Die Stadt als Serie

Die besten Berlin-Fernsehserien aller Zeiten

Von wegen: Wir leben im ­Goldenen Zeitalter der ­Fernsehserien. Guten Stoff für Serienfans gab es im TV schon immer, manchmal waren die Versuche, Anspruch und Unterhaltung zu verbinden, sehr gelungen. Es ging aber auch das eine oder andere daneben. Und gerade ­Berlin – größte deutsche Stadt, Schmelztiegel, Fluchtpunkt – lieferte immer Vorlagen und Kulissen. Wir haben die besten Berlin-Serien aus 50 Jahren einmal zu­sammengefasst.

Weissensee, Foto: Julia Terjung 2011/ MDR 2014/ EuroVideo

Unser Pauker
(1965) Georg Thomalla spielt in dieser in Tempelhof (Union-Film-Studios) gedrehten Familienserie einen Grundschullehrer. Hansi Jochmann, später die Stimme von Jodi Foster, ist eine Schülerin. Die Dialoge sind schnell und schnippisch und waren der großen Helga Feddersen Vorbild, die zehn Jahre später mit „Geschichte einer Klasse“ eine der besten Schulserien aller Zeiten in Charlottenburg drehen sollte.

Die Unverbesserlichen
(1965 – 71) Quälend war das, wenn Joseph Offenbach in seiner Rolle als Kurt Scholz näselnd nach seiner Frau „Käääääthe!“ rief, gespielt von einer sich damals gerade den Kiekser in der Stimme antrainierenden Inge Meysel. Es ging in den sieben Folgen – jedes Jahr schrieb Robert Stromberger eine neue – um eine Kleinbürgerfamilie in Berlin mit den typischen Kleinbürgersorgen: Das Geld für eine neue Nähmaschine wird verprasst, Sohn Rudi schmeißt die Lehre hin, Tochter Doris (Monika Peitsch, keuch) lässt sich scheiden, ungewollte Schwangerschaften, kleine Betrügereien, die Schwierigkeiten, mit der zunehmend dementen Omimi (Agnes Windeck) zusammen in einem Mehrgenerationenhaushalt zu leben. Kaum zu glauben, aber das hatte damals Straßenfegerqualität.

Drüben bei ­Lehmanns
(1970 – 71) Starkabarettist Walter Gross und Brigitte Mira als Inhaber eines Tante-Emma-Ladens im kleinbürgerlichen Wilmersdorf. Es gab viele soziale Probleme, es wurde viel berlinert, und den Drehort in der Ludwigkirchstraße 11a kann man heute noch besichtigen. Zwei Staffeln mit je 13 Folgen.

Direktion City
(1976 – 82) Nach dem Vorbild der britischen Serie „Task Force Police“ lösten Andreas Mannkopf, Klaus Sonnenschein und Gerd Duwner (die erste Stimme von Ernie) als Fahnder der Direktion 3 (Keithstraße) allerhand Fälle mit soziokritischen Hintergründen. Die Drehbücher waren Klasse, die Kulissen erbärmlich. Trotzdem dürfte „Direktion City“ Vorbild für spätere knallharte Polizeikrimis à la „KDD“ und „Abschnitt 40“ sein – 33 Episoden in vier Staffeln.

Spuk…
(1978 – 2002) Nur die ersten beiden Staffeln der „Spuk“-Serie, einer sehr kindgerechten Gruselkomödie, die auch nach der Wende fortgesetzt wurde, spielen in Berlin. Aber die Ansichten des Kulturparks Plänterwald, des Centrum-Warenhauses am Alex, der Halbinsel Stralau und des berühmten Hochhauses Nr. 4 in der Langen Straße vermitteln ein schönes Bild von Ost-Berlin vor dem Mauerfall.

Berlin Alexanderplatz, Foto: Kinowelt, Studiocanal

Berlin Alexanderplatz
(1980) Es war das Herzensprojekt von Rainer Werner Fassbinder. Alles was er vorher gemacht hatte, lief auf die 14-teilige Verfilmung von Alfred Döblins Jahrhundertroman über das traurige Schicksal des Ex-Häftlings und Außenseiter Franz Biberkopf hinaus, der von einer unverständigen Gesellschaft verachtet wird. Und dann fiel die versammelte deutsche Presse über Fassbinder her: Die auf Filmmaterial gedrehte Serie sei viel zu dunkel fürs Fernsehen, die Musik – vor allen Dingen in der letzten Folge, dem Epilog – sei schrecklich, die ganze Handlung moralisch verwerflich, brutal und schmuddelig. In den USA sah man das ganz anders: Das „Time Magazine“ nahm die Serie in die Liste der 100 besten Literaturverfilmungen auf.

Ich heirate eine Familie
(1983 – 86) Währenddessen, im feinen Zehlendorf: Die geschiedene Boutiquenbesitzerin Angi Graf (Thekla Carola Wied) lernt den Wiener Werbegrafiker Werner (Peter Weck) kennen und lieben. Von Boulevard-Theaterlegende Curth Flatow launig geschrieben, ist die Serie besser als ihr Ruf. Weck als grantelnder Österreicher in einer Stadt, die mehr Schein als Sein ist, das hat durchaus abgründigen Witz. Nach drei Staffeln mit 14 Folgen war alles auserzählt.

