Stadtleben und Kids in Berlin

Die Berliner CDU unter Frank Henkel

Ein junger Mann, den Geißler einmal bei "Anne Will" rundmachte. Der Sohn eines Hardliners, der Integration neu buchstabiert. Ein No-Name, der Wowereit schlug. Wie erneuert ist die Berliner CDU wirklich?

gottfried ludewigMannomann. Ist das eine Aussicht. Hilfe. Vor dem Fenster: ein bisschen Himmel, wenig Stadt. Viel Dach, eine Feuerleiter. Zum Davonlaufen, theoretisch. Preußischer Landtag, fünfter Stock, im Flur bis ganz hinten durch. Auf dem Türschild steht „CDU-Fraktion“. Platz für drei Namen. Dreimal „n.n.“. Die Wände: kahl, nackt, unbehaust. Drei Schreibtische, zwei Schränke, eine Sitzecke. Dort besser nicht auf dem Glastisch aufstützen. Kracht gräulich, das Ding. „Baustelle“, sagt Gottfried Ludewig. Lacht dröhnend dabei.

An diesem Dienstag sind es noch genau eine Woche und ein Tag. Dann würden zwei Herren mit fast deckungsgleicher Kleiderordnung die 98-seitige Koalitionsvereinbarung ins Blitzlichtgewitter stemmen. Drüben im Roten Rathaus, Saal 319. Klaus Wowereit, langenachtgraues Schalkgesicht. Frank Henkel, lottogewinnfreudigrosiges Buchhalterantlitz. Eine frisch ausverhandelte Männerfreundschaft.

Zehn Jahre nach Diepgen, Landowsky, dem Bankendesaster ist die CDU zurück an der Macht. Wenngleich nur als Juniorpartner. Aber trotzdem. Wer sprach vor ein paar Monaten im Wahlkampf schon von Frank Henkel. Was macht eigentlich die Künast gerade? SPD-CDU-Koalition. Ist das eine Aussicht. Donnerwetter.

Ludewig ist jetzt dabei. Knapp die Hälfte der 39 CDU-Abgeordneten zieht erstmals ins Parlament ein. Wie er und die anderen beiden Männer in dieser Geschichte. Ludewigs Wahlkreis liegt weit draußen. Nördliches Pankow. In einigen Minuten muss er zur Fraktionssitzung.

Ludewig ist einer von den jungen Vorwärtswollern, von denen es in der Berliner CDU neuerdings einige gibt. Nicht mal 30 Jahre alt. Helle Augen, offener Blick. Offensiv auch. Sonore Stimme, markantes Kinn. Jugendlich-wonneproppiges Überzeugergesicht. Einer, der Sätze postuliert wie: „Wir hören auf, ideologische Schlachten zu schlagen. Die helfen nichts in dieser Stadt.“ Der von sich sagt, keine Wahlkampfstände mit Schirmchen und Schnickschnack zu mögen. Der lieber vor Supermärkten stand, mit CDU-Schriftzug auf der Jacke, stundenlang, Tag für Tag. Leute anquatschen. Debattieren. Baggern. 
Wenn Ludewig während des Gesprächs gleich dreimal den Zustand der Grundschule im Hasengrund in Pankow-Niederschönhausen bedauert, möchte man sich sofort ins Auto setzen und nachschauen, was genau da oben im Hasengrund so alles im Argen liegt.

Das Büro: die Pankower CDU-WG im Preußischen Landtag. Die Namensschilder werden auch bald kommen. Von Ludewig, Dirk Stettner, Stephan Lenz. Der Kreisverband Pankow gehört in der CDU zu den aufstrebenden Ostverbänden. Der erste in der Partei, in der sie die Mitglieder über die Wahlkandidaten entscheiden ließen, nicht mehr die Delegierten der Ortsverbände. 2008 war das. Mit Hinterzimmerkungeleien sollte Schluss sein. Das System, für das zuletzt Ingo Schmitt stand, Berlins CDU-Chef vor Henkel. Der die Machtoffensive des unglückseligen Ex-Spitzenkandidaten Friedbert Pflüger 2008 noch abbügelte, dabei aber dann selbst über die Wupper ging.

Henkel übernahm, krempelte die Partei um, band die mächtigen Bezirksfürsten im Vorstand, im Präsidium ein, holte aber auch externe Quereinsteiger wie den Werbeunternehmer Thomas Heilmann hinzu. Der verpasste, unter anderem mit Monika Grütters, der Kulturausschussvorsitzenden des Bundestags, der Partei ein modernes Image. „Ein qualitativer Sprung innerhalb der CDU“, sagt Ludewig.

