Theater und Bühne in Berlin

„Der perfekte Tag“ von Renй Pollesch

Tanz den Nachlass von Pina Bauch: Die Volksbühne zeigt "Der perfekte Tag" von René Pollesch Open Air in Pankow.

Der pefekte Tag

Die Open-Air-Bühne in Pankow ist schon mal sehr gut. Ein Stück Brachland im Norden Berlins, Zirkuswagen, eine kleine Arena samt Bar, eine Leinwand, die üblichen weißen Plastikstühle und weit in der Tiefe des Geländes ein paar Elemente der ersten beiden Teile von Renй Polleschs „Ruhrtrilogie“, die sein neues Stück „Der perfekte Tag“ nach der Uraufführung in Mühlheim jetzt abschließt. Aber das Beste an Bert Neumanns Bühnenbild ist das Gelände selbst: In der Ferne ein paar Mietskasernen, links fahren S-Bahnen und Regionalexpress-Züge durch die Nacht, rechts sieht man ab und zu die Lichter einer nahen Strasse, und den Himmel zerpflügen mit schöner Regelmäßigkeit startende Flugzeuge – das Gelände liegt direkt in der Einflugschneise. Besser hätte es Bert Neumann, der seine Bühnenbilder ja gerne mit real existierenden Produktwelten und Ready Mades aus der industriellen Fertigung vollrümpelt, nicht treffen können. Es ist ein an Tristesse schwer zu überbietendes Gelände, das immerhin den Vorteil hat, unmissverständlich klarzumachen, dass die Theaterleute mit ihren bunten Lichtern gegen die Ödnis am Stadtrand keine Chance haben. Um so bewundernswerter ist das Karacho, mit dem Fabian Hinrichs, der den Zwei-Stunden-Abend weitgehend alleine bestreitet, mehr oder weniger nackt über die kleinen Bühnen tobt, quer durchs Gelände oder zwischen den Zuschauerreihen rennt und gerne auch mal reitet, immer verfolgt von einem durchtrainierten jungen Mann mit Mikrofon-Angel.
Der pefekte TagHinrichs tänzelt mit enormer Leichtigkeit und Wachheit durch Renй Polleschs mäandernden Gedankengänge und wirkt noch bei den vertrackteren Theorie-Pirouetten seltsam unschuldig, so als sei ihm der Gedanke gerade erst gekommen, zum Beispiel, dass die Liebe und die Vorstellungen über Männer und Frauen auch nur eine Erfindung sind: „Der Dildo. Der Dildo. Dildo. Jetzt haben Sie wieder nur Dildo gehört, und nicht, dass Mann und Frau von mir als Erfindung markiert werden.“ Das ist einer der Gedanken, der den Abend durchzieht: Wenn Liebe nur eine Konstruktion ist, kann man den Zwang, authentisch sein zu müssen, ja mal hinter sich lassen – und sich darüber freuen, dass der andere, einfach um nett zu sein, Liebeserklärungen macht, die zwar nicht wörtlich stimmen, aber immerhin: Er macht sich die Mühe, zu lügen… Und wenn es ohnehin keine „Wahrheit“ gibt, ist mehr ja vielleicht auch nicht zu erwarten. Zumindest wenn Fabian Hinrichs das erklärt und dann dem buddhagleich in sich ruhenden Volker Spengler seine Theorie anhand eines Zarah-Leander-Klassikers („Wer wird denn aus Liebe weinen…“) ausführt, klingt das absolut einleuchtend. Sozusagen die Erweiterung des Theaters ins Leben, schließlich ist das Spiel mit Lügen, Verstellungen, behaupteten und erfundenen, gänzlich fiktiven „Wahrheiten“ die offen ausgestellte Voraussetzung, Geschäftsgrundlage und Grundverabredung des Theaters: Der Ort, an dem mit lauter Lügen verschiedene Varianten von „Wirklichkeit“ (was immer das ist) durchgespielt werden. Uff.
Der pefekte TagDas klingt trocken? Das würde dem Abend unrecht tun. Er ist, bei allem Jonglieren mit den großen, harten Theorie-Brocken, vor allem lustig, gut gelaunt und fröhlich überdreht – zum Beispiel wenn Hinrichs kurz Gesten wie aus einer alten Ausdruckstanz-Aufführung zitiert und feierlich erkärt, hier werde jetzt der Nachlass von Pina Bausch zur Aufführung kommen – mindestens bis Sonnenaufgang, aber das wäre dann erst der erste Akt. Oder wenn er zum Einstieg die hundert wichtigsten Erfindungen der Menschheit liebevoll aufzählt, vom Faustkeil bis zum Laser. Die 101. wichtige Erfindung ist dann, kleiner Scherz für die Freunde der Selbstreferenz: „Der perfekte Tag.“
Das einzig Ärgerliche an dieser tollen Inszenierung ist die Fahrlässigkeit, mit der konfus zusammengereimter Unsinn und Viertelwahrheiten über die Schreibkrise und den Tod des Schriftstellers Uwe Johnson in Folge von Liebeskummer dahergeredet werden: So wird die Lebenstragödie eines großen Schriftstellers zur Pointe geschrumpft. Das ist unnötig und, zumindest für Leser Uwe Johnsons, ziemlich unangenehm.

Der pefekte Tag

Text: Peter Laudenbach

tip-Bewertung: Sehenswert

Cinecittб Aperta, Do 8.7., 21.30 Uhr
Der perfekte Tag, Fr 9.7., 21.30Uhr
Die perfekte Nacht – Ruhrtrilogie, Sa 10.7., 21 Uhr

Open Air in Pankow auf dem ehemaligen Gelände des Güterbahnhofs, Eingang Granitzstraße zwischen Gemündener und Karlstadter Straße, U-Bahnhof Pankow, Karten-Tel. 240 65 777

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