Theater und Bühne in Berlin

„Der Ring – Next Generation“ an der Deutschen Oper

An der Deutschen Oper entdecken derzeit in einem groß angelegten Regie- und Rechercheprojekt gut 60 Jugendliche Richard Wagners „Ring“-Zyklus für sich – nicht als Zuschauer, sondern als Mitwirkende einer „Ring“-Deutung, die Wagner mit DJs und die Nibelungen mit Berliner Gegenwart und den großen Zukunftsfragen kreuzt: Der Ring – Next Generation. Premiere ist im März, wir waren bei den Proben

Ring_Next_GenerationAuf der Leinwand erzählen die jungen Gesichter die Geschichte aus uralten Zeiten: „Hagen bietet Siegfried den Trank an, das ist ein Erinnerungstrank, und dann erinnert er sich wieder an Brünhilde, die er schon vergessen hatte, weil er so viel zu tun hatte.“ Ja, so kanns gehen in der Liebe. Und dann nimmt sie auch ein entsprechend tragisches Ende: „Während Siegfried vor sich hinstirbt, denkt er an Brünhilde. ‚Bitte, Brünhilde, komm zurück, ruf mich an, sag irgendwas!‘“ Aber nein, Exitus, einbrechende Dunkelheit. „Und man sieht so die Trauer der Götter.“ Während diese pointierte Zusammenfassung von Passagen aus Richard Wagners „Ring“-Zyklus über den Video-Screen flimmert, vollführen auf der Probebühne ungefähr 40 Kids unter Anleitung von Coach Emmanuel Obeya eine Gruppenchoreografie zum Trauermarsch. Aus den Boxen schallt der Original-Wagner, aber in den pathetischen Opern-Sound des 19. Jahrhunderts drängen sich plötzlich mit Ellenbogengewalt die virilen Electro-Kompositionen, die DJane Alexandra Holtsch im Geiste des Gesamtkunstwerks ersonnen hat.

„Der Ring: Next Generation“ heißt das Projekt, für das die Deutsche Oper ihre große Bühne öffnet. Es ist ein Wahnsinns-Unternehmen. Mit über 80 Jugendlichen im Alter von 15 bis 20 sind Regisseur Robert Lehniger und sein Team im vergangenen Oktober gestartet, rund 60 haben durchgehalten – und die werden nun im März neben professionellen Sängern, befeuert vom Orchester und dem international gefragten DJ Panacea, ihren ganz eigenen „Ring“-Mythos schaffen. Gesucht hat Lehniger dabei keine Nachwuchs-Gesangs­virtuosen oder bestgedrillte Ballettschul­absolventen, sondern schlicht Jugendliche, „die Präsenz haben und vielleicht eine durchgeknallte Fantasie“.
Die junge Sicht auf Wotans untergehende Götterwelt ist gefragt. „Wir setzen die Kids nicht bloß als Statisten ein, um einen weiteren ‚Ring‘ zu inszenieren“, betont der Regisseur. „Es geht um Wagner, die Zukunft des Menschen und eine Ernsthaftigkeit in der Beschäftigung damit.“ Weswegen er seinem Ensemble auch keine ranschmeißerische Coolness aus der Mottenkiste der Jugendkultur verordnet: „Ich will keinen HipHop-Battle auf der Bühne und es soll auch niemand beatboxen.“ Stattdessen gestalten die Jugendlichen, die unter Hunderten von Bewerbern im Casting ausgewählt wurden, ihren „Ring“ selbst mit. Als Musiker, Sänger und Tänzer, aber auch als Assistenten etwa von Dramaturgie und Kostümbild. Sie sollen ein Gefühl dafür bekommen, so Lehniger, „dass die Oper wirklich ihnen gehört“.

Adrian ist 17, er spielt Trompete und plant, sich für ein Studium als Tonmeister zu bewerben. Außerdem zählt er zu dem dreiköpfigen Team, das eine 45-minütige Dokumentation über das Projekt dreht. „Wir haben schon gigabyteweise Material“, lächelt er. Mit der Oper hatte er vorher, wie die meisten der Jugendlichen verschiedenster Herkunft hier, „nicht so viel am Hut“. Er hat sich Bayreuther Inszenierungen im Internet angeschaut und wenn man ihn fragt, wovon der „Ring“ in seinen Augen eigentlich erzähle, entgegnet er, der Kernaspekt sei „das Neue“. Darum gehe es jedenfalls in dieser „Next Generation“-Version. Und nicht darum, „den 16-stündigen ‚Ring‘ möglichst kurz zusammenzufassen“.

