Abfallwirtschaft

Der Plastikfluch – Wie Berlin mit dem Müllproblem umgeht

Verpackungen aus Einwegplastik verfolgen uns in allen Lebenslagen. Wenn wir nicht in einem Meer von Kunststoffen versinken wollen, müssen wir radikal umdenken. In Berlin gibt es dazu viel versprechende Ansätze

Bis vor kurzem empfand Thilo Steinfeld* seine Parzelle in einer Pankower Kleingartenkolonie als das perfekte Gegenstück zum Großstadtleben mit all dem Lärm, den Abgasen und dem vielen Müll. In seinem grünen Refugium bezieht Steinfeld seinen Strom aus Solarzellen, er sammelt Regenwasser und nutzt es zur Bewässerung, außerdem baut der 48-Jährige ausschließlich giftfreies Bio-Obst und -gemüse an. Dass er zum gezielten Düngen keine Blumenerde mit Torf verwendet – sie sorgt für den klimaschädlichen Abbau Jahrtausende alter Moore –, sondern ausschließlich Qualitäten, die aus kompostierten Bioabfällen erzeugt wurden, dürfte sich da von selbst verstehen.

Umso größer der Schock – und die Desillusionierung – , als Steinfeld ausgerechnet in seiner Oase auf die harten Realitäten des 21. Jahrhunderts stieß. Es passierte beim Umtopfen junger Gemüsepflanzen, als ihm aus der Blumenerde-Packung nicht nur dunkles, duftendes Substrat entgegenrieselte, sondern sich darunter auch kleinste, blaue Plastiktütenteilchen, zentimeterkurze zerfaserte Polypropylen-Schnurstückchen und ein paar Schnipsel Verbundfolie befanden, wie sie bei den Getränkepackungen etwa der Marke Capri Sonne zur Anwendung kommen.

Die jährlich 618 Kilogramm Müll, die jeder Deutsche laut einer EU-Statistik von 2014 pro Jahr erzeugt – darunter, wie das Umweltbundesamt kürzlich berichtete, europameisterschaftliche 220 Kilogramm Verpackungsmüll (zum Vergleich: Österreich erzeugt pro Person/ Jahr 150 Kilo Verpackungsmüll, Kroatien 48 Kilo) – beginnen, uns in alle Lebensbereiche zu verfolgen. Denn auch beim selbst ernannten Mülltrennungsweltmeister Deutschland wird längst nicht jeder Abfall so sorgfältig sortiert, entsorgt, recycelt und die so entstandenen, sortenreinen Stoffe einer neuen Nutzung zugeführt, wie wir das selber gerne glauben möchten. Zu sehen ist das in Berlin beispielsweise entlang des Landwehrkanals, wo Entspannung suchende Hauptstädter sowie Touristen Kaffeebecher, Glas- und Plastikflaschen oder Pizzakartons achtlos liegen lassen. Oder im wuseligen Schillerkiez in Neukölln, der täglich aufs Neue mit Zigarettenkippen, Einwegtellern aus Plastik und Styropor, Bierdosen, Papierservietten oder Essensresten übersät wird. Und natürlich auch bei den Abfalltonnenanlagen der Berliner Mietshäuser, wo der Müll zunehmend nachlässig getrennt eingeworfen wird und außerdem die Container bereits kurz nach der Leerung so hoffnungslos überquellen, dass die Mieter ihre Abfalltüten eben stoisch daneben stellen.

Selbst die Flucht in scheinbar heilere Gefilde, in vermeintlich paradiesische Feriendestinationen, garantiert keinen Urlaub vom Zivilisationsmüll. Das berichten reichlich zerknirscht in diesen Tagen viele Reiserückkehrer: Das „Strandgut“ auf Sardinien seien da weniger hübsche Muschel- und ausgeblichene Holzstücke als vielmehr rund geschliffene Hartplastikteile in allen Farben gewesen. Und in den Baumkronen marokkanischer Arganbäume sähe man eben nicht nur geschickte Ziegen klettern. Es flattern dort auch unzählige Fetzen hauchdünner, schwarzer Plastiktüten, in die auf den legendären Basaren in Essaouira oder Marrakesch so ziemlich alles und jedes eingepackt wird.

