Best of Kunst in Berlin

Die besten Ausstellungen für die Weihnachtszeit

Mehrere Ausstellungen widmen sich dem Revolutionswinter, vier aktuelle Ausstellungen zeigen Fotografie und im Gropius-Bau sowie im Hamburger Bahnhof kann man gleich für einen ganzen Tag abtauchen. Perfekt für die Weihnachtszeit und die Tage zwischen den Jahren!

Der Revolutionswinter 1918/1919 findet in Berlin größtenteils in der Kunst statt

bpk / Kunstbibliothek / Staatliche Museen zu Berlin / Photothek Willy Römer / Willy Römer

Die Revolution 1918/19 ist eines der großen Themen dieses Winters, interessanterweise vor allem in der Kunst. Während die politischen Auswirkungen der November­revolution oft als Indiz für das spätere Scheitern der Weimarer Republik gelten, kann sich die Kunst dem widmen, was diese Zeit an gesellschaftlichen Umbrüchen brachte. Und das war eine Menge: Zum einen das Frauenwahlrecht, dem eine große Ausstellung in der Schwartzschen Villa in Zehlendorf gewidmet ist. Auch die Versammlungs- und Pressefreiheit sowie die Abschaffung der Zensur zeigen, dass eine bisher obrigkeitsorientierte Gesellschaft in kürzester Zeit in die Moderne aufbrach, sozusagen Basisdemokratie übte, plus Meinungs- und Kunstfreiheit.

In der Berlinischen Galerie wird diesem Freiheits­aspekt zurzeit am meisten Raum gegeben. Die aktuelle Ausstellung, die sich der im Revolutionswinter gegründeten Künstlervereinigung „Novembergruppe“ widmet, zeigt, dass nicht nur die bis heute relevanten Otto Dix, Rudolf Belling, Hannah Höch oder Lyonel Feininger dabei waren. Diese Gruppe war zusätzlich in fast allen Bereichen der Kunst bestens besetzt und forderte entsprechend Einfluss, von der schulischen Bildung bis hin zur Baukunst. Gerade die bisher herrschaftliche Architektur wollten die Künstler*innen um Walter Gropius und Mies van der Rohe als öffentliche Angelegenheit verankert wissen. Das war zusammen mit den in der Gruppe vorherrschenden Kunstformen wie Dada oder Expressionismus eine echte Provokation des bisherigen Verhältnisse. Die Schau in der Berlinischen Galerie zeichnet präzise die gesellschaftliche Wucht dieser Kunst bis heute nach.
Dazu passt die aktuelle Einzelausstellung im Bröhan-Museum, die George Grosz, den bekanntesten und wohl auch talentiertesten Satiriker dieser Jahre, facettenreich im Kontext seiner Zeit, aber auch darüber hinaus, zeigt.

Wie es dagegen konkret auf den Straßen aussah, davon kann man sich in diversen historischen Ausstellungen der Bezirksämter, zum Beispiel in Neukölln, ein Bild machen. Oder für ganz Berlin einmal im Märkischen Museum, das sich vor allem dem Alltag der Menschen widmet, und im Museum für Fotografie, wo die Revolution in Bild und Ton im Mittelpunkt steht. Dort sind viele Aufnahmen aus dem Archiv des Pressefotografen Willy Römer zu sehen: von marschierenden Soldaten, protestierenden Arbeitern und belagerten Gebäuden. Und von Barrikaden, die aus umgekippten Möbelwagen bestanden.

Ein solcher Wagen ist auch das zentrale Symbol für verschiedene Aktionen der senatseigenen Kulturprojekte, die die Revolution damit 2018/19 zurück auf die Straße bringen. Ein historischer Möbelwagen wurde dafür zum mobilen Ausstellungsort umgebaut und steht zum Beispiel vom 5. bis 14. Januar am Alexanderplatz. Zusätzlich haben die Kulturprojekte 100 Revolutions-Orte in der Stadt markiert, die online unter 100jahrerevolution.berlin nachgeschlagen werden können. Iris Braun

George Grosz in Berlin Bröhan-Museum, Schlossstr. 1a, Charlottenburg, bis 6.1.

Berlin 18/19 Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, Mitte, bis 19.5.

Berlin in der Revolution 1918/19 Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, Charlottenburg, bis 3.3.


Berlin ist ein Zentrum für Fotografie, mit herausragenden Ausstellungshäusern und Sammlungen

Ohne Titel, a.d.S. Sentimental Journey, 1971 © Nobuyoshi Araki . Foto: Hubert Auer . Courtesy Österreichische Fotogalerie, Museum der Moderne Salzburg

Weihnachten ist ein Geburtstagsfest. Möchte man sich da mit dem Tod beschäftigen? Nun, Geburt und Tod sind die beiden wichtigsten Erfahrungen, die alle Menschen machen. Und von denen sie nicht berichten können. Und die Fotografie wurde von Beginn an als ein Medium begriffen, dass die Toten dem Tod entreißen und den Lebenden in der Erinnerung lebendig halten kann. Das zeigt die groß­artige Ausstellung „Das letzte Bild“ bei C/O Berlin, in manchen Teilen schwer auszuhalten, besonders die Fotos der Leichenberge in den NS-Konzentrationslagern (mehr zu der Ausstellung dann in tip 2/19).

