Musik & Party in Berlin

Diane Weigmann und ihre neue Platte

Die Songschreiberin sucht mittels Crowdfunding im Internet Mitfinanziers für ihre neue Platte und ihr eigenes Label Rotschopf.

DIane Weigmann

Die E-Gitarre ist verkauft, die Kreidezeichnungen auch, von den selbst gestrickten Socken gibt es noch wenige, auch der persönliche MP3-Spruch für den Anrufbeantworter ist noch zu haben. Diane Weigmann hat all diese persönlichen Objekte und Einfälle für ihre Crowdfunding-Aktion im Internet angeboten. Jeden Tag, wenn die Songschreiberin auf ihre Webseite bei „Pledge­Music“ schaut, ist ein bisschen mehr über die virtuelle Ladentheke gewandert – und auf das Konto, mit dem sie ihr neues Album finanzieren will und das frisch gegründete Label.
Die ehemalige Sängerin der Berliner Mädchenband Lemonbabies, die später zwei Soloalben veröffentlichte, ist selbst beeindruckt und erleichtert, wie gut die Sache mit der Online-Finanzspritze durch Unterstützer im Netz seit September funktioniert. Bis 25. November noch läuft das Crowdfunding-Projekt, um eine angepeilte Fördersumme zu erzielen. Erreichen Crowdfunder die Zielsumme für ihr Kunstprojekt nach einer festgelegten Laufzeit nicht, dann platzt das Projekt. Weigmann aber hatte den benötigten Betrag schon nach 14 Tagen zusammen.
Diane Weigmann„Ich fand das Prinzip schon länger spannend. Aber ich dachte, für mich ist das nichts – ich bin einfach nicht sehr netz-affin“, erzählt die 38-Jährige sonntagmittags im Restaurant „Marcello“ in Schöneberg, dem zweiten Wohnzimmer ihrer Kleinfamilie um Söhnchen Gustav. „Eine Platte auf eigene Faust aufzunehmen, war für mich im Prinzip ja nichts Neues“, sagt sie. „Meine vorigen beiden hatte ich auch erst mal fertig eingespielt und bin dann losgegangen, um mir eine Plattenfirma zu suchen.“
Die Erfahrungen waren damals teils gut, teils weniger. Insbesondere nach ihrem Album von 2007, „Im Zweifelsfall noch immer“, kam sie zum Entschluss, die Sache unabhängig anzugehen. Damals war ihr eine attraktive Support-Tour angeboten worden. Doch vor den Reisekosten für die Band schreckte die Major-Plattenfirma zurück. Man habe schließlich schon viel Geld für eine teure Fernsehwerbung ausgegeben. Es folgte die „einvernehmliche Trennung“; die Tour aber ließ sich die Weigmann nicht nehmen. „Ich hab damals alle meine Ressourcen mobilisiert, meine Jungs haben mich zum Freundschaftspreis begleitet. Wir haben einen günstigen Bus organisiert und mit einer Hotelkette eine Kooperation ausgehandelt. Die Tour wurde super und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl: Wenn man sich selbst um was bemüht, ist es zwar nicht gerade leichter. Aber man fühlt sich unabhängiger.“
Seit vergangenem Jahr also hat sich die frisch gebackene Chefin des Labels Rotschopf kopfüber ins Kleinunternehmertum gestürzt. „Ich dachte, wenn ich das mache, dann richtig: das heißt, mit einer richtigen CD, nicht bloß einer Online-Veröffentlichung.“ Ämter, um Genehmigungen und Dokumente einzuholen, kennt sie nun zur Genüge – „Tausend Sachen, die ich vorher nicht wusste. Ich hätte nie geahnt, wie teuer so ein Label ist“, bekennt sie. „Ich war schon naiv.“ Selbst ihren „kleinen spießigen Bausparvertrag“ kündigte sie für ihr Start-up auf. Unterwegs wurde ihr schon mal mulmig: „Wenn du plötzlich all diese Zahlen vor Augen hast, fragst du dich schon: Kann ich das wirklich allein wuppen? Oder knicke ich ein – und suche mir noch schnell ein Label?“
Diane WeigmannWas alle Unterstützer, die sich mit Summen zwischen 10 und 1.000 Euro eine von Weigmanns liebevoll ausgedachten Prämien sichern, obendrauf erhalten, ist ein Vorab-Download des im Februar erscheinenden Albums „Kein unbeschriebenes Blatt“. Zwölf Songs sind es, in denen das Ex-Lemonbaby seine Liebe zu sonnigem Indie-Pop auslebt, leichtgängige Melodien in Klänge von Akustikgitarre, Banjo, Keyboard und Chorgesang taucht. Gleichzeitig hört man einige ihrer nachdenklichsten Texte: über bittere Abschiede und glückselige Neuzugänge im Leben; über Beziehungen in wechselnden Stadien, auch den Kick einer Übernacht-Romanze, dargeboten im Duett mit Matthias Schrei alias Blockflöte des Todes. „Es dreht sich um Leben und Loslassen. In den fünf Jahren, als die Songs entstanden, ging es bei mir genau darum: Gefühle, die man schon lang kennt und mit denen man sich doch immer wieder auseinandersetzt. Auch ums Suchen, das nie aufhört. Gleichzeitig fühle ich auch so was wie Angekommensein.“
Die eigene Familie bedeutet für Weigmann einen sicheren Hafen; außerdem erhält sie Familien-Support der ganz konkreten Art: die Socken bei PledgeMusic sind handgestrickt von Mutter Weigmann. „Seit ich denken kann, strickt meine Mutter Socken!“, berichtet sie. „Die gibt sie mir und meiner Schwester und sagt: Macht damit was ihr wollt. Diese Socken sind auch in meinem Freundeskreis seit Jahren legendär!“ Im Pledge-Shop liegt die Strickware hoch im Kurs. Einzigartig sind dort auch Angebote wie das als „Adventssingen“ getarnte Wohnzimmerkonzert in Weigmanns Schöneberger Kiez oder auch der gemeinsame Kochkurs im nahe gelegenen „Kochhaus“ mit 3-Gänge-Menü und Unplugged-Konzerteinlage im Januar. „Man glaubt nicht, wie kreativ man plötzlich wird und auf was für absurde Ideen man kommt! Und dass das am Ende Leute toll finden!“, freut sich die Sängerin, bekennt aber auch: „Das ist die anstrengendste Zeit meines Lebens.“

Text: Ulrike Rechel

Foto oben und mittig: Oliver Wolff

Diane Weigmann: Kein unbeschriebenes Blatt – als Download erhältlich via PledgeMusic, im Handel ab 8. Februar 2013.

Crowdfunding-Aktion noch bis 25. November: www.pledgemusic.com/artists/dianeweigmann

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