Plastikmüll am Strand. Foto: Harry Schnitger

Andernorts haben sich auf den Trampelpfaden von tropischen Naturparks Unmengen von PET-Flaschen und Plastiktüten tief eingetreten oder verstopfen volle Windeln, dünne Kunststoffbecher oder zerbrochenes Plastikbesteck die offen liegende Kanalisation. Weitgehend bestehen diese Störobjekte aus Kunststoffmaterialien, die 450 Jahre – und länger – brauchen, bis sie zerfallen. Zu was eigentlich? Zu noch mikrokleinerem Mikroplastik?

Mit Zero Waste gegen Vermüllung

Es war ein gemeinsam mit Freunden zubereitetes Essen, so erzählte die Berlinerin Milena Glimbovski, 28, einmal bei einem Gespräch vor Publikum im Prinzessinnengarten, als der Kochrunde mit einem Schlag die aktuelle Müllproblematik gewahr wurde. „Wir hatten alle Zutaten aus den Tüten, Folien und Dosen ausgepackt, als uns klar wurde, dass der Berg an leeren Verpackungen größer war, als die Anhäufung an Gemüse, Gewürzen oder Beilagen.“ Der Schreckensmoment wurde zur Initialzündung, einen Supermarkt gründen zu wollen, der komplett ohne Einwegverpackungen auskommen sollte. Ein sehr erfolgreiches Crowdfunding später, bei dem rund 4.000 Menschen über 108.000 Euro aufbrachten, eröffnete Glimbovski im September 2014 auf der Wiener Straße in Kreuzberg ihr Geschäft „Original Unverpackt“, einen der ersten Läden dieser Art in Deutschland.

Aus großen Spendern zu entnehmen sind dort vor allem „trockene Lebensmittel“ wie Nudeln, Reis, Haferflocken, Nüsse oder Hülsenfrüchte, darüber hinaus Marmeladen, Honig und Körperpflege- sowie Haushaltsreinigungsmittel. Das alles zum Selberabfüllen in mitgebrachte oder vor Ort gekaufte Mehrweggefäße beziehungsweise -stoffbeutel. 600 unterschiedliche Produkte hält Original Unverpackt lose bereit.

Tatsächlich beweisen einige wenige hartgesottene Anhänger*innen der Zero-Waste-Bewegung („Zero Waste“ = „kein Verlust“ bzw. „kein Abfall“), dass ein Leben – fast – ohne Müll möglich ist. Brot kaufen sie beim traditionellen Bäcker und lassen es sich in eigene Stoffbeutel packen. Kaffee erwerben Zero-Wastler in kleinen Röstereien, etwa Ridders Rösterei in Friedenau, wo die aromatischen Bohnen in mitgebrachte Behältnisse abgefüllt werden. Obst und Gemüse kommt vom Markt und gleitet dort von der Waagschale ohne Umwege in mitgeführte Einkaufsnetze oder Frischhaltedosen. Waschmittel für die Kleidung wird aus geraspelter Kernseife, Natron oder Waschsoda selbst zusammengerührt. Und Hygiene-Utensilien wie Monatsbinden werden aus Moltontuch und Baumwollstoff als vielfach waschbare und wiederverwendbare Alternative auf der heimischen Nähmaschine genäht. Falls nicht ohnehin eine auswaschbare Menstruationstasse zum Einsatz kommt. Internetseiten wie Zero Waste Berlin (Facebook), smarticular.net oder remap-berlin.de vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Berlin e.V., warten jedenfalls mit jeder Menge Ideen und Anleitungen für einen müllarmen Alltag auf.

Wirklich Wahlfreiheit?

