Stadtleben

Die besten Berliner Salons

Dem digitalen Overkill folgt die Sehnsucht nach der echten Begegnung. In den neu erblühten Berliner Salons wird gesungen, gestritten und über das Leben an sich philosophiert

Mahide Lein, Foto: FA Schaap

Sonntag, kurz nach 18 Uhr. Die Wohnungstür von Mahide Lein im dritten Stock eines Altberliner Mietshauses in Kreuzberg steht weit offen. Aber von der Gastgeberin des heutigen „Mahide’s Salon“ ist nichts zu sehen. Erst beim Eintreten in die mit ungewöhnlichen Sammelstücken aus ­einem umtriebigen Leben märchenhaft ­gestalteten Räumlichkeiten fällt auf: Sie sitzt noch am Küchentisch, führt letzte ­Bastelarbeiten an einer Überraschungsgabe für einen befreundeten Künstler aus. Wer sich dazu setzt, hat sofort ein Thema: Den zu beschenkenden Künstler, eine bunte ­Figur im Berliner Kulturleben. Oder die ­Frage: Wer bastelt eigentlich noch? Sanft gleiten die ersten Gäste, die sich untereinander noch nicht kennen, in unbefangene Unterhaltungen.

Als es immer voller und die Küche zu eng für alle wird, entscheidet ein Trupp, ins ­Arbeitszimmer zum Büfett zu wechseln. ­Einen zweiten zieht es ins Wohnzimmer. Dort, zwischen Klavier, westafrikanischem Balafon und einem Schreibtisch, auf dem ein ­Dia-Karussell rhythmisch Bilder auswirft, drängt man sich auf der Couch, ­Hockern und auf Sesseln. Die frisch gebackenen ­„Küchenbekanntschaften“ tauschen erste bio­grafische Details aus. Jeder, beziehungsweise jede – es sind deutlich mehr ­Frauen da –, die neu ­hereinkommt, wird von der Gastgeberin kurz vorgestellt. Eine emeritierte Soziologie-­Professorin und Filmemacherin ist da. ­Außerdem eine Gender- und Rassismusforscherin. Und ein afrikanischer Musiker.

Ein richtiges Programm, wie sonst in dem zwischen Oktober und Mai einmal monatlich stattfindenden „Mahide’s Salon“ üblich, fällt heute allerdings flach. Lein, Betreiberin der Künstleragentur „Ahoi Artists & Events“, ist soeben aus dem polnischen Kattowitz zurückgekehrt, wo dieses Jahr die Womex stattfand, eine Weltmusik-Messe. Da war keine Zeit ­geblieben, den Abend lange vorzubereiten. Macht aber nichts. „Ich bin heute selbst der Special Guest“, kräht sie entschlossen. Und beginnt, die an die Wand projizierten Dias zu kommentieren. Es sind Bilder mit viel nackter, weiblicher Haut aus der Zeit zwischen 1986 und 1990, als Lein das Projekt „Pelze Multimedia“ in einem Laden in der Schöneberger Potsdamer Straße betrieb. Dort gab es Filme, Konzerte, Performances – und Sex.

Neben eloquenten Kulturmanagern oder auch Wirtschaftsentscheidern, die privat ihre musischen Seiten pflegen, sind es mehr oder minder schräge Vögel wie Mahide Lein, die die aktuelle Berliner Salonkultur am Laufen halten. Sie alle haben sich auf ihre Fahnen geschrieben, die bereits von frühen Berliner Salonièren – darunter Rahel ­Varnhagen, ­Henriette Herz oder Dorothea Schlegel – geförderte Kunst der geistreichen Konversation in heimischer Atmosphäre in die Jetztzeit zu retten. Wie ihre Vorbilder aus dem 18. und 19. Jahrhundert, es waren oft gebildete Jüdinnen aus dem Bürgertum, geht es auch den aktuellen Salonièren und Saloniers darum, in einem geschützten Umfeld unter anderem Standesgrenzen zu überwinden, um ungewöhnliche, inspirierende Begegnungen zu ermöglichen.

Eingestreute philosophische Vorträge, Lesungen, musikalische, schauspielerische oder gar artistische Darbietungen von befreundeten Künstlern, Geistes- oder anderen Wissenschaftlern sorgen für gemeinsame Interessensschnittmengen und bieten Gesprächsstoff. Versierte Gastgeber vermitteln zudem subtil neue Bekanntschaften.

In „Mahide’s Salon“ knallen manchmal Welten aufeinander. Als Feministin und Lesbe ist ihr Bekanntenkreis aus der LGBT-Szene schier endlos. Gleichzeitig wird sie durch eine ­riesige Neugier auf Menschen aus Afrika, Asien, dem Orient oder Südamerika angetrieben. So ist die Chance groß, dass ein eigentlich homophober afrikanischer Musiker in „Mahide’s Salon“ auf einen offen schwulen Schriftsteller trifft – und feststellt, wie viel sich beide zu sagen haben.

