Gesundheit

Dicke Luft für Radfahrer

Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, schont zwar die Umwelt, angesichts von Abgasen in der Luft aber nicht sich selbst: Gerade bei fallenden Temperaturen steigen Stickoxid-Emmissionen oft dramatisch an

Foto: Banale

Montag 18.30 Uhr, Berufsverkehr. 27 Radfahrerinnen und Radfahrer stehen an der roten Ampel Karl-Marx-Allee / Otto-Braun-Straße. Links und rechts des Radwegs warten dicht gedrängt Autos auf „grün“. Atemraubender Abgasgeruch durchzieht die Luft. Ein Fahrradfahrer, Mitte 30, hat sich einen Schal über die Nase gezogen. „Stinkt weniger und wird warm“, erklärt er. Seit über zwei Jahren machen der VW-Dieselskandal mit massiv geschönten Abgas­test­werten und die starken Überschreitungen von Emissionsgrenzwerten, die regelmäßig auch in der Luft Berlins gemessen werden, Schlagzeilen. Während Autobesitzer den Wertverlust ihrer Fahrzeuge fürchten, die eben doch nicht „clean“, sondern Dreckschleudern sind, sorgen sich nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer um etwas viel Kostbareres – ihre Gesundheit. Dabei liegt diese den Radfahrern ganz besonders am Herzen. Viele treten auch in die Pedale, um fit und gesund zu bleiben. Erreichen sie wegen der schlechten Luft das Gegenteil?

„Luftschadstoffe verändern die Immunfunktion der Lunge und können zu Atemwegserkrankungen führen. Sie steigern das Lungenkrebs­risiko und Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, sagt Thomas Lob-Corzilius, ein Kinderarzt, Pneumologe und Umweltmediziner aus Osnabrück, der bundesweit bekannt ist als Experte in Sachen gesundheitliche Auswirkungen von Luft­verschmutzung. Weder über Mund und Nase gezogene Schals noch einfache Staubmasken aus dem Baumarkt seien in der Lage, Feinstaub und Stickoxide herauszufiltern. Letzteres sind gasförmige Verbindungen aus Stickstoff und Sauerstoff, die auch NOx genannt werden – und deren Ausstoß bei den manipulierten VW-Diesel-Autos um ein Vielfaches höher ist, als die Testergebnisse unter Laborbedingungen eigentlich darstellen. Außerdem spielt die Jahreszeit eine wichtige Rolle: „Mit den ab Herbst üblichen Außentemperaturen steigen … die Stickoxid (NOx)-Abgasemmissionen moderner Euro 6 Diesel dramatisch an“, erläuterte die Deutsche Umwelthilfe (DUH) in Berlin kürzlich auf einer Pressekonferenz. Und bestätigt damit das Empfinden von Großstädtern, die die Atemluft ab Herbst als noch unangenehmer wahrnehmen.

Vor allem Fahrradfahrer sind von den Giftstoffen stark betroffen. Bis zu 40 Liter Luft pro Minute atmen sie beim Radeln ein, heißt es bei fahrradtest.de, einem Webmagazine. Ein Spaziergänger brächte es dagegen nur auf 14 Liter pro Minute: „Je mehr Luft, desto mehr Schadstoffe finden auch den Weg in die Lungen.“ Etwa 45.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich wegen der hohen Feinstaubbelastung vorzeitig, bestätigen auch Schätzungen des Umweltbundesamts (UBA). Zwar hätten viele von ihnen bereits vorher gesundheitliche Probleme gehabt – allerdings könnten diese auch durch die lebenslange Belastung aufgrund der schlechten Luft bedingt worden sein.

Thorsten Kühnelt, passionierter Radfahrer aus Spandau, will seine Leidenschaft jedenfalls nicht mit seiner Gesundheit bezahlen. Wenn Kühnelt aus seinem Bezirk in die Innenstadt zur Arbeit radelt, wählt er statt der 6,5 Kilometer langen direkten Strecke – die auch von Autos stark frequentiert wird – lieber einen Umweg mit vier zusätzlichen Kilometern. Dieser grüne Anfahrtsweg über die Havel, durch Parks und am Kanal entlang ist nicht nur deutlich abgasärmer, sondern auch weniger stressig, wenn auch zeitraubender. Eine Taktik, die auch vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) empfohlen wird. Insbesondere gesundheitlich vorbelastete Menschen sollten Hauptverkehrsstraßen meiden, rät Roland Huhn, ADFC-Verkehrsexperte. Ein Ratschlag, der in Berlin oft schwer umzusetzen ist: Viele Nebenstraßen sind gepflastert, der Ausbau von Fahrradstraßen und Tempo-30-Zonen geht zudem nur äußerst schleppend voran.

Andere, wie die Kunstradturnerin Ines Brunn, die viele Jahre in der für ihren massiven Smog legendären chinesischen Mega-City Bejing gelebt, dort ein Fahrradgeschäft betrieben und über ihre entsprechenden Erfahrungen auch auf der Messe VELO Berlin berichtet hat, empfehlen Schutzmasken mit Aktivkohle- und Hepa-Filter. „Je stärker die Luftverschmutzung war, umso langsamer bin ich gefahren, um weniger schnell zu atmen. Aber immer mit Maske“, erinnert sich Brunn. Diese sei speziell auf Sport ausgelegt, da man durch die größere Filterfläche mehr Luft einatmen könne. Die Maske müsse eng anliegen, damit keine Luft ungefiltert in die Atemwege gelangt. Und: „Man atmet schwerer.“

Meilenweite Umwege oder unbequeme Spezialausrüstungen für schwächere Verkehrsteilnehmer – nur damit sie die Schadstoffe in der Luft halbwegs heil überstehen? Für die Deutsche Umwelthilfe liegt die Lösung des Problems nicht in Defensivmaßnahmen von Einzelnen, vielmehr sieht sie die Politik unter Zugzwang: Vergangenes Jahr verklagte sie verschiedene Städte, darunter auch den Berliner Senat, endlich Maßnahmen zur Luftreinhaltung zu schaffen. Letztlich, so der Berliner Rechtsanwalt Professor Dr. Remo Klinger, einer der DUH-Anwälte, laufe es auf weniger Autos mit Verbrennungsmotoren in Großstädten hinaus: „Man muss die Verkehrsmenge begrenzen und auf umweltfreundliche Verkehrsmittel mit weniger NOx Ausstoß umsteigen.“ Die Radfahrer beherzigen diesen Ratschlag bereits jetzt. Sollten sie nicht ihrerseits auf Schadensersatz klagen? Etwa nach dem Vorbild von VW-Diesel-Auto-Besitzern, die VW-Händlern beziehungsweise gleich den ganzen Wolfsburger Konzern wegen der Werteverluste ihrer Autos per Sammelklage vor den Kadi ziehen? Remo Klinger winkt ab: „Eine unmittelbare Kausalität zwischen Krankheit und Schadstoffbelastung nachzuweisen, ist schwierig.“

Trotz dicker Luft gilt aber: Die positiven Gesundheitseffekte durch die zusätzliche Bewegung des Radelns übertreffen die negativen erheblich, das bestätigt auch das UBA. Und: je mehr Menschen aufs Fahrrad umsteigen würden, umso geringer wäre auch die Schadstoffbelastung.

Kommentiere diesen Beitrag