Das überschwänglichste Lob ernten diese Müllvermeider aber ausgerechnet von Dr. Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer des Kunststofferzeugerverbandes Plastics Europe, einer Lobbyorganisation mit Sitz in Frankfurt am Main, Brüssel, London, Mailand und Paris. In einer Sendung der Reihe „Hart aber Fair“ vom 12. März 2018, in der die zuvor im selben Sender gezeigte BBC-Folge „Der blaue Planet. Auf hoher See“ und die darin dokumentierte Plastikvermüllung der Weltmeere diskutiert wurde, pries Baunemann die von Kerstin Mommsen, einem Studiogast, geschilderte „Plastikdiät“ geradezu euphorisch: „Ich bin begeistert“, jubelte der Lobbyist. Und erläuterte, dass man nicht immer gleich Strafsteuern erlassen müsse, wo doch mündige Verbraucher sich selber für oder gegen Plastik verpackungen entscheiden könnten.

Herr Baunemann weiß, dass er sich getrost zurücklehnen darf. Einbußen beim Verkauf von Kunststoffverpackungen haben die Mitglieder seines Verbandes wegen ein paar Hanseln mündiger Verbraucher, die verpackungsfrei einkaufen, in absehbarer Zeit nicht zu befürchten. Denn die Auswahl zwischen verpackten und unverpackten Lebensmitteln ist selbst in einer Großstadt wie Berlin sehr eingeschränkt. Laut Svenja Fritz, Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, gibt es in der Hauptstadt zwar über 6.600 Läden, in denen im Hauptsortiment Lebensmittel verkauft werden (also Bäckereien, Spätis, Supermärkte, Discounter, Bio-Märkte, Getränkemärkte oder auch Feinkostläden). Davon seien aber nur rund 60 Bio-Supermärkte gegenüber 400 konventionellen Supermärkten und rund 600 Lebensmittel-Discountern wie Lidl oder Aldi. Die Anzahl der Berliner Wochenmärkte – häufig sind diese nur einmal wöchentlich wenige Stunden geöffnet – schätzt man bei der Senatsverwaltung für Wirtschaft auf „insgesamt 27 öffentliche und 88 private Wochenmärkte“ ein. Kein Wunder, dass gestresste berufstätige Berliner, zumal solche mit kostspieligen Kindern, lieber schnell im riesigen Supermarkt nebenan shoppen gehen. Da kriegt man ohne Umwege nicht nur weitgehend alles für den täglichen Bedarf. Auch die Preise sind vergleichsweise günstig. Und dass bei Öffnungszeiten, die oft bis 22 Uhr und länger gehen.

Sogar Obst und Gemüse sind ­vorverpackt

Wer in diesen Supermärkten und Discountern jedoch nach unverpackter oder wenigstens in Mehrwegbehältnissen angebotene Ware sucht, geht, bis auf Ausnahmen, leer aus. Ob Wurst und Käse, Reis und Nudeln oder Brot: Alles ist in Plastik eingetütet oder eingeschweißt beziehungsweise in Einwegschraubgläsern und Konservendosen abgefüllt. Sogar die Brötchentüten für die Selbstentnahme (oft mit Plastikhandschuhen!) von Backware sind nicht kunststofffrei: Mit ihren transparenten Sichtfeldern für die Abrechnung an der Kasse gehören diese Tüten später weder in die Papier- noch in die gelbe, sondern, so man sie nicht mühevoll in ihre Bestandteile zerlegt, in die Restmülltonne. Und auch Obst und Gemüse, das eigentlich weitgehend durch seine natürlich gewachsenen Schalen geschützt ist, bekommt im konventionellen Supermarkt noch eine Extrahülle aus Kunststoff verpasst: Zwei Drittel des verkauften Obstes und Gemüses, das hat die Verbraucherzentrale Hamburg ausgerechnet, sind inzwischen vorverpackt. Angesichts bundesweit marktbeherrschender Lebensmittelhändler wie Rewe, Edeka, Lidl oder Aldi dürfte die Situation in Berlin kaum anders sein: PET-Becher für Cocktailtomaten, Plastiktüten für Möhren, Kunststoffschalen für Weintrauben, Heidelbeeren oder Pfirsiche sind die Regel, nicht die Ausnahme. Abstruserweise vor allem dann, wenn – wie bei der inzwischen legendären „kondomisierten“ Salatgurke – das Obst oder Gemüse in Bioqualität daher kommt.

