Die andere Stadt: San Francisco

ashburyMeine Freundin beißt herzhaft in eine Penis-Makrone. Ich knabbere vorsichtig an einem „Delicious Steven“. Wir stehen vor der Konditorei Hot Cookies in San Francisco, mitten im schwul geprägten Viertel rund um die steil ansteigende Castro Street. Das Cas­tro ist – ebenso wie der alte Hippie-Bezirk Haight-Ashbury – wieder ins Bewusstsein gerückt. Denn zusammen bildeten sie in den 1970ern den Wahlbezirk von Harvey Milk, dem ersten offen schwulen Politiker der USA, dem Gus Van Sant mit seinem neuen Film „Milk“ ein Denkmal setzte.

Das Castro galt als schwul-lesbisches Idyll in San Francisco, bedroht einzig vom Aids-Virus. Jeder sechste Mann, jede zehnte Frau im Stadtgebiet liebt gleichgeschlecht­lich, im Castro sind es zusammen- gerechnet mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Doch nach etlichen Jahren, in denen es im Castro vor allem darauf anzukommen schien, sich in und vor Clubs wie dem Badland oder dem Twin Peaks zu zeigen, ist man in letzter Zeit wieder politisch geworden. Ausgerechnet die Wahl von Barack Obama war nämlich kein Freudentag für die schwul-lesbische Bevölkerung in Kalifornien. An die Präsidentenwahl gekoppelt war die Abstimmung über die Proposition 8, mit der gleichgeschlechtlichen Paaren das Recht auf Hochzeit wieder abgenommen wurde. Schon im Vorfeld kam es zu Massentrauungen in der Stadt. Und seitdem die verhasste Prop 8 tatsächlich angenommen wurde, stehen Unterschriftensammler auf der Castro Street, um eine neue Abstimmung zu erzwingen, und der Button mit dem durchgestrichenen Schriftzug „Prop 8“ ist häufiger zu sehen als die Regenbogenfahne.

worst_of_sf_awardsIm Gegensatz zum Castro wirkt die Gegend um die Kreuzung von Haight und Ashbury Street ziemlich gestrig und von Touristen überlaufen. In den 1960ern begann hier die Hippie-Bewegung. Jerry Garcia und Grateful Dead hatten hier ihr Hauptquartier, Janis Joplin wohnte zeitweise gleich nebenan. Gerade diese beiden Adressen sind nach wie vor Hauptattraktionen. Der Ort selbst hat keine Bedeutung mehr, aber man bildet sich eifrig ein, die von ihm mal ausgegangene Unruhe und Gefahr noch zu spüren. Natürlich haben hier trotzdem etliche Rudimente der Hippie-Kultur überlebt. Das Red Victorian Inn zum Beispiel, betrieben von der 83-jährigen Künstlerin Sami Sunchild. Sie hat nicht nur ihre Kunstwerke zum Verkauf an die Wände gehängt. Zwischen den normalen Cafйtischen stehen auch die so genannten „Conversation Tables“, an die man sich nur setzen sollte, wenn man bereit ist, mit anderen Gästen Gespräche zu Fragen des Lebens zu führen, die auf einer speisekartenähnlichen Liste verzeichnet sind. Die allerdings bleiben meistens leer. Nur ab und zu traut sich eine Gruppe Touristen heran, die groß genug ist, alle verfügbaren Plätze gleichzeitig zu besetzen, sodass keine Gefahr besteht, sich mit Fremden unterhalten zu müssen.

Schräg gegenüber wartet der Booksmith, eine Buchhandlung, die auch von dem Ruhm lebt, Schauplatz von Allen Ginsbergs letzter Lesung gewesen zu sein. Ansonsten muss man aber bis in die Esoterik-Ecke schlendern, um Unterschiede zu Hugendubel zu erkennen.
In einer Nebenstraße gibt es noch immer eine Klinik, in der Einwohner des Viertels kostenlos behandelt werden. Und an der Ecke Haight und Masonic Street herrscht dichter Andrang im Goodwill-Shop, einer Art amerikanischer Version von Humana. Doch es scheint, als seien die Ideale von Freiheit, Liebe, Drogen und dem Recht auf viertelstündige Gitarrensoli, die einst die Haight Street beherrschten, mittlerweile zu ihrem nostalgischen Zitat verkommen.

Wer in San Francisco authentisches Szeneleben sucht, der sollte sich an das Castro halten. In Haight-Ashbury kann man ja trotzdem mal einen Blick in die Vergangenheit werfen. Und vielleicht ein Batikhemd kaufen, das in Asien hergestellt wurde.

Text: Knud Kohr

Wichtig zu wissen


Anreise

Folgende Airlines fliegen San Francisco von Berlin aus an: Lufthansa via Frankfurt, British Airways über London, Air France über Paris. Wer früh bucht, kann Tickets ab 500 Euro ergattern.

Wohnen
Warum nicht mitten auf der Haight Street im Red Victorian Inn? Sami Sunchild bietet Doppelzimmer wie die „Peacock Suite“ oder den „Red Forest Room“ ab 229 US-Dollar/Nacht. (1665 Haight Street, www.redvic.com)

Essen
Das Orphan Andy’s ist eines der wenigen rund um die Uhr geöffneten Restaurants, das es im Castro noch gibt. Es bezirzt weniger durch beste Burger, aber durch knackige Kellner. Die historische F-Line zu den Piers startet zehn Meter vor der Tür. (3991 17th Street) Gleich um die Ecke (407 Castro Street) befindet sich das Hot Cookies.

Ausgehen
Ein Besuch im Castro ohne einen Besuch des Badland? Undenkbar zu Harvey Milks Zeiten, undenkbar heute. Und erst recht, wenn Sie da sind! (4121 18th Street/Ecke Cas­tro. Täglich von 14 bis 2 Uhr)

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