Stadtleben und Kids in Berlin

Die andere Stadt: Teheran

20 Jahre nach dem Tod des iranischen Republikbegründers Ayatollah Khomeini stockt die Revolution in Teheran an allen Fronten – die Präsidentschaftswahlen werden daran wohl wenig ändern.

Khomeini-MausoleumEnde März dieses Jahres starb Khadije Saghafi. Die politische Führung trommelte in Radio und Fernsehen, es mögen sich bitte möglichst viele Iraner versammeln, um der „Mutter der Revolution“ das letzte Geleit zu geben. Denn Khadije Saghafi war die Frau des Imams und Republikgründers Ayatollah Khomeini. Aber bloß ein paar tausend Menschen kamen – obwohl Teheran 15 Millionen Einwohner hat.
Der Trauerzug endete im Khomeini-Mausoleum, einer Mischung aus Moschee und Montagehalle im Niemandsland zwischen Teheran und Flughafen. Es wurde gepredigt, gesungen, ein bisschen geweint – zumindest am Mikrofon, für die Atmosphäre. Die meisten Besucher schienen eher unbeteiligt, telefonierten und fotografierten mit ihren Handys. Nach einer guten Stunde war die Zeremonie vorbei.

„Das Ding ist immer noch nicht fertig!“ Reza, ein iranischer Geschäftsmann, der regelmäßig zwischen Teheran und Dubai pendelt, schüttelt den Kopf. 20 Jahre ist Ayatollah Khomeini nun tot, doch noch immer ist die Kuppel nicht gedeckt, versperren rostige Gerüste den Blick auf die Fassade, türmt sich Schutt im Innenhof. „Der Khomeini-Clan und die politische Führung hassen sich“, hat Reza gehört. Aber warum? Es ist, wie so vieles in der Stadt, ein Gerücht. Und lässt man deshalb das Mausoleum des gottgleich verehrten Republikgründers in einem so offensichtlich verwahrlosten Zustand?

In Rezas neuem Peugeot, made in Iran, geht es zurück nach Teheran. Auch bei drückendster Hitze lässt man die Fenster besser fest geschlossen – hier, im Süden der riesigen Stadt, wo die Armen und Flüchtlinge leben, ist die Luft smogverseucht und damit akut gesundheitsschädlich. Alte Frauen und afghanische Kinder, oft mit Mundschutz, irren durch die Abgase, halten Luftballons und welke Blumen gegen die Scheiben und hoffen auf ein paar Rial zum Überleben.
Richtung Norden steigt die Stadt sanft an, die Luft wird kühler und sauberer. Slums weichen schicken Ladenpassagen und Apartmentblocks. Doch hier wie überall ragen halb fertige Wohn- und Bürotürme in den Himmel, auch hier ist der Verkehr infernalisch. Der Ausbau der Metro kommt seit Jahren nicht voran.

Khomeini-BaustelleDie Wirtschaftskrise mag alle treffen, doch im wohlhabenden Norden Teherans besitzen die Menschen immer noch genügend Geld für teure Autos, gutes Essen, Designerkleidung – und Schönheitsoperationen. In den Restaurants und Cafйs sieht man junge Frauen geradezu stolz sitzen, mit dem eindeutigen Verband über der Nase – Teheran gilt als Welthauptstadt der Nasenoperationen. Was eine Spätfolge von Revolution, Krieg und Massenemigration sein mag: Es gibt im Iran einen bedenklichen Frauenüberschuss, der Kampf um die wenigen ledigen Männer, die eine Familie ernähren können, ist hart. Und weil Frauen im Land des Hijab (Schleier) von ihren Haaren nur wenig, von Brust und Po überhaupt nichts offenbaren können, wird eben notgedrungen das Gesicht zum Vorzeigeinvestitionsobjekt.
„It’s a funny country…, many stupid people…“ flüstert ein Iraner, einfach so, in einer Menschenschlange vor einem Imbiss. Das Bedürfnis, sich gegenüber Fremden den Frust von der Seele zu reden, ist groß. Die islamische Revolution war einmal ein soziales Projekt, sie sollte den Armen Nahrung, den Jungen Bildung, den Intellektuellen Redefreiheit geben. Daraus ist nichts geworden. Gierige und korrupte Mullahs haben nicht nur die politische Macht und die Staatsmedien, sondern auch große Teile der Wirtschaft an sich gerissen – inklusive Prostitution und Drogenhandel.

Nun stehen am 12. Juni Wahlen an, doch denkbar gering sind die Hoffnungen auf „Change“ – ein Wort, das schnell seinen Weg in den Wortschatz der Twitter-, Blog- und Facebook-verliebten Jugend gefunden hat. „Die Reformkandidaten blockieren sich, am Ende siegt Ahmadinedschad“, prophezeit Reza. „Zur Not helfen die Mullahs mit ein paar Kisten gefälschten Stimmzetteln nach, wie letztes Mal.“ Wo sieht er Iran in fünf Jahren? „Ich habe keine Ahnung“, sagt Reza. Ich weiß nur, wo mein Geld sicher liegt: auf der Bank in Dubai. Da bringe ich es alle paar Monate persönlich hin!“

Text/Fotos: Kai Hensel

Wichtig zu wissen

Anreise Iran Air: direkt ab Hamburg, Köln, Frankfurt. Von Berlin meist am günstigsten: Turkish Airlines über Istanbul hin und zurück ab 450 Ђ).
Visum Die Bestimmungen ändern sich ständig. Aktuell: Wer nicht länger als 15 Tage bleiben will, bekommt sein Visum bei der Einreise am Flughafen (nicht an Grenzübergängen). Ein 30-Tage-Visum erhält man für 60 Ђ bei der Iranischen Botschaft. Der Pass darf keine Israel-Stempel enthalten.
Unterkunft Am besten in der Nähe einer Metrostation: zum Beispiel Grandhotel Ferdossi, (DZ ab 70 Ђ), oder Hotel Hafez (DZ ab 35 Ђ), beide zentral am Imam-Khomeini-Platz.
Reiseliteratur Guter Sprachführer: Mina Djamtorki, „Kauderwelsch, Persisch (Farsi) Wort für Wort“. Das vielleicht beste Buch über Iran und Geschichte: Stephen Kinzer, „All the Shah’s Men“.

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