Kultur & Freizeit in Berlin

Die 100 peinlichsten Berliner 2010

Da ist sie wieder: Die Liste, auf die keiner will. Kandidatinnen und Kandidaten gab es auch in diesem Jahr wieder mehr als genug und umso spannender ist die Frage, wer es denn nun geschafft hat.

Harald EhlertAn dieser Stelle möchten wir zunächst von ganzem Herzen Herrn Sarrazin gratulieren. Der hat es zum dritten Mal in Folge in die Top 3 dieser Liste geschafft. Dass der Ex-Finanzsenator und Bestsellerautor trotz erneut herausragender Leistung seinen letztjährigen Titel nicht verteidigen konnte, ist der beinharten Konkurrenz geschuldet.
Im Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz 1 holte zwar die S-Bahn mit ihrem gewohnten winterlichen Jahresendspurt mächtig auf. Aber letztlich schlug „Maserati-Harry“ Harald Ehlert (Foto) doch noch mal entscheidend zurück. Ein Sportwagen fährt eben tendenziell zu schnell, die S-Bahn dagegen im Zweifel gar nicht. Aber all den Intensivtrotteln, Esotanten, Ballermännern, Sprechblasen, Botox-Ludern, Schreibtischtätern, Gurkenkaspern und Dr. Seltsams, die sich in diesem Jahr nicht ganz nach oben dilettiert oder es gar nicht unter die 100 Knalltüten von 2010 geschafft haben, rufen wir zu: Das muss euch doch nicht peinlich sein. Und vielleicht sehen wir uns ja nächstes Jahr wieder.
Die komplette Liste der „100 peinlichsten Berliner 2010“ gibt es ab Dienstag (21.12.) in unserem Heft 01/11 auf den Seiten 22-37. Vorab präsentieren wir Ihnen hier noch ein paar weitere ganz heiße Kandidatinnen und Kandidaten.

Helene HegemannCopy & Waste: Helene Hegemann (Platz 5)
Schon irre, das. Eine 17-Jährige tischt da einen Exzess-Roman auf, „Axolotl Roadkill“, mit endgeilen Tarantino-Sätzen über endgeile Teenager, wie passgenau zurechtfantasiert für endgeile ältere Herren. Furios, maßlos, rhythmisch. Jegliche Reizschwelle, nein, nicht überschreitend, sondern wegbombend. Helene Hegemann, das Wunderkind vom Volksbühnen-Carl. Oder das wunderliche Kind? Wunderlich jedenfalls, was ihr hinterher zum Copyright einfiel: „Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.“ Weil nämlich einige Passagen vom Blogger Airen („Strobo“) waren, ohne Quellenangabe. Zum Beispiel. Immerhin, wenn sie klaute, dann stilsicher. Bei der Band Archive etwa, nicht Phil Collins. Dann aber das: Skandal. Skandalskandal. Selten so gekracht. Ein Rudel schäumender Feuilletonisten, die ihre schwitzigen Lobeshymnen wiederhaben wollten. All die „Wir-haben-es-doch-immer-gewusst“-Besserdenker. „Eimerweise Scheiße“ über ihrem Kopf (Hegemann in der „Zeit“). Grass sagte auch irgendwas. Verdammt, wäre das ein geiler zweiter Roman. Echt irre.

Stephanie zu GuttenbergSittenwächterin: Stephanie zu Guttenberg (Platz 10)
Wenn sie sich nicht gerade in ihrer Villa in Westend von Gesellschaftsjournalistinnen hofieren lässt oder auf Afghanistan-Safari ist, tritt Ministergattin Stephanie zu Guttenberg als unermüdliche Sittenwächterin an. So prangerte die Gräfin im September in ihrem Buch unter anderem die „Bondage-Outfits“ von Sängerinnen wie Lady Gaga oder Rihanna an. Auf RTL machte sie sich in einer Fernsehserie außerdem auf die Spur von Pädophilen. Zwar mussten dafür eigens volljährige Schauspieler angeheuert werden, die, als Minderjährige getarnt, im Internet dann als Lockvögel dienten. Doch was soll’s – der naive gute Wille muss bei der Blondine eben reichen.

Schock-Aktivisten: Vegetarierbund (Platz 46)
Per Zeitungsannonce wurde nach „toleranten Küchenkräften“ und „aufgeschlossenen Chirurgen“ gesucht, im neuen Restaurant namens Flimй sollten Gerichte mit Menschenfleisch auf der Karte stehen. Kurz vor der Eröffnung dann Aufatmen: Nur ein PR-Gag vom Vegetarierbund Deutschland. Der wollte mit dieser Aktion auf seinen Umzug nach Berlin aufmerksam machen – und darauf, dass Welthunger, Erderwärmung und Regenwaldrodung durch Fleischkonsum und Massentierhaltung verursacht oder verschärft werden. Leider lenkte die platte Aktion vom eigentlichen Problem eher ab und vereinfachte einen komplexen Sachverhalt auf Fleisch-esser-sein-Mörder-Vegetarier-sein-gut.

