Interview

Der Pokémon-Hype in Berlin

Das Mixed-Reality-Spiel Pokémon Go ist in aller Handys. Aber was macht es eigentlich mit einer Stadt, wenn tausende Menschen Berlin als verlängertes Spielfeld betrachten? Und was kommt als nächstes? Ein Gespräch mit Andreas Lange vom Computerspielemuseum Berlin.

tip Berlin: Herr Lange, was wird die Nachwelt von Pokémon Go in Erinnerung behalten?

Andreas Lange: Das Spiel markiert eine Zäsur, in der sich zum ersten Mal massentauglich ein virtuelles Spiel über die reale Stadtwelt legt. Mixed Reality, also die um digitale Elemente angereicherte Realität, gab es schon früher in Spielen, zum Beispiel Google Ingress, das vom selben Entwickler-Studio stammt und schon seit ein paar Jahren existiert, aber bislang eher nur Insidern bekannt war. Ein breites Publikum wurde erst durch die bekannte Marke Pokémon auf diese Art von Spielen aufmerksam.

tip Berlin: Unzählige Spieler wandern wegen Pokémon Go durch die Stadt und starren auf ihr Handy wie auf ein Radar-Gerät. Was macht das mit Berlin, wenn so viele Leute den öffentlichen Raum nur als Erweiterung eines Handy-Spiels begreifen?

Andreas Lange: Auf jeden Fall wird die Stadt fragmentiert. Spieler interpretieren Straßen und Plätze im Sinne des Spiels, bewerten Orte danach, ob es dort virtuelle Monster zu finden gibt. Nicht-Spieler hingegen kommen nicht mehr mit und fühlen sich wie Analphabeten. Und Pokémon Go ist dabei nur der Beginn einer Welle von Mixed-Reality-Spielen. Wenn bald selbst unter Spielern völlig unterschiedliche Games gezockt werden, dann haben auch diese Menschen kaum noch gemeinsame Berührungspunkte.

tip Berlin: Also wird Berlin noch anonymer?

Andreas Lange: Ja und nein. Auf der anderen Seite schafft so ein Spiel auch soziale Ansatzpunkte innerhalb der Spielerschaft. Menschen spielen Pokémon Go nicht alleine, sondern verabreden sich zur gemeinsamen Monsterjagd. Cafés und Einkaufszentren beginnen, Spieler als Kundschaft anzulocken, indem sie ihnen rea­len Rabatt auf ihren Einkauf gewähren, wenn sie eine bestimmte Punktzahl im Spiel vorweisen können. Das schafft Berührungspunkte, wo vorher kein Gespräch entstanden ist.

tip Berlin: Naja, es ist ja nur eine Frage der Zeit, bis der Hype wieder vorbei ist.

Andreas Lange: Das weiß man nicht! Einen letzten vergleichbaren Hype gab es mit Second Life, dieser virtuellen Welt, in der man als Avatar alles machen konnte: ein Haus bauen, mit anderen Avataren reden, heiraten. Wie heute sind auch damals die Medien angesprungen, weil es spannende Geschichten zu erzählen gab. Damals waren es virtuelle Demonstrationen, die Eröffnungen von virtuellen Marken-Niederlassungen gestört haben, um gegen den kapitalistischen Ausverkauf von Second Life zu protestieren. Heute sind es Pokémon-Spieler, die beim Spielen auf die reale Autobahn laufen.

Andreas Lange
Andreas Lange

 

tip Berlin: Second Life war dann ziemlich schnell durch. Was muss bei Pokémon anders laufen?

Andreas Lange: Ob der Pokémon-Hype ebenso schnell vorbei ist, wird davon abhängen, ob das Spiel so bleibt, wie es ist, oder ob es nach und nach weiterentwickelt wird. Gerade fallen beispielsweise die Kämpfe in den Arenen noch sehr einfach aus. Hier würde ich mir mehr strategische Elemente wünschen. Gleichzeitig muss die Einstiegshürde beim Spiel so niedrig bleiben, dass jederzeit neue Spieler beginnen können, ohne überfordert zu sein – zugegeben eine Gratwanderung.

tip Berlin: Die Pokémon hatten ihr Debüt vor 20 Jahren auf dem Gameboy. Wie erklären Sie sich, dass die Marke heute wieder so einen Sog entfalten kann – auch bei längst erwachsenen Spielern?

Andreas Lange: Bei erwachsenen Spielern hat das sicher auch viel mit Nostalgie zu tun. Die Kids, die damals mit Pokémon groß geworden sind, sind heute teilweise auch schon Eltern. Und wer erinnert sich nicht gerne an seine Kindheit, zumindest an die lustigen und schönen Momente? Das ist ja der Grund, weshalb viele Spielelemente aus den 80er- und 90er-Jahren heute wiederkommen: Pixel-Grafik, Midi-Soundtrack, irgendwelche Fan-Artikel zu Tetris oder Super-Mario. Aber bei den Junggebliebenen ist sicher auch Entdeckerfreude dafür verantwortlich, dass sie das neue Pokémon mal ausprobieren. Immerhin: Vom Spielgefühl ist es ganz anders als die früheren Pokémon Spiele.

tip Berlin: Wenn der ganze Rummel vorbei ist: Wie wird das Computerspielemuseum in zehn Jahren das Spiel Pokémon Go ausstellen?

Andreas Lange: Ein Spiel kann man nicht nur als Objekt ausstellen, weil es von Interaktivität lebt. Und dabei sind Ein- und Ausgabe-Schnittstelle wichtig – in dem Fall muss man es also auch in zehn Jahren auf einem Smartphone von heute ausprobieren können. Außerdem muss man die Kernbotschaft eines solchen Spiels inszenieren. Bei Pokémon ist das die Überlappung von virtueller und realer Welt, deshalb würde ich wohl eine Pokémon-Arena, die es sonst nur auf dem Bildschirm zu sehen gibt, in Übergröße vor unserem Museumsgebäude aufbauen.

Interview: Michael Metzger

Computerspielemuseum Berlin

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