Musik & Party in Berlin

Die Anfänge des HipHop in Berlin

Es ging um Haltung. Immer ging es nur darum, dass unsere Interpretation von Rap besser war als die der anderen. Der einstige Royal-Bunker-Chef, K.I.Z.-Manager, "Spex"-Kolumnist und Autor Marcus Staiger erinnert sich.

HipHop

Mitte der 90er-Jahre haben wir uns gestritten. Mit allen und jedem. Mit den Hamburgern, weil deren von Natur aus seichte Herangehensweise so Mainstream war, dass wir als Underground Heads das Kotzen bekamen. Mit den Ostlern haben wir uns gestritten, weil die auf dem Eastcoast-Film waren und wir eben auf dem Westcoast-Film – West-, West-, West-Berlin – und mit den anderen West-Berlinern wie Kinzmen Clique, Da Fource und Spezializtz haben wir uns auch gestritten, weil wir fanden, dass die in ihren Karl-Kani-Unifomen und Pelle-Pelle-Anzügen total lächerlich aussahen. Wir hatten uns unsere HipHop-Mode selbst zusammengestellt, sahen aus wie Penner – aber stylisch – und haben ansonsten den wahren Untergrund repräsentiert. „Wir sind hier nicht in Hamburg. Es heißt nicht ‚die Battle‘ – es heißt ‚das Battle‘!“ Und genau in diesem Battle-Modus bewegten wir uns durch die Stadt.
HipHopAls ich Anfang der 90er-Jahre nach Berlin kam, war HipHop noch frisch und tatsächlich noch so etwas wie unbekannt. In der Buchhandlung Kiepert in der Hardenbergstraße wollte ich mir einmal das Buch „Rap Attack“ von David Toop kaufen und musste der Verkäuferin tatsächlich das Wort „Rap“ buchstabieren. Das Internet war zwar schon erfunden, aber keiner hatte es, und alles, was wir über HipHop wussten, haben wir uns aus allen möglichen Quellen zusammengeklaubt. „Yo! MTV Raps“, „The Source“, und manchmal gelangten handkopierte Undergroundmagazine in unsere Hände, die wir studierten und nach Codes und Anleitungen zum „real sein“ untersuchten. Andrй Langenfeld machte in der Nacht von Samstag auf Sonntag die „Yo! Show“ auf Radio Fritz, das damals noch DT64 hieß und DJ Alex veranstaltete im Eimer Partys, die „Raise the Bass“ hießen. Im Rest von Deutschland bekämpften sich Advanced Chemistry mit den Fantastischen Vier und auch dort ging es um Realness und die korrekte Interpretation einer importierten Kultur, und das „MZEE Magazin“ aus Köln wachte über die richtige Auslegung der Vier-Elemente-Theorie: Graffiti, Breakdance, Rap und DJ-ing. Wem das alles nichts sagt, der war nicht drin in der Bewegung. Alle anderen werden sich noch lebhaft an die Diskussionen erinnern, ob die Fantas jetzt Sell-out sind oder nicht – all das in einer Zeit, in der HipHop vom Ausverkauf noch so weit entfernt war wie heutzutage Chartplatzierungen von realen Verkaufszahlen. HipHop war ein Nischenprodukt der Popmusik – für uns war er aber die Welt.
Kool SavasMit der peacigen und Pseudo-Unity beschwörenden Ost-Berliner HipHop-Szene konnten wir nichts anfangen, obwohl die besten Jams der Hauptstadt von der Ost-Berliner SWAT-Posse auf der Insel der Jugend veranstaltet wurden. Die Ostler traten aber nie mit jenem Selbstbewusstsein an, mit dem wir die Westcoast repräsentierten. Wir waren West-Berliner, formten mit der Hand das W und wir waren auf Krawall gebürstet. Wir trafen uns im HipHop-Haus in Steglitz, waren selbstverständlich multikulturell und wucherten mit dem Pfund der Kreuzberger Gang-Kultur. Tatsächlich kam Kool Savas, der ohne Zweifel den größten Einfluss innerhalb unserer Gruppierungen hatte, aus Kreuzberg 36 und hatte seine ersten Rap-Gehversuche im Jugendhaus Naunynritze gemacht. Auf Fantasie-Englisch rappte er seine ersten Reime, geprägt von Islamic Force, einem der ersten Berliner Rap-Projekte, die jemals auf CD erschienen waren. Auf CD! Damals! Eine Sensation! Boe-B, Chef-Rapper der Gruppe, der später viel zu früh am Hero gestorben ist, rappte auf Englisch und Türkisch und beanspruchten Rap als Ausdrucksmittel einer wütenden Migranten-Generation so selbstverständlich, wie die Berliner Gangs die Vorherrschaft auf westdeutschen Jams für sich beanspruchten. Wenn die Berliner kamen, dann war alles vorbei. Die Kreuzberger waren gefürchtet. Sie stürmten die HipHop-Veranstaltungen in Frankfurt am Main, Braunschweig und Hannover, klauten wie die Raben und hinterließen eine Spur der Verwüstung. So manches Breakdance-Battle wurde nur aufgrund der Übermacht der Straße zugunsten einer Berliner Crew entschieden und alle anderen HipHop-Crews weinten nachts in ihre Kissen. Berliner waren eben die Besten aus Berlin, was selbstverständlich auch für die Berliner Sprüher galt. Scheiß auf Ruhrpott. Scheiß auf Hamburg. Wir sind Berliner. West-, West-, West-Berlin! Berliner sind ganz einfach die Härtesten.

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