Auch die Drogerie- und Bio-Supermärkte, die in den dort ausliegenden Kundenzeitschriften wie „alverde“ (dm) oder „Schrot&Korn“ (diverse Biomärkte) gebetsmühlenartig einen nachhaltigen Lebensstil preisen, unterscheiden sich in ihrer Verpackungswut kaum von konventionellen Supermärkten beziehungsweise treiben, wie Drogeriemärkte, den Verhüllungs- und Vermüllungswahn oft zusätzlich auf die Spitze. Cremes kommen dort nicht nur in Einweg-Plastiktuben und -tiegeln daher. Häufig sind diese auch noch von „wertigen“ Faltschachteln ummantelt. Flüssige Reinigungsmittel stecken zudem in dickwandigen Plastikflaschen, oft mit aufwendigen Pumpen und Verschlüssen, die nach Gebrauch weder zurückgegeben noch neu aufgefüllt werden können, sondern nur noch ein Fall für die Tonne sind. Gleiches gilt auch für das wachsende Angebot an Lebensmitteln in den Drogeriemärkten. Das 100 Prozent reine Kokoswasser, das es hier – natürlich in Bio-Qualität! – gibt, steckt in einem Einweg-Tetrapak, also einem besonders kompliziert zu entsorgenden Verbundstoff, der unter anderem aus Kunststoff, Pappe und Aluminium besteht. Dabei war die kalorienarme und mineralstoffreiche gesunde Flüssigkeit in ihrem tausende Kilometer entfernten, südlichen Herkunftsland bereits perfekt, keimfrei und komplett bestens kompostierbar verpackt gewesen: in der jungen Kokosnuss, mit der sie geerntet wurde.

Wer seine Waren des täglichen Bedarfs dann zudem lieber online kauft – so, wie es immer mehr Menschen tun –, toppt das Problem mit weiteren, materialintensiven Umverpackungen. Plus zusätzlichem, stoßdämpfendem Füllmaterial, gerne aus Styropor, damit der kostbare Sendungsinhalt auf dem Transportweg keinen Schaden nimmt.

Wohin mit den ganzen Abfällen?

Konfrontiert man den Handel mit dieser Verpackungsflut, wie es beispielsweise die BUNDjugend Berlin seit einiger Zeit praktiziert, indem sie mit meist einem Dutzend Menschen flashmob-artig Supermärkte zum gemeinsamen Einkauf stürmt, dann aber alle Verpackungen im Laden zurücklässt, oder, wie es die Autorin dieser Zeilen als entnervte Verbraucherin mehrmals tat, an Konzernleitungen volle Kisten mit deren Plastikverpackungsmüll in die edlen Entscheiderbüros „zurückgeschickt“, dann erhält man von den jeweiligen PR-Abteilungen überfreundliche Schreiben. „Wir widmen uns seit Langem intensiv dem Thema Verpackungsreduktion und haben deswegen bereits 2017 die Standard-Plastiktüte abgeschafft“, heißt es etwa bei Lidl. „Bereits heute vermarkten wir einige unserer Obst- und Gemüseartikel ohne Verpackung“, lobt sich sich Aldi-Nord für Banalitäten. Und beim dm-Drogeriemarkt heißt es: „Um die leeren Verpackungen schnell und einfach in den Recycling-Kreislauf zurückzuführen, können unsere Kunden seit 2001 Verpackungen, Batterien und Energiesparlampen direkt in den dm-Märkten an unseren Recycling-Boxen zurückgeben.“

