Unendliche Weiten

Die Cellistin Anne Müller hat ihr erstes Solo-Album veröffentlicht

Im interstellaren Raum: Anderthalb Jahrzehnte lang hatte halb Indie-Deutschland die Telefonnummer der Cellistin Anne Müller auf der Schnellwahltaste, nun hat sie endlich ihr erstes Solo-Album veröffentlicht. „Heliopause“ ist das Dokument einer langen musikalischen Reise

Foto: Andrea Huyoff

Am 20. August und am 5. September 1977 schießt die US-amerikanische Raumfahrtbehörde die beiden Sonden des Voyager-Programms ins All, ein paar Monate später wird Anne Müller in Berlin geboren. Es soll gut 40 Jahre dauern, bis sich die Wege der beiden Sonden mit demjenigen der Cellistin kreuzen.

Aber der Reihe nach! Müller wächst inmitten einer musikalischen Familie auf. Die Mutter ist im Komponistenverband aktiv, der Vater Dramaturg an der Komischen Oper. „Ich bin damit aufgewachsen, mir die Opern dort anzuschauen“, erinnert sich Müller. Und weil die Eltern derart musikalisch drauf sind, wird die Tochter es auch. Geige möchte sie lernen, eine Karriere als Opernsängerin kann sie sich allerdings ebenso vorstellen. Die Mutter aber widerspricht. „Geige war ihr zu quietschig“, lacht Müller. „Mein sechs Jahre älterer Cousin musste mir dann das Cello näherbringen.“ Das klappt allerdings, der Grundstein für eine Karriere als Orchestermusikerin ist gelegt. Privatunterricht, Studium in Berlin und Frankfurt – alles läuft nach Plan. Eigentlich.

Es soll aber anders kommen und das über Umwege. Während einer Unifreizeit trifft Müller beim Surfen an der Ostsee eine Band, die sie vom Fleck weg als Cellistin engagiert, und lernt so den Produzenten Tobias Siebert kennen. Der ist nicht nur Sänger und Gitarrist der Band Klez.e, sondern auch Produzent einer ganzen Reihe von Bands. Darunter auch Sofaplanet, die 2001 mit „Liebficken“ einen Hit landen.

Sofaplanet heben zu dieser Zeit unter dem Namen Beatplanet ein Nebenprojekt aus der Taufe. „Die hatten sich überlegt, so Sechzigerjahremusik à la Manfred Krug zu machen“, erzählt Müller. Sie stößt als Sängerin und Cellistin dazu, und ihre Telefonnummer steht nur wenige Jahre später bei halb Indie-Deutschland auf der Schnellwahltaste. Klez.e, Phillip Boa And The Voodooclub, Marcus Wiebusch, Sometree, Locas In Love: Sie alle holen Müller als Cellistin ins Studio.

Währenddessen studiert sie allerdings noch. „Im Jahr vor meinem Abschluss habe ich angefangen, in Bands zu spielen, und hatte meinen Eltern davon gar nicht erzählt“, grinst sie. „Bei Bandproben hieß es dann: ‚Pssst, meine Mama ruft an!‘.“

Als sie 2005 ihr Diplom macht, wissen die Eltern jedoch Bescheid, und Müller gibt es kurze Zeit später auf, bei Probespielen für Orchester mitzumachen. Das Schicksal ist ihr schließlich gewogen. Bei einer Weihnachtsfeier des Labelkollektivs Sinnbus lernt sie einen jungen Musiker kennen, der nach Berlin ziehen will und bei der Gruppe Siva angeheuert hat. Die beiden verstehen sich gut, Müller hört sich sein Debütalbum an, „Streichelfisch“. „Das fand ich toll und meinte zu ihm, dass ich gerne ein Exemplar haben wollte, die Platte aber nirgends aufzutreiben war.“