Im Obergeschoss bei C/O Berlin ist eine Retrospektive des berühmten japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki zu sehen. Er wird oft auf seine Aufnahmen von gefesselten nackten Frauen reduziert (ah, der!), aber C/O zeigt Arakis Serien wie „Yoko my love“ (mit seiner verstorbenen Frau Yoko) und „Sentimental Journey“, die fast tagebuchartig das Leben der Frauen einfangen – Nacktheit und Erotik sind dabei nur ein wenn auch sehr wichtiger Aspekt.

Von Araki zu Saul Leiter in der Helmut Newton Foundation ist es streckenmäßig wie thematisch nicht weit. Leiter, Sohn eines ultra-orthodoxen Rabbis, hat seinen Freundinnen zwei Jahrzehnte vor Araki nackt abgelichtet, sie sogar beim Masturbieren gezeigt. Aber es ist eine so große Intimität, so viel Leichtigkeit in diesen Bildern, dass sie selbstverständlich wirken. Nicht verpassen: Leiters „painted nudes“, Übermalungen von Fotografien, fantastisch. Dazu kommen Aktaufnahmen von Newton und David Lynch.

Wie wunderbar Fotografien, Malereien und Wunderkammer-Artefakte in einer Ausstellung zusammen wirken, zeigt „The ­Moment is Eternity“ im me collectors room. 300 Werke aus der Sammlung Olbricht, ­kuratiert von der auf Fotografie spezialisierten Galeristin Annette Kicken. Stefanie Dörre

Das letzte Bild C/O Berlin, Hardenbergstr. 22-24, Charlottenburg, bis 3.3.

Nobuyoshi Araki C/O Berlin, Adresse siehe oben, bis 3.3.

Leiter, Lynch, Newton. Nudes Helmut Newton Foundation, Jebensstr. 2, Charlottenburg, bis 19.5.

The Moment is Eternity me Collectors Room Berlin, Auguststr. 68, Mitte, bis 1.4.


Der Gropius-Bau belebt den Geist

Emil Nolde (1867–1956) Tänzerin 1913 Farblithographie auf Papier auf Karton
 57.7 x 72.7 cm
 Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014, Provenienz in Abklärung / aktuell kein Raubkunstverdacht © Nolde Stiftung Seebüll

Goldhort, Gurlitt, Zeppelin: Der Gropius Bau bietet für die Tage zwischen den Jahren viel Abwechslung. Solch eine spektakuläre Archäologieschau dürfte es in Berlin so schnell nicht wieder geben. Da ­­blitzen die Goldhüte in der Vitrine, und selbst die Kopie der Himmelsscheibe von Nebra wirkt so faszinierend wie das Original, es war in den ersten sechs Wochen der Ausstellung „Bewegte Zeiten“ zu erleben. Das Exponat wurde Mitte Dezember ausgetauscht gegen den nicht minder schmucken Goldhort von Gessel. Nun ist Endspurt und letzte Gelegenheit, die Leistungsschau von Deutschlands Landesarchäologen im Gropius Bau zu besuchen.

Wer einen Trip einplant, sollte Zeit mitbringen, egal, ob er nur eine Ausstellung wählt oder alle drei im schönen Gebäude des ehemaligen Kunstgewerbemuseums besichtigt. Zwischen den Jahren erscheint dafür goldrichtig. Mal Abtauchen in die Welt der jüngsten Ausgrabungsfunde, die NS-Verstrickungen des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt anhand seiner gehorteten Papier-Arbeiten nachvollziehen oder das hippe Luftschiff betrachten, das Lee Bul über dem Lichthof schweben lässt.

Die neue Leiterin des Hauses, Stephanie Rosenthal, setzt auf zeitgenössische Kunst und hat die ­Koreanerin für ihre Antrittsschau gewählt. Die 54-Jährige baut ­Installationen, glitzernde Skulpturen, experimentiert mit edlen Materialien wie Perlmutt, Kristallen, Leder oder Samt, malt und zeichnet. Schick und etwas gewollt mutet die „Crash“ betitelte Schau im ersten Stock an. Man kann nur hoffen, dass darüber hinaus auch künftig ­kulturhistorische Ausstellungen den Radius erweitern. Sie beleben den Geist und nicht nur die Sinne.

Die Mischung macht den Gropius Bau attraktiv für ein breiteres Publikum. Wer ahnt schon, wie die Heizung im gesprengten Berliner Stadtschloss aussah? Diese nicht nur für Technikfreaks spannende Entdeckung bietet der Saal mit der alten Warmluftheizung, die mal ganz modern war. Auch die jüngere Vergangenheit gehört zur Archäologie und natürlich die uralten Trümmer. Die betagten Kostbarkeiten bilden die Mehrzahl unter den rund 1.000 Expo­naten der Archäologie-Ausstellung, und manche sehen trotzdem blutjung aus.

