Breakdance-Show

Die Breakdance-Show „Flying Illusion“ im Theater am Potsdamer Platz

Mit Megasprüngen in die Zukunft: Seit einem Vierteljahrhundert kämpft die Berliner Breakdance-Crew Flying Steps darum, zu den weltweit besten ihrer Disziplin zu zählen. Ihre Show „Flying Illusion“ demonstriert, wie weit sie dabei gekommen sind

Foto: Ruud Baan / Red Bull Content Pool

Berlin Wedding, wir schreiben das Jahr 2000. Das Haus der Jugend am Nauener Platz ist ein fast schon auffällig schmuckloses Gebäude. Stil: Nachkriegszeit, Fifties vielleicht.

Es ist Frühjahr und aus einer der spärlich ausgestatten Räumlichkeiten hier dröhnen tiefe, vorwärtstreibende Bässe. Nacheinander trudelt etwa ein halbes Dutzend junger Typen ein. XXL-Trainingshosen, verkehrt herum aufgesetzte Basecaps, oversized Sweatshirts – was man eben damals so trug. Wie jeden Tag treffen sich die Flying Steps, eine damals in Berlin nur Insidern bekannte Breakdance-Crew, zum Training. Aufgedrehte Begrüßungs­rituale, dann geht es schon los. Das Ziel der stundenlangen Proben ist ehrgeizig: Die Flying Steps wollen zum Battle of the Year, der Weltmeisterschaft im Breakdance. Die findet im Jahr 2000 in Hannover statt, dort wo gleichzeitig auch die EXPO, die Weltausstellung, läuft.

Dass die Berliner Tänzer den Battle in der niedersächsischen Landeshauptstadt gegen Crews aus den USA, Brasilien oder Japan haushoch gewannen, ist längst Geschichte. Genauso wie einer der Umstände, der ihnen den entscheidenden Vorteil gebracht hatte. „Benny Kimoto hatte damals den Air Twist entwickelt“, erinnert sich Vartan Bassil, der zusammen mit Kadir „Amigo“ Memis die Truppe 1993 gegründet hatte. „Das war ein völlig neues Level im Breakdance.“ Der Sprung aus dem schrägen Handstand, bei dem sich der Tänzer waagerecht in der Luft einmal komplett um seine Körperachse dreht, um dann wieder auf den Händen zu landen, war sozusagen ein Aufbruch in eine neue Dimension.

Trotzdem muss Bassil grinsen, wenn es darum geht, die „Skills“, das Können der frühen Flying Steps, mit den Leistungen der Truppe 18 Jahre später zu vergleichen. „Die Tanzszene hat sich extrem verändert“, sagt er. „Zwischen 2000 und heute – das ist ein Megasprung. Womit wir damals den Weltmeistertitel gewonnen haben, das haben in unserer Tanz-Academy inzwischen schon die Anfänger drauf.“

Tatsächlich gibt es wohl kaum eine andere Tanzrichtung, die sich so rasant entwickelt hat, wie das, was man unter Breakdance, Popping, Locking oder kurz: Urban Dance subsummiert. Grund dafür ist zum einen die extreme Offenheit von Urban Dance, der wie ein Schwamm nicht nur zeitgenössische Bewegungskünste wie Parkour oder Tricking, also akrobatische Sprünge oder Drehungen, aufnimmt und sich auch von elitärem Contemporary Dance oder gar vom Ballett inspirieren lässt. Und zum anderen der stete „Battle“ unter den Breakdancern, der andauernde Wettkampf gegeneinander, der dafür sorgt, dass jeder halsbrecherische Move von dem einen in atemberaubend kurzer Zeit von jemand anderem mit einer noch viel krasseren Bewegungsabfolge beantwortet wird.

Auch bei den letzten Proben zur Wiederaufnahme des Stücks „Flying Illusion“, einer 2014 von den Flying Steps aus der Taufe gehobenen Bühnen-Show mit Tanz, Akrobatik und einem gehörigen Schuss Magie, die bis Ende vergangenen Jahres europaweit gezeigt wurde und nun nach Berlin zurückkehrt, herrscht diese Stimmung. Es sind bis zur letzten Faser durchtrainierte junge Männer und Frauen, die zu schallenden Beats einer nach dem anderen auf einer Matte rhythmisch mal Sprünge und Drehungen, mal alles gleichzeitig vollführen. „Yeah“, „cool“ schwirrt durch die Luft, die Atmosphäre ist adrenalingetränkt.

Doch statt wie früher in irgendeinem Jugendclub unterkommen zu müssen, um Raum für ihre Tanzleidenschaft und deren Fortentwicklung zu finden, haben die „Steps“ längst ihre eigene Tanzschule eröffnet. 2007 zunächst in einem Hinterhofgebäude am Tempelhofer Ufer, seit 2013 auf inzwischen 2.000 Quadratmetern in der Flying Steps Academy auf der Lobeckstraße in Kreuzberg. Über 1.000 Schülerinnen und Schüler sind hier bei Kursen angemeldet, die „Jazz HipHop“, „African Dancehall“ oder „House Foundation“ heißen. Und bei „Funk 40 yo“ lassen sich die Eltern selber mitreißen, anstatt gelangweilt auf ihre trainierenden Kids zu warten.

Von den Erfahrungen, die die inzwischen 38 in teils unterschiedlichen Crews antretenden Flying-Steps-Mitglieder gesammelt haben, profitieren auch die Einsteiger. Es sind nicht nur die vielen neuen, hier gelehrten Techniken, mit denen Moves bewältigt werden, die früher unmöglich schienen, wie Vartan Bassil sagt. Ein Functional-Training-, aber auch ein Reha-Bereich sowie ein Ernährungsberater in der Flying Steps Academy belegen zudem, dass im anspruchsvollen Urban Dance inzwischen an allen vorhandenen Schrauben gedreht wird.

Zu bestaunen ist das bisherige Endergebnis nun fast einen Monat lang im Theater am Potsdamer Platz: 30 kräftezehrende Shows auf höchstem tänzerischem und athletischem Nivau in nur 25 Tagen. Ein Meilenstein. Die Konkurrenz muss sich was einfallen lassen.

Theater am Potsdamer Platz Marlene-Dietrich-Platz 1, Tiergarten, 17.5.–10.6.