Berliner Weiße mit Schuss
(1985 – 95) Ein Vehikel für Günter „Pfitze“ Pfitzmann und die Stars des Berliner Boulevardtheaters, jede der 19 Episoden war in sich abgeschlossen. Genau wie in anderen Serien mit dem Publikumsliebling („Praxis Bülowbogen“, „Der Havelkaiser“) wurde viel Wert auf das Lokalkolorit gelegt.

Liebling Kreuzberg, Foto: Studio Hamburg Enterprises

Liebling Kreuzberg
(1986 – 98) Der Anwalt Robert Liebling hat schlechte Manieren, rasiert sich selten, trägt gerne bunte Krawatten und Schlapphüte und hat eine ungesunde Vorliebe für Zigarren und Götterspeise. Manfred Krug ist Robert Liebling, auf den Leib geschrieben hat ihm die Rolle sein Buddy Jurek Becker (die vierte Staffel stammte von Ulrich Plenzdorf). 58 Folgen in fünf wunderbaren Staffeln, mit der Musik von Klaus Doldinger.

Berlin Berlin
(2002 – 05) Lolle (Felicitas Wolf) kommt aus der norddeutschen Provinz ins Berlin (Erkelenzdamm 11-13) der Nachwendezeit, ver- und entliebt sich. Besonders schön waren die Zeichentricksequenzen, die die Handlung immer wieder sarkastisch kommentierten. Großartige Drehbücher von David Safier, 86 Folgen in vier Staffeln.

Türkisch für Anfänger
(2006 – 08) Josefine Preuß, Hauptdarstellerin der Serie, legt Wert darauf, dass sie einen „tollen Arsch“ hat, was wir gern bestätigen. Aber auch die anderen Hauptdarsteller in dieser Türkisch/Deutschen-Familienserie (Elyas M’Barek, Pegah Ferydoni, Anna Stieblich) können überzeugen. 52 Folgen in drei Staffeln und ein Kinofilm.

Weißensee
(seit 2010) Die mit Preisen überhäufte Serie von Annette Hess und Friedemann Fromm schildert das Schicksal der Stasi-Familie Kupfer und den Dissidenten der Familie Hausmann zwischen 1980 und 1991. Gedreht wird allerdings fast ausschließlich in Babelsberg und Sacrow. Der Schreibfehler im Titel der Serie („Weissensee“) wird auf das Werbematerial der ARD zurück geführt: In Großbuchstaben gab es bei Serienstart noch kein „ß“.

Im Angesicht des ­Verbrechens
(2010) Auf der Berlinale 2010 hatte Dominik Grafs zehnteilige Serie über die russische Mafia in Berlin Premiere. Und die Vorabkritiken klangen vielversprechend, ganz mutige verglichen sie sogar mit dem Meisterwerk „The Wire“. Aber dann war es doch bloß ein zehn Stunden langer „Tatort“.

4 Blocks, Foto: 2017 Turner Broadcasting System

4 Blocks
(2016) Warum nun ausgerechnet diese Serie vom Feuilleton so hochgejazzt wurde, entzieht sich unseren Einsichten. Begegnen möchte man den brutalen Galgenvögeln von „4 Blocks“, nach dem Vorbild von einflussreichen arabischen Großfamilien aus dem Bereich der organisierten Kriminalität gestaltet, nämlich nicht. Und was nun genau so ehrenhaft an Hehlerei, Rauschgift und Mädchenhandel ist, können wir auch nicht aus dem Stand erkennen. „4 Blocks“ hätte gerne so einen epischen Atem wie „Der Pate“ (oder wenigstens „Die Sopranos“); Es reicht jedoch nur für die erbärmliche Fiesheit von „Gomorrah“. Ein genaues Bild dieser Stadt in dieser Zeit liefert die Serie allerdings schon. Bisher wurden sechs Folgen produziert, eine zweite Staffel soll folgen.

Berlin Station
(2016) Daniel Miller, Analyst der CIA, soll in Berlin einen Whistleblower entlarven. Was harmlos klingt wird immer blutiger. Der US-Sender Epix produziert gemeinsam mit dem Studio Babelsberg, die Besetzung ist unfassbar gut, die Inszenierung etwas glatt, die Drehbücher einen Tick zu vorhersehbar. Aber Berlin sieht toll aus. Zehn Folgen bisher, 13 weitere sollen nächstes Jahr folgen.

Ku’damm 56
(2016) Der Überraschungserfolg des letzten Jahres, denn von der Geschichte einer Tanzschule im feinen Berliner Westen der frühen Fifties hatte sich eigentlich niemand etwas versprochen. Und dann kamen der Grimme-Preis, der Deutsche Fernsehpreis, eine Emmy-Nominierung und eine Fortsetzung im nächsten Jahr. Die Mischung aus verschwiemeltem Spießertum und zaghafter Rebellion konnte einfach überzeugen.

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