Bio-Dessert nach dem Verzehr

Danke, dm, dass ihr euch an die Gesetze zur Rücknahmepflicht von Batterien oder Sondermüll wie Energiesparlampen haltet!
Auf die Bitte der Kistenabsenderin, doch endlich flächendeckend Pfandsysteme und Mehrweg-Behältnisse einzuführen, gingen die Antwortschreiber nicht ein. Statt der bösen Worte „Mehrweg“ und „Pfand“ wurde von „gelben Tonnen“ und „Wertstoffkreisläufen“ fabuliert. „Wir streben an, unsere Kunststoffverpackungen 100 Prozent recyclingfähig zu machen“, heißt es etwa bei Aldi-Nord.

Fallstrick Faktor Mensch

Das ist natürlich ein lobenswertes Vorhaben. Nur leider hapert es bei den angesprochenen Wertstoffkreisläufen, dem 1991 durch die damals in Kraft getretene Verpackungsverordnung und dem daraus entstandenen dualen System mit seinen unterschiedlichen Abfalltonnen, ganz gewaltig. Am grünen Tisch mag das Konzept vor über einem Vierteljahrhundert zwar perfekt erschienen sein. Allein: Der Faktor Mensch wurde nicht berücksichtigt. Bis heute wird von Verbrauchern nicht wirklich verstanden, dass für die gelbe Tonne Kunststoff nicht gleich Kunststoff und Metall nicht gleich Metall ist – sondern nur lizensierte, entsprechende Verpackungsabfälle gemeint sind. Außerdem fehlen vielen Bürgern, vor allem solchen ohne Eigenheim, spürbare Gratifikationen, sich beim Mülltrennen echte Mühe zu geben. „Für viele Menschen ist es kein zentrales Thema, wie Müll zu trennen ist“, musste auch Sabine Thümler, Pressesprecherin bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) erst lernen.

In Berlin merkt man das vor allem am Inhalt der Hausmüll- beziehungsweise Restmülltonnen. 9,1 Prozent der Inhaltsstoffe sind Papier und Pappe, hat die BSR 2014 bei ihrer letzten großen Hausmüllanalyse festgestellt. 6,9 Prozent ist Glas, 7,4 Prozent sind Kunststoffe, 3,2 Prozent Textilien – und sagenhafte 45,7 Prozent sind organische Abfälle. Alles sogenannte Fehlwürfe, die, richtig sortiert, eigentlich alle recycelt werden könnten. Und deshalb in die Papiertonne, den Glas- bzw. Textil-Container, die Wertstoff- und vor allem in die Biotonne gehören. Und die nun, statt in den beschworenen „Wertstoffkreisläufen“ neu aufgearbeitet zu werden, komplett in Müllverbrennungsanlagen verfeuert werden. Zwar wird die daraus entstandene Energie zur Stromerzeugung oder für Fernwärmesysteme genutzt. Die verbliebenen Schlacken indes taugen allenfalls noch für den Straßenbau – oder landen, da ein Teil davon hochgiftig ist, in unterirdischen Bergwerksendlagern.

Besonders tragisch ist diese Verschwendung für organische Abfälle. Als einzige Abfallart kann Biomüll nicht nur technisch relativ simpel, sondern auch zu 100 Prozent aufgearbeitet werden. Das beim Gärungsprozess in den Kompostierungsanlagen entstehende Methangas beispielsweise werde ins Gasnetz eingespeist, sagt Sabine Thümler. Außerdem würden damit die 140 gasbetriebenen Müllfahrzeuge der BSR klimaneutral mit Kraftstoff versorgt. Und die festen Rückstände des Gärungsprozesses seien allerbester Kompost, mit dem man Böden natürlich verbessern könne. Damit das in Zukunft viel öfter passiert, wird in Berlin ab 2019 die Aufstellung von Biotonnen obligatorisch. Auch wenn bei bereits bestehenden Biotonnen Fehlwürfe ebenfalls zum Alltag gehören: Küchenabfälle landen mitsamt von Kunststoffbeuteln und Alufolie darin. Und der grüne Gartenbast, mit dem ein Blumenstrauß umwickelt war, ist tatsächlich aus Polypropylen, wird aber trotzdem mit der verblühten Flora in der braunen Tonne entsorgt. Zwar würden Siebtrommeln die meisten Fehlwürfe herausfiltern, so Thümler. Bis zu fünf Prozent „Störstoffe“ blieben in der organischen Masse jedoch enthalten. Der Pankower Kleingärtner Thilo Steinfeld kann ein traurig‘ Lied von diesem Missstand singen.

