Tragikomödie

„Die Anfängerin“ im Kino

Das Sprengen alter Fesseln – das Kino bietet dazu viele Versuchsanleitungen. Eine besonders gelungene führt nun eine Ostberliner Hausärztin endlich aufs Eis: Kurz vor Weihnachten zerbricht die in Lieblosigkeit erstarrte Ehe von Annebärbel Buschhaus.

Flare Film/ Kolja Raschke

Sie ist 58 und hält zynisch fest an der farblosen Freudlosigkeit, die das Eigenheim und die Praxis durchweht. Letztere hat sie von der ­dominanten Mutter (Annekathrin Bürger) geerbt. Unvergessen der erste Verrat, als die Mutter vor 52 Jahren ihr die Schlittschuhe wegnahm, um sie einer anderen zu schenken: Christine Errath, die spätere DDR-Ikone des Eiskunstlaufs. Und das nur, weil Annebärbel nach einem Sturz in Tränen ausbrach. Mütter und Töchter, Trauma und Ängste. Als ein Notruf die Ärztin zu ihrer einstigen Eislaufbahn führt, überwältigt sie die alte Sehnsucht nach dem Dahingleiten auf dem Eis.

Mit viel Humor und noch mehr Einfühlungsvermögen für verkrustete Verhaltensmechanismen stellt Regisseurin Alexandra Sell ihre sperrige Heldin auf die Kufen – grandios, wie Ulrike Krumbiegel in diese höchst verletzliche, sich mit Boshaftigkeit panzernde Figur schlüpft. Erweichen wird sie ein Nachwuchstalent, das mit harten Trainingsbedingungen und elter­lichem Erfolgsdruck zu kämpfen hat. Beide durchleben eine bewegende Selbstbefreiung. Gekrönt wird die großartig besetzte ­Geschichte durch die Mitwirkung von ­Christine Errath höchstselbst, die vermittelt, weshalb dieser Sport in der DDR mit so vielen Sehnsüchten besetzt war.

Die Anfängerin D 2017, 98 Min., R: Alexandra Sell, D: Ulrike Krumbiegel, Annekathrin Bürger, Christine Stüber-Errath, Rainer Bock, Start: 18.1.

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