, Freiheit im Politischen. Und das zum Fazit kommt, dass beides nicht zu trennen ist. In Buchhandlungen finde sie es stets in unterschiedlichen Regalen, erzählt Stokowski ihren Gästen: Mal in der Philosophie-Sektion, mal unter „Esoterik und Lebenshilfe“. Ein feministisches Bekenntnis, drapiert zwischen „Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte“ und  „Die ersten 100 Tage mit meinem Baby”.

Margarete Stokowski

Stokowski, 30 Jahre alt, Autorin für Medien wie „Spiegel Online“ und „taz“, ist ein Star des neuen Feminismus. Das deutsche Pendant zur Britin Laurie Penny.  Schon im Oktober hatte Stokowski in Berlin in einem ausverkauften Saal gelesen, im Februar erneut auf Lesetour Halt in der Hauptstadt gemacht, nun besucht sie Potsdam. Wenn sie nach der Lesung Bücher signiert, sieht sie aus wie jemand, für den man eine Überraschungsparty gegeben hat: gut gelaunt, aber leicht verunsichert, ob ihr der Trubel zusagen soll. Eine Lichtgestalt, die ihre Mitstreiter*innen nicht überstrahlen möchte.

Ein Mann erzählt, er habe durch Zufall gelesen, dass die Lesung heute stattfindet. „Untenrum frei“, das habe spannend geklungen, und tatsächlich: „Super Passagen dabei!“, sagt er. Ein Mittvierziger mit starkem Berliner Dialekt wird Stokowski später sagen, er habe sie neulich im Radio gehört und toll gefunden. Vor der Ornamenttapete im Waschhaus findet zusammen, wer sonst selten übereinkommt: Gäste mit asymmetrischen Frisuren und Piercings, Gäste mit grauen Haaren. Frauen, die im Publikumsgespräch Simone de Beauvoir zitieren, und Zufallsbesucher*innen.

In Zeiten, in denen rechte Populist*innen Frauenhass schüren, ist Stokowski die Fürsprecherin eines Feminismus, der alle meint, ohne sich gemein zu machen. Die ihrem Publikum rät, eine „Poesie des Fuck you“ zu entwickeln. Die klare Worte für Sperriges findet, Leonard Cohen mit der gleichen Selbstverständlichkeit zitiert wie Susan Sontag.

Doch auch sie spürt den Gegenwind, der Femi-nist*innen noch immer entgegenweht: Für ihre Kolumne auf „Spiegel Online“ bekommt sie wöchentlich wütende Kommentare, oft auch Hassmails. Wie wahrt man trotz aller Widrigkeiten, trotz „Hate Speech“ und rechtem Backlash, die Zuversicht? „Momentan kann man wirklich die Hoffnung verlieren“, sagt Stokowski am Ende des Abends.

Sie aber halte sich gern an die Essayistin Rebecca Solnit, die einmal sagte, man solle sich Emanzipation nicht wie eine Straße vorstellen, auf der man vorwärts oder rückwärts schreitet – „sondern lieber wie einen Flaschengeist: Einmal freigelassen, kann man eine gute Idee nicht wieder einfangen.“ Auch wenn sich noch so viele Reaktionäre bemühen, das Rad zurückzudrehen. ◆

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