Was ist dran am „China-Skandal“?

Fehlwürfe verunreinigen jedoch auch die gelben Tonnen/Säcke nicht unerheblich, deren Inhalte in Berlin zu 85 Prozent von der privaten Alba Group entsorgt werden. Darin fänden sich „rund 16 Prozent Metalle, 50 Prozent Kunststoffe, 10 Prozent Papier/Pappe und Getränkekartons sowie rund 24 Prozent Fehlwürfe, die ebenfalls einer Verwertung zugeführt werden“, schreibt Susanne Jagenberg, Sprecherin der Alba Group, auf tip-Anfrage.
High-Tech-Geräte, bei denen etwa mit Hilfe von Magneten, Gebläsen oder Infrarotstrahlen die unterschiedlichen Materialarten erkannt und möglichst sortenrein voneinander getrennt werden, stoßen in den Recyclinganlagen jedoch an ihre Grenzen: Wirft man etwa den entleerten „Classic Tiramisu“-Kunststoffbecher, ein Bioprodukt der Weißenhorner Milch Manufaktur, mitsamt seiner Pappummantelung und dem angeklebten Aludeckel in die gelbe Tonne, stehen die Sortiermaschinen später vor einem Rätsel: Ist das Pappe, Kunststoff, Metall? In Sekundenbruchteilen wird „entschieden“, dass die Tiramisu-Verpackung in die Verbrennungsanlage gehört. Ein Schicksal, das auch „edlen“ schwarzen Plastikschalen blüht, die die Sensoren ebenfalls nicht zuordnen können. Der „Wertstoffkreislauf“ kommt durch Materialmixturen und dunkle Färbungen schnell an seine Grenzen.

Dass durch Fehlwürfe verunreinigte Gelbe-Tonnen-Inhalte bis vor wenigen Monaten containerweise nach China verschifft worden seien, wie es Anfang 2018 überall alarmierend hieß, streitet die Entsorgerbranche allerdings ab. „Der vermeintliche Skandal ist … keiner“, schreibt der Brancheninformationsdienst Euwid Recycling und Entsorgung. „Die Realität sei seit langem eine andere… Der Anteil von Kunststoffabfällen, die über das duale System erfasst und sortiert und nach China und Hongkong exportiert wurden, lag … im Jahre 2016 – gemessen am Gesamtexport nach China und Hongkong von 767.000 Tonnen – im unteren einstelligen Prozentbereich.“

Ein sauberes Gewissen sollten wir uns dennoch lieber nicht gönnen. So schickte, ausgelöst von der China-Nachricht, allein der „Stern“ ein Team von 20 Reportern und Fotografen für eine dreiteilige Müll-Serien um die ganze Welt. In der ghanaischen Hauptstadt Accra besuchte man die berüchtigte Müllkippe Agbogbloshie, wo unter anderem deutscher Elektroschrott unter unsäglichen Bedingen „entsorgt“ wird. Und in China wurde Jiu-Liang Wang interviewt, der als Regisseur Menschen – auch Kinder – beim Sortieren und Verarbeiten von Plastikverpackungsmüll beobachtet und illegale Müllhalden dokumentiert hatte. Sein Film „Plastic China“ (China, 2016; www.plasticchina.org) soll einer der Auslöser gewesen sein soll, dass die chinesische Regierung die Einfuhr von Kunststoffabfällen weitgehend stoppte.

