Top Ten 2017

Die besten Platten 2017

Die Jury des tip-Plattenspiegels hat entschieden und die besten zehn Platten des Jahres ausgewählt. Hier kommen die besten Alben mit den Originalkritiken aus dem tip:

1. King Krule „The Ooz“ (XL Recordings)
Link: https://youtu.be/K5-f1Bnltu8

Was Archy Marshall unter den Pseudonymen DJ JD Sports und Edgar the Beatmaker für funky boombapige Beats produziert, scheint nun endlich mit seiner als King Krule gebrauten verträumten Fusion von Indie-Rock, Jazz und Dark Wave zu kulminieren. Der erst 23-jährige Brite ist halt Vollblutmusiker, der in seinen Sessions den Geist von Morrissey, Fela Kuti und J Dilla einbringt. „The Ooz“ stehen trotz Überlänge und Mut
zur Unfertigkeit viele Superlative zu.

 

2. Sampha „Process“ (Beggars)
Link: https://youtu.be/_NSuIYwBxu4

Unglaublich, wie viel Aufmerksamkeit der 27 Jahre junge Mann aus London weltweit schon erregt hat, noch bevor sein erstes Album auf den Markt kam. In der Londoner Club-Szene liegt das daran, dass Sampha bei Sets des Dubstep-Produzenten SBTRKT live oft seine warmen, bis ins Falsetto reichenden Vocals beisteuert. Weltweites Aufsehen haben die hochkarätigen Kooperationen erreicht: Mit Kanye West und Drake mischte Sampha in der Spitzenliga des kommerziellen Rap mit. 2016 heuerten die zurzeit stärksten R’n’B-Acts des Planeten, Frank Ocean und Solange Knowles, Sampha für je einen Track an. Der von Solange heißt „Don’t Touch My Hair“ und ist kein bisschen harmlose Mikrotragödie, sondern Power-Statement einer Woman of Color, deren
Würde selbstverständlich unantastbar sein sollte. Klavier spielt Sampha, seit er drei ist, manchmal noch auf exakt jenem Instrument, das sein Vater damals kaufte, als Alternative zum TV. Sampha liebt die Vibrationen richtiger Klaviermechanik. Am eindringlichsten spürt man das in der spärlich arrangierten Ballade „(No One Knows Me) Like the Piano“. Ein schwermütig bis hymnisches Lied auf dieses Instrument im Haus seiner verstorbenen Mutter, das die volle Wucht seiner Emotionen auf die Tasten, in die Hämmer, auf die Saiten bekam, von ihm, dem introvertieren Sampha, der der Welt ansonsten scheinbar stoisch ruhig begegnet. Als Teenager begann Sampha aber auch, Electro am Rechner zu produzieren. Man hört dies bei fast allen seiner Songs, dass hier einer nicht bloß den Soul in der Stimme hat, sondern auch den Dub aus dem Club in der Blutbahn. Besonders bei den hektisch treibenden Beats von „Blood On me“, das wie eine Hetzjagd auf einen Menschen klingt. Sampha hat diese perfekt samtene Stimme. Ein Glück, dass er sie für solch spannende Songs einsetzt.

 

3. The xx „I See You“ (Young Turks)
Link: https://youtu.be/qqflFMhkqHM

Sie sind diffuse Projektionsfläche par excellence: die drei Briten von The xx. Und weil ihr leicht experimenteller Melancho-Pop so viele Leerstellen birgt, kann jeder Zuhörer hineinlegen, was ihm selbst gefällt. Ohne The xx gäbe es großartige Bands nicht; Daughter etwa, die in ihren stillen Momenten The xx imitieren, aber dagegen härtere Knallkontraste setzen. Die gibt’s bei The xx nicht. Die bleiben cool und clean. Ihr Song „Intro“ vom ersten Album 2009 wurde von Rihanna gesampelt und in Stadien auf Fußball-Europameisterschaften gespielt. Sie sind der kleinste gemeinsame Nenner des Mainstreams. Man kann sie nicht schlecht finden, ohne sich ein bisschen lächerlich zu machen. Aber sind sie grandios auf ihrem neuen, dritten Album? Sie, die als 16-Jährige ein neues Genre aus dem Hut gezaubert hatten? Eigentlich nicht. Die zehn Mid-Tempo-Tracks in Moll halten Mikro-Spannung, keine Frage: Sängerin Romy Madley Croft intoniert klarwarm, genau die richtige Dosis Nebelhall auf ihren Vocals. Wie sich Crofts Stimme mit der von Sänger Oliver Sim ergänzt, zuweilen verflicht, klingt zauberschön. Die vom Band-eigenen Produzenten Jamie xx Smith leicht getrappten Beats setzen dazu Synkopen, zumal mit den Afro-Beat-inspirierten Groovebässen, ebenfalls von Oliver Sim. Und trotzdem hält sich der Gedanke: Irgendwas fehlt da. Die Funken Frechheit, um aus einer lala-okayen Platte etwas zu machen, auf das man nicht mehr verzichten will. Sie lehnen sich nie aus dem Fenster, und das langweilt auf Dauer. Im Albumnamen kann man eine Referenz auf The Velvet Underground sehen, auf den von The xx geschätzen Song „I’ll Be Your Mirror“, in dem Lou Reed textete: „Please put down your hands / Cause I see you.“ Man kann diese Referenz sehen. Man kann es aber getrost auch bleiben lassen.