Das Logbuch des Weltraum-Trips

Nils Frahm, wie der junge Mann heißt (der inzwischen ein Star der so genannten Neo-Klassik ist), meldet sich prompt zurück. Müller müsse schon zu ihm nach Hause kommen und vor Ort eine der LPs abholen. Es kommt, wie es kommen muss. Sie findet ihn und Siva-Mastermind Andreas Bongkowski dabei vor, eine Tour-CD aufzunehmen, und da sie sowieso das Cello dabei hat, spielt sie gleich ein paar Parts ein. Frahm zeigt ihr sogleich ein Solo-Stück, an dem er gerade werkelt und spannt sie dafür ein. „Duktus“ erscheint im Jahr 2009 auf dem gemeinsamen Album „7fingers“ erst im Selbstverlag, dann auf dem US-amerikanischen Label Hush und wird schließlich auf Erased Tapes neu aufgelegt.

Seitdem ist Müller eng mit Erased Tapes verbunden und hat, ein Jahrzehnt nach ihrem ersten Release mit Nils Frahm, ebendort ihre Solo-LP „Heliopause“ veröffentlicht. Das hat lange gedauert, Müller war aber alles andere als inaktiv. Zwischen 2009 und 2014 begleitet sie die dänische Songwriterin Agnes Obel live und im Studio, nimmt zeitgleich gemeinsam mit Frahm und anderen eine Menge Material auf. Zunehmend jedoch werkelt sie ab 2011 an eigenen Stücken und nähert sich so der Laufbahn der Voyager-Sonden an. Als die Voyager 2 im November 2018 in die sogenannte Heliopause – den Grenzbereich zwischen einem Sonnensystem und dem interstellaren Raum – eintritt, bleibt der Begriff bei Müller hängen.

Denn nicht nur die beiden Raumsonden, sondern auch sie bricht als Künstlerin mit „Heliopause“ in unerforschtes Terrain auf. „Die Stücke sind mit der Zeit mitgewachsen“, erklärt sie. „Es ist wie eine Reise, die darauf dokumentiert wird.“ Das Logbuch von Müllers Weltraum-Trip umfasst nur sechs Stücke; die aber haben es in sich. Müller vergleicht ihren Ansatz mit dem einer Malerin: Erstmal mit groben Pinselstrichen das gesamte Bild skizzieren, dann kommt das digitale Finetuning. „Der Computer ist doch eine Art Leinwand!“, heißt es dazu. Stimmt natürlich. Bis zu 60 Spuren enthalten manche der Stücke; da schlagen selbst erfahrene Ton-Ingenieure die Hände über dem Kopf zusammen. Doch klingt „Heliopause“ keineswegs überladen, obwohl der experimentelle Charakter nicht zu verleugnen ist und das Klangbild voller Überraschungen steckt. Klavier, Cello natürlich und allerlei Partikel elektronischer Sounds verzahnen sich zu dichten Soundscapes. Hier scheint Müllers Leidenschaft für (Post-)Minimal Music durch, dort erinnern ihre Stücke an die abstrakten Klanggemälde eines Greg Haines, mit dem sie ebenfalls zusammengearbeitet hat.

Bei Live-Auftritten möchte Müller die Stücke alleine auf die Bühne bringen, bewaffnet mit einer Loopstation und anderen technischen Hilfsmitteln, wie sie sie auch im Studio verwendet. „Das klingt dann nicht unbedingt wie auf Platte“, sagt sie. „Aber die Idee dahinter ist ja, dass ich mal nicht mit anderen Leuten auf der Bühne stehe.“

Schließlich markiert „Heliopause“ auch den Start einer Reise in neue unbekannte Welten, die Müller ohne andere Crew-Mitglieder antritt. Nirgendwo bringt das Album dies besser zum Ausdruck als auf dem letzten Stück, dem Titeltrack: Mit der schwebenden Gravitas eines Sci-Fi-Soundtracks bringt dieses die Aufbruchsstimmung auf den Punkt, welche die LP im Gesamten prägt. Anne Müller ist kurz nach den Voyager-Sonden endlich in den interstellaren Raum vorgedrungen und hat hörbar Spaß daran.

Roter Salon der Volksbühne Am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Sa 11.1. + Mo 13.1., 20 Uhr, ausverkauft, ggf. Restkarten an der Abendkasse