„Henkel hat es geschafft, die Machtstruktur in der Partei zu ändern. Strukturell, personell, inhaltlich“, urteilt der Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer. „Mit der CDU vor sieben oder acht Jahren wäre solch ein gutes Wahlergebnis nicht möglich gewesen. Die relativ geringen Zuwächse haben aber auch gezeigt, dass die Vorbehalte gegen die CDU in der Stadt immer noch sehr groß sind.“ Was hat einer wie Ludewig noch mit den Ingo Schmitts gemein? Wie modern ist Henkels CDU wirklich? Wer kommt da jetzt nach? Gottfried Ludewig mag jung sein. Ein Politnovize ist er nicht. Er weiß genau, wie man Macht buchstabiert. Aber auch R-A-D-A-U.

Suchmaschine, „Gottfried Ludewig“. Erster Eintrag: seine Website. Flash-Animationen, ein Blog („Heute freue ich mich auf den Papstbesuch im Olympiastadion“). Web 2.0. Dann aber, zweiter Eintrag: ein YouTube-Clip. Ludewig bei „Anne Will“. Schweißperlen auf seiner Stirn. Drei Jahre ist das jetzt her. Das Internet vergisst nicht. Man kann es so nennen: Ludewigs Mißfelder-Moment. Philipp Mißfelder, 2003 Chef der Jungen Union. Der mochte seinerzeit 85-Jährigen keine neuen Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft mehr zubilligen. Bis heute ist er „Der mit den Hüftgelenken“. Vor fünf Jahren schaffte es Ludewig, als Chef des CDU-Studentenverbundes RCDS an der Technischen Universität der erste konservative AStA-Vorsitzende in Berlin seit 40 Jahren zu werden. Der letzte RCDS-Mann, dem das gelang, war Eberhard Diepgen. Der Mißfelder-Moment. 2008 schickte Ludewig als RCDS-Deutschlandchef ein Papier herum. Darüber, wie der Sozialstaat finanzierbar bliebe. Dass Leistungsträger gefördert werden müssten. Darin schlug er vor, Berufstätigen ein doppeltes Wahlrecht zu geben. Rentnern, Arbeitslosen nur ein halbes. Ziemlicher Unfug, natürlich.

„Ich dachte, mit einer Provokation mehr Aufmerksamkeit für ein wichtiges Thema zu bekommen. Das war falsch“, sagt Ludewig. „Die Aufmerksamkeit hat einzig die Provokation gefunden. Das hatte ich in der Größenordnung nicht erwartet.“ Die Größenordnung ging so: „Bild“-Zeitung, Seite eins. Einladung bei „Anne Will“. Da kauerte Ludewig dann auf dem Betroffenensofa. Wie auf Kohlen. Nahm fast demütig hin, dass Heiner Geißler aus der Talkrunde herüberknurrte: „Mit 25 Jahren kann man schon mal etwas Unsinniges sagen.“ Ludewig sagt jetzt: „Ich war naiv. Jung und naiv. Entschuldigt keinen einzigen Punkt daran. Aber es war sicher keine Glanzstunde.“ Hinterher schrieben seine eigenen Leute vom RCDS einen 37-seitigen Ausschlussantrag gegen ihn zusammen. Schlossen ihn aus dem Verband aus. Ludewig klagte dagegen. Gewann auch. Machte weiter.

Ludewig überstand dann noch einen Aufruhr im Pankower Kreisverband, als ihn der damalige Kreischef Peter Kurth für die Bundestagswahl 2009 als Kandidaten durchsetzte. Darüber beschwerte sich der Pankower CDU-Ehrenvorsitzende Peter Luther in einem offenen Brief. Und der stellvertretende Kreischef Renй Stadtkewitz, der später nach seinem Feldzug gegen eine Heinersdorfer Moschee mit seiner Neugründung „Die Freiheit“ in die Bedeutungslosigkeit emigrieren sollte, warf Kurth vor, den Verband nach „West-CDU-Sitte“ zu führen – von oben, ohne Debatten. Was Ludewig „Unsinn“ nennt.

Man wüsste gern, was sein Vater ihm damals geraten hat. Johannes Ludewig war in den 90er-Jahren Kohls Beauftragter für die neuen Bundesländer. Er bekam dann einen Job, mit dem sich von jeher auch ein passabler Ruf ruinieren lässt: Chef der Deutschen Bahn. „Wir reden viel miteinander“, sagt Gottfried Ludewig lapidar. Das richtig große Karo malt er erst mal nicht mehr. Ludewig gibt jetzt ganz den Mann für den Außenbezirk. Grundschule im Hasengrund statt Sozialstaat. Hinten anstellen. Dann aber auf nach vorn. Es ist ja nicht so, dass allein der Name „Ludewig“ in Berlins CDU Türen öffnen würde. Bei einem anderen Namen ist das anders. Dregger. Konservative hören da einen Donnerhall. Dregger.

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Foto: Oliver Wolff

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