 

4. Gorillaz „Humanz“ (Parlophone/Warner)
Link: https://youtu.be/5qJp6xlKEug

Alles beginnt mit einem Space-Trip. De La Soul werden von einem derben Tech-House-Beat begleitet, Popcaan macht futuristisch auf Dancehall und Grace Jones motzt über eine Antenne. Der Ernst des Lebens spielt später eine Hauptrolle. Benjamin Clementine kritisiert in „Hallelujah Money“ die politische Aktualität und Albarns Ex-Erzfeind Noel Gallagher beschwört in „We Got The Power“ zusammen mit Jehnny Beth von den Savages die Kraft der menschlichen Liebe. Dieses Album ist ein Riesen-Parcours. Und eine große Leistung.

 

5. Dillon „Kind“ (Pias/Rough Trade)
Link: https://youtu.be/NK_S3GH4WmE

Es war vor allem die Stimme, die von Dillons 2011er-Debüt im Ohr blieb. Diese immer leicht heisere Stimme, deren klanggewordenem Kindchenschema gleiche Naivität nie so recht zu den musikalischen Abgründen passen wollte, über denen sie schwebte. Mädchenhaft ist der Gesang auf Dillons mittlerweile drittem Album „Kind“ immer noch, aber gleichzeitig von neuer Intensität. Auf knapp 35 Minuten balanciert die in Brasilien geborene Wahlberlinerin über einer Schlucht voll schräger Tubaklänge und düsterer Elektronika, die an James Blake und andere Dubstep-Heroen erinnern. Dann wieder kreieren die Bläser eine nachgerade geheiligte Atmosphäre, während die ansonsten so dezente Elektronik unversehens ins Berghain entführt. Dillons Ringen um jedes Wort und jeden Ton, das beim letzten Album in quälender Schreibblockade gipfelte, ist stets präsent – genauso wie die Erleichterung, ja: Erlösung, wenn sich alles fügt. Und dann ist da plötzlich ein Klirren, das von den Spiegelsplittern der Schneekönigin herrühren könnte, lässt es doch Herzen so kalt werden wie Eis. Wenn Dillon dann für ein suggestives „Schlaf ein, schlaf ein“ ins Deutsche wechselt und sich das Klirren zum Piepen eines Herzmonitors wandelt, lässt das erschauern. Nach dem portugiesischen, ganz ohne Ipanema-Feeling auskommenden, „Te Procuro“, der spröden a cappella-Rezitation „The Present“, dem mehr als Performance denn als Popsong daherkommenden „Contact Us“ und dem eine Art Stammesritual zelebrierenden „Killing Time“ verliert das Album in der glockenschlagreichen Reprise des Openers endgültig die Kontrolle über die Bordelektronik, die irrblinkt und brizzelt wie ein sich selbst überlassenes Raumschiff, das verzweifelt versucht, den Kontakt zur Bodenstation wiederherzustellen. Schaurig-schön!

 

6. Lorde „Melodrama“ (Universal)
Link: https://youtu.be/zJuygTp7ydE

Wer Lorde für eine austauschbare Sängerin hält, muss sich auf einen Fight im Jenseits gefasst machen – mit David Bowie, der sie zur Zukunft der Musik erklärte. Zurecht, natürlich. Ein Highlight des zweiten Albums der 20-jährigen Neuseeländerin ist „Liability“. Wo selbst bei erstklassigen Pop-Sängerinnen wie Beyoncé und Rihanna die Klavierballade nur Pflichtprogramm für die Kuschelkäufer ist, seziert sich Lorde in „Liability“ herzzerreißend als eine, die man für giftiges Spielzeug hält. Stärkstes Mainstream-Pop-Album der Jahreshälfte.