Aufgefahren werden Highlights wie die Venus vom Hohle Fels (auf der Schwäbischen Alb), das erste Kunstwerk, klein und keinesfalls überkandidelt, vor etwa 40.000 Jahren entstanden. Oder der filigrane Klappstuhl aus ­Silber, auf dem vielleicht mal ein römischer Feldherr saß. Kaum vorstellbar, dass dies möglich war, ohne mit dem zerbrechlichen Teil zu kollabieren. Vielleicht wurde es aber auch schon früher mehr bewundert als benutzt. So wie jetzt in dieser Fundgrube an Fundstücken.

Wer die Archäologieausstellung im Erdgeschoss ­hinter sich lässt, trifft im Obergeschoss auf einen anderen Fund. Er wurde in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt entdeckt. 1.500 Kunstwerke hatte ihm sein Vater, Kunsthändler in der NS-Zeit, hinterlassen. Die „Bestandsaufnahme Gurlitt“ verfolgt die Frage nach der Raubkunst. Erzählt wird ein Stück Zeitgeschichte entlang der Biografie von Hildebrand Gurlitt (1895-1956). Auch dies kein Schnee von gestern, denn die Provenienzforschung erscheint heute wichtiger denn je. Andrea Hilgenstock

Gropius-Bau Niederkirchner Str. 7, Kreuzberg

Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland Bis 6.1.

Bestandsaufnahme Gurlitt Bis 7.1.

Lee Bul: Crash Bis 13.1.


Sechs Ausstellungen im Hamburger Bahnhof: Von der klassischen Moderne bis zu internationalen Trends

George Segal Man Installing Pepsi-Sign, 1973 © The George and Helen Segal Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2018 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Ein Besuch im Hamburger Bahnhof ­beginnt idealerweise gleich in der großen Halle mit Agnieszka Polskas Video­installation „The Demon’s Brain“, die sie hier spektakulär mit dem Gewinn des Preises der Nationalgalerie umsetzen konnte. Die Geschichte vom Salzminenbesitzer Serafin, der im Frühkapitalismus einen jungen Reiter als Boten losschickt, der dann im Wald einen durchaus knuffig aussehenden Dämonen trifft und von ihm in Versuchung geführt wird, hat eigentlich alles, was heute im Spätkapitalismus wichtig ist, auch in der Kunst: Botschaft, Drive und eine Optik, die sich gut in sozialen Medien weiterverbreiten lässt.

Das mit der Botschaft ist auch in der ­großen Ausstellung darüber („How to talk with birds, trees, shells, snakes, bulls and lions“) eine eindeutige Sache, es geht um die Interaktionen junger internationaler Künstler*innen mit Flora, Fauna und den oft weit abseits der Kunstwelt liegenden Orten, an denen diese anzufinden sind. Kuratiert von der Berliner Künstlerin Antje Majewski ist diese Ausstellung konzeptioneller und weniger glossy, aber in ihrem Aufbau ähnlich zeitgenössisch.

Jedenfalls ziehen beide Ausstellungen, sowohl Polskas Installation als auch Majewskis Schau, gerade ein auffallend junges Publikum an, das dann bestimmt auch den weiteren Weg durch das Haus findet. Neben dem ebenfalls sehr jungen und im besten Sinn verspielten Sam Pulitzer mit seiner ersten Einzelausstellungen „Whim oder Sentiment or Chance“ warten da noch drei weitere Ausstellungen, die sich klassisch und eurozentrischer der Neuen Sachlichkeit und der Moderne verschrieben haben: Da ist zunächst ebenfalls im oberen Stockwerk die tolle Schau um die Breslauer Akademie und den dort in den 1920er-Jahren lehrenden Expressionisten und Brücke-Künstler Otto Mueller, die ihn und seine Weggefährten wie Oskar Schlemmer in der Ausstellung „Maler.Mentor.Magier“ in ihrer ganzen dama­ligen Radikalität und Liberalität zeigen.

Und dann werden die hauseigene Sammlung sowie die Sammlung Marx und die Flick-Collection neu präsentiert: In der kleineren Kleihues-Halle mit der Skulpturen-Ausstellung, „The Elefant in the Room“, die allerdings arg an der Dominanz der Halle leidet. Und in den großen Rieckhallen die entsprechend große Ausstellung „Local histories“, die dieses Problem nicht hat. Dort hat Kuratorin ­Matilda Felix sich einen gleichlautenden Essay von Donald Judd zur Hilfe genommen und daraus eine sehenswerte Schau um Künstler*innen und deren Netzwerke von den 60er- bis zu den 90er-Jahren zusammengestellt, mit Stars wie Nauman, Morris, Richter, Polke und Genzken.

Zum Schluss noch ein Tipp: Natürlich kann Agnieszka Polskas Video-Arbeit auch zum Schluss des Ausstellungsmarathons ­besucht werden – sie hat den unschlagbaren Vorteil, über dicke Sitzkissen zu verfügen. Iris Braun

Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Tiergarten

Agnieszka Polska bis 3.3.

How to talk with birds, trees … bis 12.5.

Sam Pulitzer  bis 14.4.

Otto Mueller bis 3.3.

Der Elefant im Raum bis 8.9.

Local Histories bis 29.9.

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