Im Casting bekam jeder Bewerber ein Bild aus einem 200-seitigen amerikanischen „Ring“-Comic, das Robert Lehniger besorgt hatte. Und sollte es, ohne den Kontext zu kennen, beschreiben. Die 17-jährige Gymnasiastin Maria, die seit fünf Jahren Streetdance macht und über eine Facebook-Gruppe auf das Projekt der Deutschen Oper aufmerksam wurde, hatte eine Szene mit Alberich, dem gerade von Wotan und Loge der Ring abgeluchst wird. „Die Stelle mit der Tarnkappe“, sagt sie. Sie ist im Stoff, wie fast alle hier über die Monate zu „Ring“-Kennern geworden sind. Maria reizt das Generationen-Motiv: „Wotan will eine neue Welt erschaffen, die auf Vernunft basiert, nicht auf Gewalt. Aber er schafft es nicht, weil er zu alt ist“, sagt sie. Die zweite Generation dagegen könne zwar den Neustart wagen, aber nur, weil alles um sie herum in Trümmer gegangen sei. „Interessantes Gedankenexperiment allerdings“, findet Maria. „Was passieren würde, wenn kompletter Reset wäre.“

Regisseur Lehniger veranstaltet mit den Jugendlichen regelmäßig Diskussionsrunden. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Buch „Werden wir ewig leben? Gespräche über die Zukunft von Mensch und Technologie“ von Robert Brinzanik und Tobias Hülswitt. Das versammelt Interviews mit Wissenschaftlern, Soziologen und Philosophen. Wissenschaftler wie der kalifornische Hightech-Guru Ray Kurzweil oder der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer denken über den technologischen Fortschritt nach, die Verschmelzung zwischen Mensch und Maschine, die Verlängerbarkeit des Lebens. Lehniger empfand es als Bereicherung, den Debatten der Kids darüber zuzuhören. Geführt „mit einer Ernsthaftigkeit, als wären sie die letzten Menschen“, schwärmt er. „Die saßen da in ihren Jogginghosen nach dem Tanztraining und haben darüber geredet, wie es sein wird, wenn sie eine Pille nehmen und 200 Jahre alt werden können.“ Statements aus diesen Runden fließen in die Inszenierung ein. Dafür hat Lehniger darauf verzichtet, auch noch die Biografien seiner jungen Spieler zu plündern, Herkünfte herauszustellen. Woher sie jeweils kommen, welchen Background sie oder er hat, welche Probleme es vielleicht zu Hause gibt – das soll nicht im Fokus stehen. In den Gesichtern, die auf der acht Meter großen Leinwand die „Ring“-Geschichten erzählen, sei die Biografie sowieso ablesbar, ist der Regisseur überzeugt.

Die 20-jährige Aysegül studiert Theaterwissenschaften an der FU. Sie singt und tanzt nicht nur im „Ring“, sie ist auch Mitglied der Dramaturgie-Gruppe. Aysegül hat mit einer Freundin zusammen die Interviews aus dem „Werden wir ewig leben?“-Band in Vorträgen aufbereitet. „Ich musste die ganze Zeit Wikipedia lesen, um die wissenschaftlichen Begriffe zu verstehen“, lacht sie. Zu Wagners „Ring“-Erzählung bescheinigt sie sich selbst ein eher entspannt-distanziertes Verhältnis: „Teilweise so klischeehaft, dieses Melodram!“ Wobei sie schon sehe, dass die Tetralogie um Rache, Liebe und Tod für die Oper der damaligen Epoche „sehr innovativ“ gewesen sei. Aysegül jedenfalls wird den Wagner-Kosmos um ein türkisches Volkslied bereichern, das schon Fatih Akin in „Gegen die Wand“ verwendet hat.

Eine unbestrittene Wagner-Qualität: Seine Musik hält viel aus. Auch die härtesten Kon­traste. „Dieser Kraft“, sagt Alexandra Holtsch, „muss man erst mal was entgegensetzen.“ Seit anderthalb Jahren beschäftigt sie sich mit dem „Ring“. Sie hat zwar bereits während der Fußball-WM in Deutschland Spiele mit Wagner-Vinyl kommentiert. Aber die Konfrontation zwischen den „Ring“-Motiven und ihren Electro-Collagen erfordert eine andere Genauigkeit: „Man muss die Momente sehr genau abpassen, wo man das miteinander verschmelzen, und wo man es aufeinanderknallen lässt“, so Holtsch. DJ Panacea, der ihr schon vor 20 Jahren im WTF-Club als „elektronischer Wagner“ auffiel, wird die Kompositionen mit entsprechendem Fingerspitzengefühl live im Orchestergraben auflegen.
Klar sind die Jugendlichen von den DJs begeistert. Aber genauso von Wagner. Streetdancerin Maria zum Beispiel hört jetzt zu Hause das „Rheingold“. Den Göttereinmarsch mag sie besonders, „da steigert sich das Walhall-Motiv so schön“. Überhaupt, schon der „Rheingold“-Beginn: „Da spürt man genau, wie der Tropfen fällt“, findet sie. „Wirklich episch“. Wagner, vom Orchester der Deutschen Oper gespielt, mit den fetten Bässen vom DJ-Pult kombiniert, das werde noch einmal ein eigenes Erlebnis. „Wir müssen nicht verstanden werden“, sagt Aysegül. „Aber man wird spüren, dass hier eine neue Generation kommt.“

Text: Patrick Wildermann
Foto: Thomas M. Jauk


Der Ring: Next Generation

Deutsche Oper, Premiere 10.3., 18 Uhr,
Karten-Tel. 34 38 43 43

 

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