Queer Mystery

„Der Ornithologe“ im Kino

In „Der Ornithologe“ verkuppelt der schwule Autorenfilmer João Pedro Rodrigues den Survival Trip eines ­Vogelkundlers mit der Geschichte des Heiligen Antonius von Padua

Foto: Salzgeber

Zunächst könnte die Idylle nicht idealer sein. Ein Vogelkundler auf Exkursion hat einen göttlichen Flecken gefunden: ein unberührtes Flussufer in der Wildnis Nordportugals. Er beobachtet seltene Schwarzstörche, die friedlich im Schilf brüten. Dass die Mobilverbindung des Naturfans wackelt und sein Partner am anderen Ende der Verbindung kaum zu verstehen ist, verstärkt noch die Romantik des Alleinseins mit der Natur. Der französische Schauspieler Paul Hamy verkörpert Fernando, dem Filmemacher João Pedro Rodrigues in seinem fünften Kinofilm autobiografische Züge verleiht. Auch der Autorenfilmer war einst Vogelkundler, vor seiner Filmlaufbahn ­studierte er Biologie.

Sein Film wechselt jedoch bald die Richtung und wird dies im Lauf der Spieldauer noch einige Male auf wundersame Weise tun. Ein Kanu-Unfall beendet den meditativen Erzählduktus: Einen Moment zu lang hat Fernando durchs Fernglas in den Himmel geblickt, da übersieht er eine Stromschnelle und kentert. Zwei charmante Retterinnen finden ihn – chinesische Touristinnen auf ihrer Wanderung des Jakobswegs –, doch erweist sich das Duo schnell als lebens­gefährlich: Kaum reanimiert, findet sich der Gestrandete als Gefangener wieder, und das Getuschel aus dem Zelt der Pilgerinnen ­verheißt nichts Gutes.

Hier noch mutet „Der Ornithologe“ an wie das Überlebens-Abenteuer eines Einzelkämpfers; Paul Hamy, dessen virile Physis von der Kamera Rui Poças geliebt wird, ­könnte einen ähnlichen Verzweifelten geben wie jüngst Robert Redford im Seglerdrama „All is Lost“. Je tiefer die Odyssee aber durch Wald und Lichtungen führt, desto mystischer – und belebter – wird die Umgebung. Spuren religiöser Rituale sind zu entdecken, Fundstücke der eigenen Habseligkeiten tauchen auf: das zerbrochene Boot hier, ein Personalausweis dort, mit ausgebrannten Löchern an der Stelle der Augen.

Spätestens wenn Hamys Fernando auf ­einen Schäfer namens Jesus trifft, tritt der religiöse Subtext der Geschichte klar zu Tage. Es wird ums Sterben gehen und ums Wiederaufstehen; Fernando wird auf ­fabelhafte Amazonen treffen und plötzlich als „Antonius“ angesprochen, auch eine Art Predigt zu Fischen hat in Rodrigues’ kunstvollem Zitategewebe Platz – wohl die bekannteste Anekdote aus dem Leben des Tierkenners Antonius, Portugals Landesheiliger. All dies lädt der Filmautor mit schwelender ­schwuler Sexualität auf und findet dafür Bilder wie aus der klassischen Gemäldegalerie: sei es die Bondage-mäßige Fesselung Fernandos nach Art des heiligen Sebastians oder der spontane Sex am Strand mit – so unheilig darf es schon sein – Jesus.

So fantastisch erzählt, so persönlich ist die Selbst­sucher-Geschichte des Lissaboner Filmemachers. „Ich war ja selbst Ornithologe, und in gewissem Sinne folge ich mit diesem Film dem Weg, den ich nicht weitergegangen bin: als Naturkundler“, sagt er. Der Wunsch, einen Film erstmals vollständig in freier Natur zu drehen, habe am Anfang des Projekts gestanden, erzählt Rodrigues, der damit die gewohnte städtische Umgebung seiner ­vorigen Filme („O Fantasma“, 2000, „To Die Like a Man“, 2009) hinter sich lässt. Die allegorische Heiligengeschichte – Fernandos Irrfahrt mündet in seiner Verwandlung in Antonius von Padua – sei erst später hinzugekommen.

Auch die Figur des Antonius, Schutzpatron der Reisenden und Schiffbrüchigen, hat eine persönliche Bedeutung: „In meiner Kindheit während der Diktatur hat die katho­lische Religion das Leben sehr geprägt, ganz unabhängig davon, ob du gläubig warst oder nicht. Ich bin nicht religiös, meine Eltern hatten eher einen wissenschaftlichen Hinter­grund. Dennoch hat mich die Figur des Antonius geprägt und fasziniert“, sagt der 50-Jährige. Insbesondere dessen Verbundenheit mit der Natur: „Antonius war vielleicht der erste Ökologe, den es je gab.“

Was auf dem Papier so klingt wie ein verkopfter ­Referenzen-Exzess mit Bauteilen aus Heiligenmythologie, Malerei, Eros und Filmhistorie – an einen ­„Western nach Art Pasolinis“ habe er gedacht – fügt sich bei ­Rodrigues mit erstaunlicher Leichtigkeit zusammen. Mit­reißend ist von Anbeginn seine Erzähllust und sein Sinn für oft ­absurden Humor, angefangen mit den ­listigen ­Chinesinnen auf Abwegen über die faunenhaften Freaks, die am Flussufer Orgien im Antike-Stil feiern bis zum ­unerwarteten Ende, welches Fernando alias Antonius konsequenterweise nach Padua führen wird. Es scheint unmöglich, alle unterwegs gestreuten Symbole zu ­entschlüsseln und die Rätsel zu knacken. Doch genau darin steckt der Witz von Rodrigues’ seltsamer Heiligenwelt, die letzten Endes vor allem eines ist: ein radikal subjektives Selbstporträt.

O Ornitólogo (OT) P 2016, 118 Min., R: João Pedro Rodrigues, D: Paul Hamy, Xelo Cagiao, João Pedro Rodrigues, Start: 13.7.