Pop

Die Avalanches spielen im Festsaal Kreuzberg

Zu Gast im Kuriositätenkabinett: Das zweite Album der Avalanches zählt zu einem der am längsten aufgeschobenen in der Popgeschichte – aber es wird dem eigenen Mythos tatsächlich gerecht

Foto: Steve Gullick

16 Jahre sind eine lange Zeit im Popgeschäft. Technologien verschwinden, Genres werden kreiert, Plattenfirmen gehen pleite, Bands kommen und gehen. Robbie Chater weiß, wie sich das Verstreichen der Zeit als Popkünstler anfühlt: 16 Jahre lang hat es gedauert, bis er sein zweites Album veröffentlichen konnte. Mit den Avalanches zählt der Produzent und DJ aus Melbourne zu den einflussreichsten Bands, die Australien je hervorgebracht hat. „Since I Left You“ hieß das Debüt der Truppe, von der neben Charter heute nur noch Tony Di Blasi mit von der Partie ist. Die Platte gilt als stilprägend im Elektronik-Metier: ein fein verwobenes Großkunstwerk unendlich vieler Samples, darunter Gesprächsfetzen, Klassik, Hip-Hop und Klänge aus dem Kuriositätenkabinett.

Mit dem Nachfolger dauerte es dann aber. Erscheinungsdaten wurden angekündigt und zurückgenommen, Musikerkollegen berichteten begeistert von Hörproben aus dem Studio, doch die Jahre verstrichen. Urheberrechte zahlloser Samples wurden ausgehandelt. Irgendwann gingen Musiker von Bord, um sich Dayjobs zu suchen, und Chater musste aufgrund einer Autoimmunerkrankung drei Jahre lang aussetzen. Schließlich ging 2014 das Label Modular pleite. Derweil werkelten die verschuldeten Bandköpfe Chater und Di Blasi weiter.

Letzten Sommer erschien „Wildflower“ dann tatsächlich. „Ich bin sehr erleichtert, seit das Album draußen ist“, erzählt Chater am Telefon aus Melbourne. „Es war schon mit großem Druck verbunden, etwas auf ‚Since I left you‘ folgen zu lassen.“ Das neue Werk hat Kritiker wie Musikhörer erneut in Verzückung versetzt: Das Album wirkt kohärenter, vom Pulsschlag etwas entspannter. Es kommen etwas weniger Samples zum Einsatz, dafür mehr live gespielte Instrumente und Gesangspartien von Kollegen wie Father John Misty oder Biz Markey.
Für „Wildflower“ hat das Duo erneut tief in Flohmarktkisten mit altem Vinyl gewühlt und barg dabei vor allem Fundstücke aus den 60er-Jahren oder sogar noch ältere Kuriositäten: Calypso-Sänger Wilmouth Houdini etwa, dessen knisternde Liedzeile von 1930 zur zentralen Hook im Ohrwurm „Frankie Sinatra“ wird.
„Wir werden natürlich vor allem dort fündig, wo uns selbst etwas viel Spaß macht“, erzählt Chater. „Dann erwacht das innere Kind in mir und ich kann mich in alte Soul-Seven-Inches verlieren oder irgendwelche 50er-Jahre-Exotica.“

Es gibt auch Musik, da regt sich Chaters Jagdinstinkt kein bisschen. „Zum Beispiel bei Songs von Marvin Gaye. Sie haben schließlich schon diesen großen Zauber – mein Gehirn wüsste gar nicht, was es damit machen sollte! Mich zieht es eher zu obskuren, nicht so perfekten Platten, und ich versuche den einen Moment zu entdecken, der grandios darin ist.“ Er fügt an: „Was mich oft überrascht ist, dass viele Menschen unsere Musik als fröhlich beschreiben. Dabei fasziniert mich meist die melancholische Seite an Musik. Ich versuche in meinen eigenen Songs gefühlsmäßig die Mitte zu treffen zwischen Fröhlichkeit und Trauer.“

Für jedes Puzzleteil versucht die Band die Rechte zu klären: ein Vorgang, der viele Jahre verschlingt und das Budget derart in die Höhe treibt, dass Bands wie die Avalanches mittlerweile zu einer bedrohten Art gehören. Samplebasierte Musik blüht inzwischen vor allem im Underground – fernab von den Rechtsabteilungen der großen Plattenfirmen. Die aktuelle Tour sei bei allem Spaß auch eine unverzichtbare Unternehmung, um Schulden abzutragen, konstatiert Chater. Live begeistert ihn vor allem, die eigenen Vorgaben zu variieren. „Jetzt ist die Platte draußen, und wir interpretieren sie auf der Bühne wieder neu, und die Zuhörer interpretieren das auf ihre Weise“, sagt er. „Es ist wie eine Reise, die immer weitergeht.“

Festsaal Kreuzberg Am Flutgraben 2, Treptow, Mi 28.,6., 20 Uhr, VVK 26,50 € zzgl. Gebühren