Die Sehnsucht danach, oberflächliches Geplänkel zu durchbrechen und in tiefschürfenden Gesprächen neue Dimensionen zu entdecken, sorgt seit je dafür, sich zu einer der Urformen der Salonkultur – einem privaten Lesekreis – zusammen zu tun. „Vier Augen lesen einfach mehr als zwei“, sagt Christoph Hamann, der mit Kommilitonen vor 30 Jahren die private „Literaturgruppe Berlin“ gegründet hat und immer noch erstaunt ist, wie viel mehr man in Büchern entdecken kann, wenn man sie mit anderen bespricht.

Das Bedürfnis, mit anderen von Angesicht zu Angesicht in intensive Diskurse zu kommen, erkennt auch Christian Modehn, ein Journalist, Theologe und Philosoph als ursächliche Triebfeder für das in den ­letzten Jahren stark angewachsene Interesse an der neuen Berliner Salonkultur. „Angesichts des Zer­brechens von Kirchen, Gemeinden oder Familien fehlt zunehmend das Umfeld für substanzielle Gespräche“, sagt Modehn. Umso mehr geht es in dem von ihm vor zehn ­Jahren gegründeten „Religionsphiloso­phischen ­Salon“ schnell ans Eingemachte: Bei ­Themen wie „Gut leben angesichts des Endes der Wachstumsgesellschaft“, „Glück oder Sinn – worauf kommt es im Leben an?“ oder ­„Einige Aspekte zur Aktualität der islamischen Philosophie“ kommt man weder mit unverbindlichem Smalltalk noch einem „Wisch und weg“ wie beim Smartphone weiter.

Doch natürlich geht es nicht in allen ­Salons um derart existenzielle Fragen. Wichtig bleibt den Salonbesuchern, einen interessanten Abend mit spannenden, echten ­Menschen zu erleben. Außerdem wollen die meisten von ihnen Kultur nicht nur passiv konsumieren, sondern ihr etwas Eigenes hinzufügen: Das können spontan entwickelte Gedanken sein, die im Gespräch ihren Ausdruck finden. Mitunter sind es aber auch neue Projekte, die in einem Salon miteinander bekannt gewordene Menschen starten. Sogar Revolutionen wurden einst in Salons geplant.

Manche Berliner Salons indessen sind so erfolgreich geworden, dass die ihnen eigentlich zugrunde liegende Vernetzungsidee nur noch schwer umgesetzt werden kann. Wenn sich etwa in großen Berliner Literatursalons über 200 Besucher drängen, dann unterscheidet sich das Event nur wenig von den üblichen moderierten Lesungen mit Podiumsdiskussion. Britta Gansebohm, Berliner Pionierin in ­Sachen wiederbelebter, hauptstädtischer ­Literatursalonkultur, weiß um dieses Dilemma: „Ich plane immer ausreichend Zeit für meine Salons ein, damit die Gäste nach dem offiziellen Teil des Abends an der Bar mit den Schriftstellern und untereinander ins Gespräch kommen können.“

Ernst Becker und Moon Suk, sie betreiben in ihrer Privatwohnung den Salon Moon, ­kennen ihre Gäste zwar auch nicht alle ­persönlich, das obligatorische Anmelde­verfahren per E-Mail jedoch hilft bei der ­späteren namentlichen Begrüßung. Die beiden sind vollendete Gastgeber. Becker, dezent in Schwarz gekleidet, nimmt die Gäste mit verbindlichen Worten an der Eingangstür in Empfang. Die gebürtige Koreanerin Moon Suk schwirrt zwischen den Neuankömmlingen, umarmt mal diese und mal jenen – ohne dass ihre kunstvolle, mit Blume und Federn ­besteckte Frisur Schaden nimmt.

Dass die Salonière hier der unumstößliche Star ist, ist unübersehbar. Die ausgebildete Opernsängerin bestreitet nicht nur einen Großteil des Kulturprogramms. Die Wände des einen Zimmers sind auch gepflastert mit Fotoporträts von Moon, darunter auch Akte. Dass die Gastgeberin außerdem als Malerin wirkt, erlebt man im Wohnzimmer, dem ­eigentlichen Salon. In dominierenden Rot- und Gelbtönen bestimmen die quadratischen, abstrakten Bilder die warme Atmosphäre des Raums. Im späteren Verlauf wird sich Moon Suk noch als exzellente ­Köchin erweisen: Die koreanischen Speisen, die die Besucher an einer langen Tafel einnehmen, hat sie selbst bereitet, natürlich.

Diese Omnipräsenz scheint zu überzeugen. Einladungen von ihren internationalen Gästen haben dazu geführt, dass Moon Suk und Ernst Becker mit ihrem Salon-Konzept 2018 ein Jahr lang auf Weltreise gehen ­werden. Erstes Ziel im Februar: Südkorea. Dann, wenn dort parallel die Olympischen Winterspiele stattfinden.

Hier geht es zur Übersicht mit den besten Berliner Salons

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