 

7. The National „Sleep Well Beast“ (4AD)
Link: https://youtu.be/71xmrULJ-ms

Vielleicht sind Arcade Fire ja die beste Hallenrockband der Welt, viel eher ist das aber schon die Lieblingsband von Barack Obama: The National. Entschuldigung, aber: Wer immer noch nicht in seinem eigenen Tränenplanschbecken ertrinkt bei Matt Berningers Rotweinkehlenbaritonreflexion auf menschliche Beziehungen, steckt demnächst Babygekkos in den Mixer. Beste Herbstplatte so far.

 

8. Mavis Staples „If All I Was Was Black“ (Anti/Indigo)
Link: https://youtu.be/i4eEPZ-_vqY

Einfach nur schön singen hat Mavis Staples noch nie gereicht. Die vom Rolling Stone auf Rang 56 der 100 besten Vokalisten aller Zeiten Gelistete mischte schon in den Sixties mit Martin Luther King in der Bürgerrechtsbewegung mit. Auch heute verpackt sie ihre Wut in stimmgewaltige Protestsongs, die ob knochentrockenen Rhythmus- und psychedelischen Leadgitarren viel zu funky klingen, um einfach nur Soul zu sein. Wilco-Frontmann Jeff Tweedy bringt zudem allerlei Sing-Along-Americana ins Spiel.

 

9. Bilderbuch „Magic Life“ (Maschin Records)
Link: https://youtu.be/BeZyZnwg8uk

Bilderbuch, die hyperaktiven Wunderkinder des Austropop-Revivals. Reüssierte das Quartett vor sechs Jahren noch mit einem Sound, den man bedenkenlos auf Indierockpartys spielen kann, fanden Bilderbuch ihre Bestimmung in der Rolle der campy Paradiesvögel. Bilderbuch setzen der allgegenwärtigen Forderung nach Authentizität knalligen, zitatfreudigen Plastikpop entgegen. Doch überraschen die Songs, mit denen sich die Band nun zurückmeldet: Während „Bungalow“ die unvermeidlichen Falco-Referenzen rechtfertigt, dürfen die Synthies auf „Erzähl Deinen Mädels Ich Bin Wieder In Der Stadt“ und „I Love Stress“, allesamt Vorboten des neuen Albums „Magic Life“, selbstvergessen mäandern. Keine klassischen Hits, keine gängigen Songstrukturen – und doch sitzt die Pop-Pose wie Maurice Ernsts Platinfrisur.

 

10. Kelela „Take Me Apart“ (Warp)
Link: https://youtu.be/ePi5BLJogyA

Das emotional aufreibende Spiel aus Dominanz und Unterwerfung, Intimität und Distanz, Annäherung und Zurückweisung hat die 34-Jährige nach dem viel gelobten Mixtape „Cut 4 Me“ und ihrer bahnbrechenden EP „Hallucinogen“ mit ihrem längst überfälligen Debütalbum perfektioniert. Das Debütalbum „Take Me Apart“ nun ist ein Wunderwerk des digitalen, monochrom glänzenden R’n’B. Es schlägt den Bogen von den abstrakten Sound-Architekturen einer FKA Twigs zum warmblütigen Conscious-Soul von Solanges „A Seat at the Table“ – auf dem Kelela (der Kreis schließt sich) einen Gastauftritt hatte. Und wie eigentlich alle wegweisenden Alben von Künstlerinnen, die zuletzt die Vorstellung von Popmusik produktionstechnisch und klanglich revolutionierten, ist auch „Take Me Apart” zuerst ein Statement weiblicher Subjektivität. Die Widersprüche, von denen Kelela singt, leiten sich jedoch weniger – wie etwa bei Solange – von historischen Kämpfen her; Sie reichen tiefer, tangieren grundsätzliche Fragen der Identität. Wohl auch darum liest man im Zusammenhang mit Kelelas Musik inflationär oft das Wort „futuristisch“. Keine zweite R’n’B-Sängerin findet für die eigenen Zweifel und Strategien der Selbsthinterfragung eine so selbstbewusste und künstlerisch avancierte Form, ohne in eine transhumane Ästhetik abzugleiten. „Take Me Apart“ ist ein Album aus Fleisch, Blut – und voller Leidenschaft. Synkopische Beats, multipel dekonstruierte Klangsignaturen, entkörperlichte Stimmfragmente, die sich dreidimensional aufzufächern scheinen (produziert haben u.a. Arca, Jam City und Romy Madley-Croft von The xx), erinnen letztlich nur daran, dass die beste Popmusik schon immer ein Spiel mit Identitäten war. Und mit dem Hit „LMK“ erobert Kelela jetzt sogar die Clubs.

 

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