Neue Verpackungsverordnung ab 2019

Bleibt also nur, auf die neue Verpackungsverordnung zu hoffen, die ab 1.1.2019 in Kraft tritt? Immerhin, so heißt es auf der Internetseite der Bundesregierung, verfolge man mit dem Gesetz das Ziel „noch mehr der Rohstoffe aus den Verpackungen zurückzugewinnen und wiederzuverwerten. … Vor allem muss mehr Kunststoff recycelt werden.“ Dabei, so Rolf Buschmann, diplomierter Chemiker und Referent für technischen Umweltschutz beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), seien Müllvermeidung und die drastische Ausweitung von Mehrwegsystemen bei Verpackungen der einzige Weg, sowohl Ressourcen als auch die Umwelt zu schonen. Dass dies möglich ist, sieht Buschmann nicht nur am Beispiel des „Original Unverpackt“-Ladens bestätigt, dessen Prinzipien in Berlin bereits von einigen Bio-Supermärkten aufgegriffen wurden. So können Kunden etwa sowohl in einigen Filialen von Denn‘s als auch bei der Bio Company lose Ware in selbst mitgebrachte Gefäße abfüllen.

Dass Mehrweg aber auch in konventionellen Supermärkten deutlich ausbaufähiger sei, belege, so Buschmann, derzeit der Händlerverbund Edeka in seiner Büsumer Filiale. An der dortigen Frischetheke müssten Kunden Wurst und Käse nicht in Einwegverpackungen entgegen nehmen, sondern könnten die Ware in einer Frischhaltepfanddose erwerben, die später im Laden wieder abgegeben werden und nach der Reinigung neu als Behältnis genutzt werde. „Der Einsatz von Mehrwegverpackungen ist kein Hygiene-, sondern ein Logistikproblem“, ist Buschmann überzeugt. Ein lösbares Logistikproblem, wie er betont. So seien Leergutrücknahmesysteme wie die des norwegischen Marktführers Tomra mithilfe von Sensoren in der Lage, je nach Programmierung, die unterschiedlichste Arten von Flaschen und Gefäßen zu erkennen und zu sortieren. Genormte und möglichst platzsparend gestaltete, stapelbare Verpackungen würden zudem eine weiträumigere Fluktuation von Gefäßen auch außerhalb der ausgebenden Läden ermöglichen. Infos mit Warenwerbung sowie den vorgeschriebenen Angaben zu Inhaltsstoffen ließen sich von der Herstellern oder Händlern als Etiketten leicht aufkleben – und später wieder entfernen.

Gesetzlich vorgeschriebene Mehrwegkreisläufe täten aber auch dem Coffee-to-go-Becher sehr gut: Es ist kein Naturgesetz, dass geleerte Becher achtlos weggeworfen werden – anstatt sie, in verbesserter Machart, beim Imbiss anderswo gegen Pfand wieder für neue To-go-Touren abgeben zu können.
Und warum nicht auch gesetzlich vorgeschriebenes Pfand auf möglichst alle Einwegverpackungen – wenn sie hier und dort unbedingt sein müssen? „98 Prozent beträgt die Rückgabequote bei Einwegflaschen mit Pfand“, weiß Elena Schägg, Mitarbeiterin bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und dort im Arbeitskreis Mehrweg tätig. So eine sortenreine – und dadurch wertvolle – Sammlung würde man eben auch den Einweg-Cocktailtomatenbechern oder -Obstschalen wünschen. Die gelbe Tonne schafft das jedenfalls nicht.

* Name von der Redaktion geändert

World Plastic Attack Day Gemeinsam wollen Aktivisten am 15. September – auch in Berlin – Plastikmüll wieder zu Händlern und Herstellern zurückbringen. Infos: World Plastic Attack Day, Germany Berlin