Kunst und Museen in Berlin

„Die 8 der Wege: ?Kunst in Beijing“ in den ?Uferhallen

Die "8 der Wege" zeigt Kunst aus Peking – eine von vielen Schauen rund ums Gallery Weekend

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Bei Fang Lus Installation „Cinema“ ist nicht mehr klar, wer hier wen beobachtet und steuert. Foto: Courtesy of Fang Lu and Boers Li Gallery  

Ai Weiwei ist auf die Schnauze gefallen. Zumindest in der Plastik „The Death of Marat“ (2011) des 28-jährigen chinesischen Künstlers He Xiangyu aus dem Nordosten Chinas. Der Titel nimmt Bezug auf Jacques-Louis Davids gleichnamiges klassizistisches Revolutionsgemälde, das Jean Paul Marat zum Märtyrer stilisiert. Beim Chinesen He aber wirkt die Pose Ai Weiweis eher mundtot gescheitert.

He gehört zu einer selbstbewussten Generation junger chinesischer Künstler, die verschiedenste Einstellungen gegenüber Ai Weiwei haben: Manche sehen ihn als Freiraumschaffer, andere als jemanden, an dessen Kunst man sich abarbeitet, wieder andere gehen deutlich auf Distanz. Staat und Zensur sind für sie nicht mehr die dominanten -Themen. „Zensur gibt es zwar, aber es ist sehr viel mehr möglich in der Kunst, als man hier im -Westen glaubt“, sagt Andreas Schmid, der schon 1993 die erste wichtige China-Schau im Haus der Kulturen der Welt mitrealisiert hat.

Reflexionen auf Geschichte findet man, aber auch über Identität – wie bei der 33-jährigen Künstlerin Fang Lu. Sie zeigt in ihrer verfilmten Installation „Cinema“ eine Frau, die am Mischpult sitzt und steuert. Gleichzeitig wird sie von ihrem Video-Duplikat selbst beobachtet. So wirkt sie wie Regisseurin, Angeklagte und Casting-Show-Beobachterin in einem. Als Zuschauer ist man unweigerlich Voyeur der „Selbstaktualisierung“, wie Kurator Thomas Eller diesen Prozess nennt, der über psychologische Selbstfindung hinausgeht und unser westliches Denken von einander ausschließenden Gegensätzen aushebelt.

Weiterlesen: Bereits seinen 10. Geburtstag feiert das Gallery Weekend vom 2. bis 4.
Mai. Für den besseren Überblick hier unsere Highlights 

Es ist das Verdienst der Kuratoren Thomas Eller und Andreas Schmid und der chinesischen Kokuratorin Guo Xiaoyan, eine große Bandbreite der jungen Generation auszustellen, bei „Die 8 der Wege“ in den Weddinger Uferhallen. Bewusst ist die Schau gar nicht erst als Gesamtüberblick angelegt. Das wäre ja auch ein bisschen übermütig. Aber sie ist das Ergebnis einer mehrmonatigen Recherchereise durch Pekinger Ateliers, inspiriert von zahlreichen Tipps aus divergenten Kunstzirkeln Pekings selbst – von so unterschiedlichen Leuten wie Kunstprofessoren der staatlichen Akademie, aber auch aus dem Umfeld Ai Weiweis.

Alle, die nach größten Erwartungen und entsprechender Vorfreude auf Ai Weiweis Ausstellung im Martin-Gropius-Bau nun doch beklagen, Ai Weiwei habe immer nur die gleichen Themen, sollten ihn als Ausnahme-Künstler nicht mit der Erwartung überfrachten, er möge uns alles in und aus und mit China erklären. Lieber sollte man seinen Blick weiten auf andere, jüngere Künstler mit weiter gestreuten Positionen.

Der Titel der Ausstellung „Die 8 der Wege“ spielt mit der Unendlichkeit möglicher Wege des Ergründens: der Mehrdeutigkeit, die keine Eindeutigkeit will. Aber auch mit der 8 als beliebtester chinesischer Glückszahl. Jeder, der schon mal versucht hat, in China eine SIM-Karte und somit Telefonnummer mit gleich mehreren Achten zu kaufen, weiß, dass dafür gut und gerne ein vielfacher Preis bezahlt werden muss. Nicht zuletzt meint die 8 im Titel aber auch, dass die präsentierten Positionen gleichsam als Scharniere miteinander verbunden sind – wenn auch jeder einzelne der über zwanzig Künstler und Kollektive eine eigene Formensprache gefunden hat. Bildhauerei und Videokunst wirken am eindringlichsten. Auch ein Revival der Zeichnung fällt ins Auge.

Überhaupt ist die Diskussion geeigneter künstlerischer Methoden ein großes Thema zeitgenössischer Kunst in Peking, wie die beiden Kuratoren betonen. Kaum ein Künstler verstehe sich per se als Bildhauer oder Videokünstler. Viele suchen – darin vielleicht doch dem Denken Ai Weiweis verwandt – je nach Sujet das passendste Medium.

Dass manches dabei auf den ersten Blick sehr vertraut erscheint, sollte nicht zu sehr verblüffen: Natürlich hat auch die chinesische Jugend ähnliche Kinofilme oder ähnliche Kunst wie wir gesehen, die dann aber eben doch chinesisch interpretiert wird. „Das Gesellschaftliche ist selbstverständlich in den Arbeiten enthalten, auch wenn man das nicht vor sich herträgt“, betont Kurator Schmid. Wenn sich He mit seiner Ai-Weiwei-Skulptur an einem französischen Maler, aber eben auch an dem im Westen erfolgreichsten chinesischen Künstler abarbeitet, gibt uns das Anknüpfungspunkte, die nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass es auf den zweiten und dritten Blick eben doch Kultur-unterschiede zu entdecken gilt – auf unendlich vielen Wegen. Ein Glück!

Text: Stefan Hochgesand

Die 8 der Wege: ?Kunst in Beijing ?Uferhallen, Uferstraße 8-11, -Wedding, Mi–Sa 13–20 Uhr, ?So 11–18 Uhr, 30.4.–13.7.,        www.die8derwege.info

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