KnutSofteisbär: Knut (Platz 24)
Von wegen eines der größten und gefährlichsten Raubtiere der Erde. Knut lässt sich von drei Eisbärdamen die Butter vom Brot nehmen. Nachdem er ins große Eisbärengehege umziehen musste, kauerte er nur noch ängstlich auf immer demselben Felsen und fiel nach einer Bärinnen-Attacke sogar ins Wasser. „Seine Körperhaltung ist besorgniserregend“, befand eine kanadische Expertin. Und: „Er hat zu wenig Muskeln für sein Alter.“ Immer nur wegducken ist eben kein Training. Aus Berlins berühmtestem Flaschenkind ist ein Weichei geworden, dessen Lieblingsspeise obendrein auch noch Croissants sind.

Oskar RoehlerRegsisseur ohne Gewissen: Oskar Roehler (Platz 33)
Oskar Roehler ist ein eklektischer Filmemacher, er adoptiert und kopiert Stile nach Belieben – eine Haltung ersetzt das nicht. Mit wem soll man Mitleid haben, wenn man an Veit Harlans Nazi-Hetzfilm „Jud Süß“ aus dem Jahr 1940 denkt? Mit den jüdischen Opfern der antisemitischen Hetzpropaganda – oder mit dem „Jud Süß“-Hauptdarsteller Ferdinand Marian? Roehlers Biopic wurde zur totalen Entgleisung. Höhepunkt der Geschichtsfälschung im Mantel der historischen Nazi-Groteske: Aus Marians Schauspielergattin Maria Byk, die nach dem Krieg vor Gericht für Veit Harlan aussagte, wird zur Exkulpierung des Roehler-Marians eine Anna, die wegen ihrer jüdischen Herkunft in einem Lager ermordet wird. Posthume Entnazifizierung in der reinen Fiktion. Geht’s noch geschmackloser?

Rot für RadfahrerKamikazen: Rücksichtlose Radfahrer (Platz 56)
Okay, Fahrradfahren ist umweltfreundlich. Sofern man zur Umwelt nicht auch Fußgänger zählt. Denn immer mehr Kamikaze-Radler glauben an irgendeine Art von Menschenrecht, mit Schmackes in die Pedalen treten zu dürfen, wo immer sie wollen. Gern auch auf Bürgersteigen, in Einkaufszonen oder an überfüllten Haltestellen, an denen gerade ein Bus hält. Der wahre Kamikaze-Radler, der was auf sich und seinen 1000-Euro-Rahmen hält, brettert da trotzdem mit 35 Sachen rein, die Klingel in Alarmbereitschaft. Und wo steht eigentlich geschrieben, dass man sich nur schwarz kleiden darf, wenn man schon kein Licht am Fahrrad hat?

Wunschkandidatin: Renate Künast (Platz 20)
Achtung, eine Durchsage der Wählerwunschabteilung von Bürgermeisterkandidatin Renate Kü­nast. Wir haben jetzt wieder Kapazitäten frei. Also: Verfolgen Sie irgendein Anliegen (egal was)? Kriegen Sie dafür mindestens 1000 Leute zusammen? Kennt man Sie schon aus den Medien? Gehen Sie auch sicher zur Abgeordnetenhauswahl? Dann sind Sie bei Renate Künast richtig. Die ist für alle Wünsche offen. Sie kommt auch gern persönlich vorbei und sagt was dazu (mit Presse). Referenzen: siehe ihre Offerten zu Themen wie Lehrerverbeamtung, Flughafenbedenken, Tempo 30. Deren Vertreter warten bitte, bis sie wieder dran sind. Wir haben halt nur eine für alle.

Udo WalzSpitzenkraft: Udo Walz (Platz 78)
Handwerk hat goldenen Boden, den zu verlassen oft einer Rutschpartie gleichkommt. Auch Friseurmeister Udo Walz blieb nicht bei seiner Schere, sondern glaubte, dass seine prominente Kundschaft und ein Talent zum Plaudern ihn für eine Talkshow qualifizieren würden. Auf TV Berlin serviert er uns deshalb seit diesem Jahr Wohlfühlgespräche beim „Talk aus dem Andel’s“. Der belanglose Plausch, mit dem Walz seine Kunden im Salon ruhigstellt, damit sie nicht unter den Klingen zappeln, wird hier ohne große Niveausprünge fortgesetzt – leider vor Publikum.

Foto Thilo Sarrazin (Teaser): Caro Teich

Foto Harald Ehlert: Milos Djuric (Berliner Zeitung)

Foto Helene Hegemann: Sören Stache

Foto Stephanie zu Guttenberg: Sonja Calvert

Foto Knut: Zoologischer Garten

Foto Oskar Roehler: Concorde Filmverleih

Foto Radfahrerampel: Michael Bührke/pixelio.de

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